Millionen Menschen zählen mit Fitnessarmbändern, mit dem Smartphone und bald auch der Apple Watch ihre Schritte, berechnen Ihren Kalorienverbrauch, überwachen Ihren Schlaf. Die Technik ist längst nicht ausgereift, aber die Messgeräte und Geschäftsmodelle der Zukunft sind bereits abzusehen. Wir beschreiben in Analysen, Interviews und Videos, wo die Quantified-Self-Bewegung heute steht und werfen einen Blick in die Zukunft der Selbstvermessung.

ZEIT ONLINE: Herr Wolfram, sind Sie gerade mit irgendwelchen Geräten verbunden?

Stephen Wolfram: Eine Uhr überwacht meine Herzfrequenz und meine Schritte, mein Computer macht alle 15 Sekunden einen Screenshot, meine Tastatur erfasst jeden Tastendruck, ein Mikrofon nimmt die Geräusche um mich herum auf. Ich trage auch eine kleine Ansteckkamera, die alle 30 Sekunden ein Bild schießt. Lassen Sie mich schauen, was ich sonst noch habe. Nein, das scheint alles zu sein. Gerade suche ich noch nach einem Weg, meine Augenbewegungen zu erfassen, aber die entsprechende Software läuft auf meinem Computer leider nicht.

ZEIT ONLINE: Seit wann sind Sie derart verkabelt?

Wolfram: Die meisten dieser Geräte laufen seit mehr als zehn Jahren. Ich habe ziemlich verlässliche Daten über mein Verhalten, die zum Teil 25 Jahre zurückreichen. Meine einzige Bedingung ist, dass es wirklich überhaupt keinen Aufwand ist, diese Daten zu erfassen und das Ganze im Hintergrund abläuft. Sobald ich dafür etwas tun muss, mache ich es nicht. Dafür bin ich zu faul. Vor ein paar Jahren habe ich mal versucht, zu erfassen, was ich esse, aber es schnell wieder aufgegeben.

ZEIT ONLINE: Erinnern Sie sich, welches das erste Gerät war, an das Sie angeschlossen waren?

Wolfram: Welches das erste Gerät war, das tatsächlich etwas gemessen hat? Keine Ahnung. Ich bin schließlich jemand, der vermutlich einen Großteil der merkwürdigen Produkte ausprobiert hat, die es da draußen gibt. Normalerweise würde ich jetzt einfach mein Archiv durchsuchen, aber bei dem Wort wearable ist das vermutlich nicht so einfach. Denn das gibt es ja noch gar nicht so lange.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie es uns versuchen.

Wolfram: Nun gut. Meinen E-Mails zufolge habe ich offenbar 1996 darüber nachgedacht, wie ich gleichzeitig trainieren und arbeiten könnte. Meine Idee war es, ein Display am Kopf anzubringen. Am 20. September 1998 spreche ich in meinen E-Mails von der Idee eines Gerätes, das "alles aufzeichnet". Im November 1999 habe ich offenbar eine Liste verfasst mit dem Titel "Dinge, an denen ich interessiert bin, über die ich aber nie öffentlich geschrieben habe". Einer der Begriffe war wearable computer. Außerdem hatte ich offenbar vor der Geburt meines ersten Kindes den Plan, alle Daten meiner Kinder zu erfassen. Ich habe mich dann übrigens dagegen entschieden. 2012 taucht das Wort wearable in meinen E-Mails plötzlich deutlich häufiger auf. Daran können Sie sehen, wie wertvoll es sein kann, solche alten Daten aufrufen zu können. Welches das erste Gerät war, wissen wir jetzt trotzdem nicht. Eine erste Ansteckkamera hatte ich vor fünf Jahren, man musste sie sich um den Hals hängen. Meine Kinder sagten, es sehe ziemlich albern aus.

Stephen Wolframs täglich gesendete E-Mails seit 1990 – Spitzenwerte erreichte er immer dann, wenn er beruflich besonders eingespannt war. Der extreme Ausschlag Anfang 2009 zum Beispiel lag in den letzten Vorbereitungen für die Veröffentlichung der Antwortmaschine Wolfram Alpha begründet.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Ahnung, wie viele Daten Sie inzwischen haben?

Wolfram: Eine Menge. Vor ein paar Jahren habe ich in meinem Blog einen langen Eintrag darüber geschrieben, wie viele Daten ich inzwischen gesammelt habe. Ich rechnete damit, dass sich Dutzende Menschen melden würden, die noch viel mehr Daten über einen viel längeren Zeitraum gesammelt hatten. Das ist merkwürdigerweise nicht passiert. Mein Vorteil war offenbar, dass ich seit 28 Jahren dieselbe Firma habe und es deswegen nur sehr wenige Lücken gab. Außerdem hatte ich Leute, die mir beim Sammeln der Daten geholfen haben. Das ist immer dann wichtig, wenn Geräte nicht richtig funktionieren. Meine Uhr zum Beispiel hatte vor Kurzem einen technischen Fehler und hat rund zwei Wochen lang die Daten nicht korrekt übertragen. Ich habe zwar Systeme, die prüfen, ob die Systeme, die Daten sammeln, noch laufen. Aber manchmal haben diese Systeme selbst Probleme.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie mit diesen lückenlosen Informationen?

