Die meisten sind an diesem Nachmittag ins New Yorker New Museum gekommen, um jene zu sehen, die selbst gar nicht da sein konnten. Den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der sein Land nicht verlassen kann, weil die Behörden ihm den Pass abgenommen haben, und den Hacker Jacob Appelbaum, der nicht in seine Heimat zurückwill, weil er wegen seiner Arbeit für WikiLeaks mit einer Anklage rechnen muss. Die beiden sind das schillerndste Paar beim Hackathon Seven on Seven der Nonprofit-Kunst-Organisation Rhizome, bei dem immer ein Künstler und ein Hacker antreten, um in 24 Stunden gemeinsam etwas zu erschaffen.

Der Andrang in diesem Jahr ist so groß, dass einige Besucher auf die Übertragung des Live-Streams im Gebäude nebenan vertröstet werden. Von dort sehen sie das Bildmaterial, das Laura Poitras aus China mitgebracht hat. Der Film Surveillance Machine, der erste der Dokumentarfilmerin seit Citizenfour, ihrem Oskar-gekrönten Film über Edward Snowden, zeigt Appelbaum und Ai in dessen Wohnung in Peking. Fast stoisch schiebt der Künstler Papiere in einen Schredder, die Appelbaum ihm reicht. Es handelt sich um Dokumente aus dem Snowden-Archiv. Appelbaum hatte für den Spiegel über die NSA-Überwachung berichtet und Zugang zu mindestens einem Teil der Unterlagen.

Die Zuschauer sehen, wie Ai und Appelbaum die Füllung aus Dutzenden Stoff-Pandas herausholen und diese stattdessen mit den Schnipseln der Geheimdienstdokumente füllen. "Panda", das ist ein Spitzname für die Spitzel der kommunistischen Geheimdienste. Schnitt. Wir sehen die beiden in einem Elektronikgeschäft. Schnitt. Die Füllung wird ergänzt um eine microSD-Karte. Ein Symbol für die Verbreitung von Informationen, für die tiefere, oft versteckte Bedeutung von Alltagsobjekten soll das wohl sein. Schnitt. Abspann. 15 Minuten ungeschönter Rough Cut, die in die Instant-Atmosphäre im New Museum passen.

Dort stehen die Pandas nun auf der Bühne, aus China in die USA gebracht von Poitras' Team. Bei Seven on Seven werden die Grenzen zwischen Kunst und Technik aufgeweicht, um Antworten zu finden, die jede Seite allein nicht finden kann. In was für einer Welt wollen wir leben?, lautet die Frage hier. Und: Wo wollen wir die Grenzen ziehen? Dies, so das Credo der Hacker und der Besucher, könne nur auf kultureller Ebene beantwortet werden.

Auch der amerikanische Künstler Trevor Paglen ist hier, der sich in seinem Werk immer wieder mit Überwachung und Bespitzelung beschäftigt. Ausgerechnet mit Mike Krieger, einem der Mitgründer des Bilder-Netzwerks Instagram, sucht er nach Möglichkeiten, in einer Welt, in der Bilder von den Facebook- und Google-Algorithmen automatisch ausgelesen und verstanden werden, die Privatsphäre zu schützen. "Können wir die Bilder von den Maschinen zurückerobern?", fragt Paglen. Könne es eine Anonymisierungssoftware geben, die Bilder für Maschinen unlesbar macht? Eine Art Tor für Fotos? Eine spannende Idee, aber in 24 Stunden natürlich nicht umsetzbar.

Um erste Antworten zu finden, versuchen Paglen und Krieger zu verstehen, wie die künstlichen Intelligenzen unsere Welt sehen und ob wir ihre Sichtweise erlernen können. Sie zeigen Aufnahmen, die sie durch verschiedene Algorithmen und Gesichtserkennungsprogramme gejagt haben: den Turmbau zu Babel, eine Höhlenmalerei, ein Aktfoto von Burt Reynolds, das berühmte Bild aus dem Vietnamkrieg, in dem ein schreiendes Mädchen in Richtung Kamera läuft.

