In China gibt es zwei berühmte Mauern. Die eine ist kilometerweit zu sehen, die andere ist gänzlich unsichtbar. Trotzdem ist sie nicht weniger allgegenwärtig als ihr steinernes Pendant. Jeder Chinese spürt sie, wenn er im Internet Seiten von Google, Facebook, Twitter oder ausländischen Medien öffnen will. Diese unsichtbare Mauer ist als chinesische Firewall bekannt.

Die Betreiber der Seite greatfire.org dokumentieren seit Jahren die Blockaden dieser Firewall. Auf der Startseite werden blockierte Inhalte aufgelistet. Jeder kann außerdem testen, ob eine Seite oder ein Suchbegriff in China zensiert ist. Mit anderen Worten: greatfire.org ist für die chinesischen Überwachungsbehörden ein gewaltiger Störfaktor. Am Donnerstag erlebte greatfire.org nun eine heftige DDOS-Attacke. Die Server der Seite wurden solange mit Anfragen überhäuft, bis sie überlastet zusammenbrachen und die Seite kurzzeitig nicht mehr erreichbar war.

2,6 Milliarden Anfragen pro Stunde registrierte greatfire.org, was auf einen professionellen Angriff schließen lässt. Wer hinter den Attacken steckt, lässt sich vielleicht nie rekonstruieren. Auch greatfire.org ist ratlos, merkt allerdings an, dass die Angriffe mit vermehrtem Druck in der jüngeren Zeit zusammenfallen. Gerade erst habe die Cyberspace Verwaltung China (CAC) die Seite als organisierte Anti-China-Seite bezeichnet.

Erst vor Kurzem hatte greatfire.org einen neuen Dienst gestartet. Damit ließen sich die geblockten Seiten wieder erreichen. In einem Artikel des Wall Street Journals beschrieben die Macher, dass Anfragen auf eine zensierte Seite zweigeteilt würden: in einen harmlosen und einen verschlüsselten Teil. Der harmlose adressiert einen erlaubten Cloud-Server außerhalb der chinesischen Firewall. Erst der verschlüsselte Teil enthält die Anweisung von dort aus auf die zensierte Seite zuzugreifen. Unter den so wieder erreichbaren Seiten war zum Beispiel auch die der The Tibet Post. China versucht das autonome Gebiet Tibet bestmöglich zu kontrollieren. Viele Tibeter sehen im Dalai Lama, der sich im indischen Exil befindet, die legitime Führung.

Der aktuelle Angriff auf greatfire.org könnte eine Reaktion auf die offengelegte Praxis sein. Seit diesem Freitag sind in China außerdem verschiedene Nachrichtenseiten nicht mehr erreichbar, darunter die chinesischen und englischen Seiten der New York Times, des Wall Street Journals und der Nachrichtenagentur Reuters.

Kristin Shi-Kupfer vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) verbindet die Zensur und die greatfire.org-Attacken mit zwei großen Entwicklungen der vergangenen Jahre. "Die chinesische Führung unter Xi Jinping treibt eine Reideologisierung von Politik und Gesellschaft voran. Als "gefährlich" bezeichnete, westliche Ideen und Konzepte sind in öffentlichen Diskussionen tabuisiert worden", sagt Shi-Kupfer. Das Internet spiele für die Verbreitung dieser Ideen eine wesentliche Rolle und werde folglich kontrolliert.

In einem internen Papier der kommunistischen Partei tauchten 2013 gefährliche Ideen auf, worunter die Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit zählen. Im Sommer 2013 ging die chinesische Führung dann vermehrt gegen Blogger vor. Es folgte ein Gesetz, das es untersagt, Gerüchte zu streuen. Auch Lehrer, Journalisten und Rechtsanwälte waren in der Folge betroffen.