Wolfram: In der Regel absolut gar nichts. Ich speichere sie. Ab und zu analysiere ich mal einen Teil davon. Mein Ansatz ist es, einfach jede Menge Daten zu sammeln und sie sich dann genauer anzugucken, wenn man – wie jetzt eben – eine bestimmte Frage hat. Es ist interessant, Trends und Muster erkennen zu können. Wenn mir zum Beispiel ein Arzt sagt, oh, dieser oder jener Wert ist aber sehr hoch, dann kann ich erwidern, ich habe Daten aus 30 Jahren und es war schon immer so. Also fange ich jetzt bestimmt nicht an, mir darüber Gedanken zu machen.

ZEIT ONLINE: Was analysieren Sie im Moment sonst noch?

Wolfram: Gerade beschäftige ich mich mit der Analyse von Emotionen und der Verbindung zu bestimmten Themen. Aus meinen E-Mails habe ich zum Beispiel gelernt, dass ich im Januar deutlich glücklicher bin als in jedem anderen Monat im Jahr. Außerdem habe ich herausbekommen, dass ich in meinen E-Mails nur sehr selten über meine persönliche Stimmung rede. Und wie sich meine Herzfrequenz verändert, je nachdem, mit welchen Leuten ich gerade in einem Meeting bin.

ZEIT ONLINE: Haben Sie also dank Ihrer Daten ein besseres Verständnis davon, wer Sie sind?

Wolfram: Auf jeden Fall. Ich hätte ja zum Beispiel nie herausfinden können, wann ich das erste Mal über wearable computer nachgedacht habe, wenn ich die Daten dazu nicht hätte. Manchmal hat man das Gefühl, etwas sei sehr schnell gegangen, und dann schaut man nach und sieht, es hat tatsächlich deutlich länger gedauert. Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass ich ein Gewohnheitsmensch bin: Wann ich esse, wann ich schlafe, das variiert nicht besonders. Vielleicht führt die Einsicht, dass man so vorhersehbar ist, dazu, ein paar Dinge zu ändern.

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

ZEIT ONLINE: Was bringen solche Datenberge Normalsterblichen? Wie sinnvoll sind Geräte wie das Fitbit oder die Apple Watch?

Wolfram: Fitness-Tracker haben eine große Wirkung auf sehr viele Menschen. Und wenn sie nur versuchen, auf 10.000 Schritte am Tag zu kommen. Ich selbst habe gerade ein Gerät ausprobiert, das mir gesagt hat, wie ich sitze. Ich habe es zwar nur drei Tage benutzt, aber meine Haltung hat sich in dieser Zeit merklich verbessert. Grundsätzlich würde ich raten: Sammelt so viele Daten wie möglich. Oder besser: Alles, was sich einfach sammeln lässt, sollte man vorsorglich sammeln. Und wenn es nicht einfach ist, dann sind wir vielleicht noch nicht so weit.

Seit 2010 trägt Stephen Wolfram einen Schrittzähler. Er hat er sich zu Hause ein Laufband so eingerichtet, dass er im Gehen seinen Computer bedienen und außerdem telefonieren kann.

ZEIT ONLINE: Welche großen Schritte erwarten Sie als Nächstes?

Wolfram: Entscheidend für den Erfolg einer Idee wird sein, ob man mit den Daten eine Geschichte erzählen kann. Die großen Durchbrüche wird es im medizinischen Bereich geben. Vor allem bei der Behandlung von langwierigen chronischen Erkrankungen werden Wearables immer wichtiger werden. Letztlich gilt: Der Nutzen der Datensammlung muss größer sein als der Aufwand.

ZEIT ONLINE: Haben Sie konkrete Beispiele?

Wolfram: Dank Wearables wird es in ein paar Jahren möglich sein, Blutwerte wie den Zuckerspiegel auf einfache Weise zu erfassen, ohne dafür eine Nadel in den Arm stechen zu müssen. Bislang messen solche Sachen nur Diabetiker regelmäßig, niemand sticht sich freiwillig in den Finger. In zehn Jahren werden wir in der Lage sein, einzelne Moleküle im Blut zu erfassen. Die Zahl der Menschen, die regelmäßig ihre Herzfrequenz messen, wird in die Höhe schnellen. EEGs sind immer noch ziemlich ungenau. Aber mit besserer Verarbeitung von Signalen, etwa durch Kopfhörer, wird sich das ändern. So kann man dann zum Beispiel vorhersagen, ob jemand einen epileptischen Anfall oder einen Herzinfarkt haben wird, und die Uhr kann rechtzeitig Alarm schlagen. Auch die Psychotherapie wird irgendwann Daten wie E-Mails, Facebook-Postings, Schlafverhalten und Aktivität berücksichtigen. All das wird bald zum Alltag dazugehören, genauso wie es heute selbstverständlich ist, dass jeder von uns ununterbrochen Fotos macht.