Niemand biegt sich die eigene Relevanz so brachial zurecht wie Julian Assange. Der Gründer und Kopf von WikiLeaks rechtfertigt die Veröffentlichung von mehr als 170.000 ungeschwärzten E-Mails und 30.000 weiteren Dokumenten von Sony Pictures Entertainment (SPE) mit lächerlichen Argumenten. Assange und die Enthüllungsplattform diskreditieren sich damit selbst – dabei hatte WikiLeaks auch in den vergangenen eineinhalb Jahren durchaus wertvolle Arbeit geleistet.

Die SPE-Interna seien newsworthy, schreibt Assange. Das Unternehmen stehe im Zentrum eines geopolitischen Konflikts, habe enge Verbindungen zum Weißen Haus und dem militärisch-industriellen Komplex und es habe Einfluss auf Gesetzgebung und die Politik. Grund genug für ihn, alles zu veröffentlichen.

Doch der Reihe nach: Handynummern von Botschaftsmitarbeitern und Staatssekretären, E-Mail-Adressen von Sony-Angestellten, Schauspielern und Produzenten sowie private Korrespondenz und Hollywood-Klatsch sind nicht newsworthy, sondern in vielen Fällen explizit schützenswert. Doch all das findet sich in den von WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten dank der eigens eingerichteten Suchfunktion sehr schnell.

"Im Zentrum eines geopolitischen Konflikts" steht SPE überhaupt nur, weil die amerikanischen Behörden beschlossen haben, Nordkorea für den Hack des Unternehmens verantwortlich zu machen. Die Dokumente selbst können mit diesem daraus entstandenen Konflikt aber natürlich nichts zu tun haben und deshalb auch keine Erkenntnisse dazu liefern.

Die engen Verbindungen zum Weißen Haus belegt WikiLeaks mit E-Mails über ein Abendessen mit dem Präsidenten. Inhalt der entsprechenden E-Mails: Cocktails gab es ab 18.30 Uhr, und SPE-Vorstandschef Michael Lynton hat Barack Obama eine Vorab-DVD des Kriegsfilms Fury angeboten.

Als Beispiel dafür, wie nahe das Hollywood-Unternehmen dem militärisch-industriellen Komplex steht, nennt WikiLeaks die Verbindungen von Lynton mit der RAND Corporation, einem Thinktank, der unter anderem für das Militär arbeitet. Lynton sitzt dort in einem Kontrollausschuss. Was sich in den Unterlagen dann findet, sind Verabredungen zum Tennis oder Anfragen, ob Lynton helfen könne, Hollywoodstars zu RAND-Veranstaltungen einzuladen. Wird SPE dadurch zum militärisch-industriellen Filmstudio? Wohl kaum.

Selbst der interne Aufruf an SPE-Manager, persönlich für den Wahlkampf eines bestimmten Politikers zu spenden, weil der gegen die illegale Verbreitung urheberrechtlich geschützter Filme eintritt, ist bestenfalls leicht anrüchig. Aus dem entsprechenden Dokument geht hervor, dass SPE durch die Einzelspenden die Höchstgrenze von 5.000 Dollar umgehen will, der Unternehmen in den USA unterliegen. Das Vorgehen dürfte aber erstens üblich und zweitens legal sein, zumal es sich nur um einen Aufruf handelt.

Es gab durchaus Berichtenswertes in den Unterlagen, die auch ZEIT ONLINE im Dezember ausgewertet hat, und es ist anzunehmen, dass noch mehr davon in den 200.000 E-Mails und Dokumente steckt. Etwa über die Lobbyarbeit von SPE und anderen Filmstudios für ein schärferes Vorgehen gegen Urheberrechtsverletzer, Netzsperren und stärkere Geofilter inklusive. Oder über die zweifelhaften Geschäftspraktiken der amerikanischen Filmbranche und ihren manchmal sexistischen oder rassistischen Umgang mit Mitarbeitern. Aber die Mehrzahl der Dokumente wäre besser nicht öffentlich geworden.

Nun ist WikiLeaks seiner üblichen Arbeitsweise treu geblieben und hat alle Dokumente ohne Schwärzungen und Kürzungen veröffentlicht. Die Plattformbetreiber haben immer argumentiert, dass wahrhaft transparenter Journalismus nicht darauf beruhen kann, dass einige wenige Journalisten Zugang zu allen Dokumenten haben und nur jenen Teil davon veröffentlichen, der ihnen nutzt. Im Fall SPE gefährdet die Veröffentlichung wohl auch keine Menschenleben, wie es WikiLeaks einst vorgeworfen wurde, nachdem Tausende unredigierte diplomatische Depeschen ins Netz gelangt waren. Dennoch dürfen SPE-Mitarbeiter und ihre Kontakte nicht dafür bestraft werden, dass das Unternehmen gehackt wurde. Ihre Kontaktdaten und Privatgespräche gehen die Öffentlichkeit schlicht nichts an.

Die letzten großen Leaks gab es bei anderen

WikiLeaks erscheint nun mehr denn je als Plattform, die sich um jeden Preis im Gespräch halten will. Mehr oder weniger verständlich, wenn man bedenkt, dass viele der vergangenen großen Leaks über andere Kanäle liefen: die Snowden-Dokumente über Glenn Greenwald und Laura Poitras (auch wenn alle Beteiligten sagen, dass WikiLeaks eine wichtige Rolle dabei gespielt hat), die Offshore-Leaks und die Swiss-Leaks über das Journalisten-Netzwerk ICIJ.

Einzelne Medienhäuser und Journalisten haben sich zudem sichere elektronische Briefkästen eingerichtet, damit Informanten ihnen Unterlagen zusenden können. Das garantiert zwar keine vollständige Veröffentlichung, wie sie auf WikiLeaks üblich ist, stellt aber trotzdem eine neue Konkurrenz dar.

WikiLeaks hat an Bedeutung verloren, was nicht zuletzt an Assange und seinen zunehmend hysterischen Auftritten liegt. Aber die Plattform hat auch in jüngster Zeit relevante Dokumente veröffentlicht, nämlich solche aus den geheimen Verhandlungen über das Transpazifische Handelsabkommen TPP (das Parallelen zum Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP aufweist) sowie Unterlagen von Firmen, die Überwachungstechnik herstellen und diese auch an unterdrückerische Regime verkaufen.

Diese Veröffentlichungen haben nicht für die ganz großen Schlagzeilen gesorgt. Sie waren aber immer wieder wertvoll für Journalisten, die damit Details ihrer Berichte untermauern konnten. Ob das ausgereicht hätte, um WikiLeaks langfristig  am Leben zu halten, ist unklar. Es mit Hilfe von Dokumenten sicherstellen zu wollen, die allenfalls Klatschbedürfnisse erfüllen und Unschuldige in die Öffentlichkeit zerren, ist jedoch unredlich und unverantwortlich.

Auch ZEIT ONLINE betreibt einen anonymen Briefkasten. Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier deponieren.