Mit dem Begriff Netzneutralität wird zumeist der Grundsatz beschrieben, dass alle Daten im Internet gleich schnell übertragen werden sollen. Unabhängig davon, ob jemand Google, Facebook oder die Seite eines kleinen Start-ups aufruft, und unabhängig davon, ob er auf eine Videodatei, Torrents oder eine Textdatei zugreift. In Indien wird derzeit über eine erweiterte Definition des Begriffs gestritten. Sie lautet: "Egal, bei welchem Mobilfunkanbieter ihr seid, ihr solltet sämtliche Inhalte im Internet aufrufen und gleich schnell laden können." Das klingt selbstverständlicher, als es ist. Und das liegt in erster Linie an Facebook.

Seit dem 10. April bietet Facebook in Indien zusammen mit dem Mobilfunkanbieter Reliance ein ganz besonderes Datenpaket an: Gratis und unbegrenzt. Internet.org heißt die Initiative. Der Haken: Das Paket ermöglicht nur den Zugang zu 38 ausgewählten Websites, zuvorderst Facebook.

CEO Mark Zuckerberg stellt Internet.org als gemeinnütziges Projekt dar, das nach und nach jenen zwei Dritteln der Weltbevölkerung einen Zugang zum Internet verschaffen soll, die bisher keinen haben. Zu diesem Zweck kooperiert Facebook auch mit anderen Firmen wie Qualcomm, Nokia und Samsung. Sie zahlen den lokalen Providern die Kosten für die Anschlüsse jener Menschen, die sich das selbst nicht leisten können.

Wettbewerbsfeindlichkeit und "wirtschaftlicher Rassismus"

Wenn nötig, will Facebook sogar Drohnen und Lasertechnik einsetzen, um eine Internetverbindung in schwer zugänglichen Gegenden aufzubauen. Eine Idee, die an Googles Projekt Loon erinnert. Der einzige Unterschied ist, dass Google Heißluftballons anstelle von Drohnen testet.

Doch nun bröckelt das indische Zero-Rating-Angebot, wie solche Gratistarife genannt werden. Von den 38 Parteien, die ursprünglich dabei waren, haben sich vier von dem Projekt zurückgezogen: Die Reiseseite Cleartrip und die Medienhäuser NDTV und NewsHunt sind ganz abgesprungen, die Times of India nahm zwei ihrer Seiten aus dem Programm, da ihre "direkten Konkurrenten nicht umsonst erreichbar" seien.

Die von der Times of India bemängelte Wettbewerbsfeindlichkeit ist einer der größten Kritikpunkte an Facebooks Initiative: Es sei unfair, wenn ein multinationales Unternehmen mit eigenen kommerziellen Interessen auswähle, welche Seiten ein Nutzer aufrufen kann. Eine derartige Praxis baue Hürden für Unternehmen außerhalb des Paketes auf und hindere kleine Firmen daran, neue Nutzer zu erreichen.

Für manche ist Facebook schon ein eigenes Internet

Facebook selbst ist natürlich immer zu erreichen. So kann das Unternehmen seine Philanthropie gleichzeitig zur Mitgliederakquise nutzen und suggeriert mit dem Namen des Projektes, Facebook und einige wenige zusätzliche Seiten seien "das Internet". Facebooks Plattformcharakter bleibt schon jetzt nicht ohne Auswirkungen auf die Wahrnehmung mancher Menschen. Es gibt Umfragen in afrikanischen und südostasiatischen Ländern, laut denen mehr Leute Facebook nutzen als das Internet – eine technische Unmöglichkeit. Die Umfrageergebnisse, so sehr sie wegen eher kleiner Teilnehmerzahlen auch mit Vorsicht zu genießen sind, zeigen: Manche Menschen halten Facebook für ein eigenes Internet.

Auch die Auswahl der ersten 38 Seiten für Indien stellt die Motive der Initiative infrage: Statt des Marktführers für Jobangebote in Indien, Naukri, beinhaltet das Paket Babajob, einen deutlich kleineren Anbieter mit weniger Nutzern. Der indische Investor Mahesh Murthy fragte provokant, ob Facebook nicht wolle, dass die Armen in Indien gute Jobs finden. Auch die Suchmaschine von Facebooks Konkurrenten Google ist nicht umsonst erreichbar, stattdessen gibt es Zugang zu Bing von Microsoft, einem Anteilseigner von Facebook.

Murthy bezeichnet Facebooks Praxis als "wirtschaftlichen Rassismus": Der Konzern nehme ausgerechnet den Ärmsten die Konsumentenentscheidung ab, wie sie das Internet nutzen wollen, und beeinflusse so auch ihr zukünftiges Verhalten – Bing statt Google und Babajob statt Naukri. Nur wer mehr Geld habe, könne auch das Internet außerhalb von Facebooks Garten benutzen.