Mona Lisa: junge Frau, die ein Selfie macht

Die Ergebnisse lassen ahnen, dass das Maschinen-Verständnis nur wenig mit dem menschlichen zu tun hat. Im Turmbau zu Babel sehen die Algorithmen "ein Gebäude in der Stadt". Die "Untertreibung des Jahrhunderts", sagt Krieger. Mit der Höhlenmalerei tun sich die Maschinen noch schwerer. In der undeutlichen Zeichnung eines Kriegers erkennen sie "einen Schwarm Vögel an einer Klippe", die Mona Lisa wird "zu einer jungen Frau, die ein Selfie macht". Fast unangenehm kalt ist die Analyse des Vietnam-Fotos. In der Kriegsszene sehen die Algorithmen "eine Gruppe Menschen, die am Strand laufen". Maschinen, schlussfolgert Krieger, hätten keine Moral und kein Verständnis von Kontext. "Es ist wichtig, den historischen Moment zu verstehen, in dem wir uns befinden", sagt Trevor Paglen. Es bleibt die einzige Erkenntnis der Spontan-Kollaboration.

Auch ansonsten bleibt an diesem Tag vieles vage. Hackathons bringen, das liegt in ihrer Natur, entweder Großes oder gar nichts hervor. Es geht vor allem darum, die Energie des Moments zu nutzen, in dem es nur wenige Regeln und wenig Zeit gibt, um das, was im Kopf entsteht, umzusetzen. Die Paare aus Kunst und Technik beschäftigen sich in diesem Jahr fast alle mit Fragen der Überwachung oder der Analyse durch Maschinen. Gibt es Wege, die Beobachter zu beobachten und die Betrachter zu betrachten?

Muster in Sicherheitsfragen

Martine Syms und Gina Trapani suchen in den 24 Stunden, die sie haben, nach Mustern und Schlussfolgerungen aus Sicherheitsfragen im Netz. Vermeintlich persönliche Fragen wie die nach unserem Geburtsort oder dem Namen unseres Hundes sollen den Zugang zu unseren Daten sichern. Dass das nur selten klappt, zeigten in der Vergangenheit Beispiele von Sarah Palin und Paris Hilton, in deren Onlinekonten sich Kriminelle einloggten, indem sie die Antworten der Prominenten einfach ergoogelten.

Syms und Trapani, die hinter dem Datenanalyse-Tool ThinkUp und der Produktivitätsseite Lifehacker stecken, treiben die Problematik in ihrer Performance ins Absurde. Trapani beantwortet auf der Bühne Dutzende persönliche Fragen, die Onlineseiten ihren Nutzern bei der Anmeldung stellen. Wo sind Sie geboren? Was ist der Geburtsname Ihrer Mutter? Wie hieß Ihr erster Lehrer? Am Ende spuckt das Programm aufgrund der Antworten aus, was ein Persönlichkeitsprofil sein soll: "Sie sind mit etwas Größerem als sich selbst verbunden."

Im Dialog mit Maschinen

Das, was die Paarungen aus den so unterschiedlichen Welten im New Museum erschaffen, soll vor allem zum kritischen Nachfragen anregen. Die Künstlerin Hannah Black und die Bot-Programmiererin Thricedotted beschäftigen sich mit der computerbasierten Verarbeitung von Sprache und versuchen, im Dialog mit der Maschine Antworten auf existenzielle Fragen zu bekommen. Die Maschinen ihrerseits kreieren diese Antworten, indem sie Auszüge aus dem diktierten Text neu zusammensetzen und um Wörterbuch-Definitionen ergänzen – das Ergebnis hat mit der Frage allerdings nur noch wenig zu tun. 

Camille Henrot aus Paris und die Programmiererin Harlo Holmes wiederum wollen Antworten auf die großen Fragen durch einen Zufallsgenerator aus einem Mash-up ihrer Desktop-Dateien generieren.

Nate Silver, Statistiker und Journalist, der mit seinen treffsicheren Vorhersagen zum Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA zum Star wurde, projiziert gemeinsam mit dem britischen Künstler Liam Gillick Wortspiel um Wortspiel und Phrase um Phrase auf die Leinwand. Was nach willkürlich zusammengewürfelten Wörtern aussieht, sind die Namen gescheiterter Start-ups, die sie aus den Datenbanken der Verwaltung gezogen haben: "The best time of your life", "Rent the chicken", "Snax in the city", "Diet Water" oder "Wealth without border". Man müsse, so Silver, vorsichtig sein, wenn man versuche, aus Daten Konsequenzen zu ziehen.

Die endgültige Schlussfolgerung des Experiments bleibt auch hier unklar. Doch die Seven-on-Seven-Teilnehmer wollen nicht zwangsläufig Antworten liefern. Sie wollen aufpassen und präsent sein, während sich unsere Welt verändert. Es ist mehr politisches Statement als wirkliche Problemlösung. Was denn die chinesischen Schriftzeichen auf einem Aufkleber bedeuteten, den Ai Weiwei auf seinem iPhone trägt, will die Produzentin von Poitras' Film vom Künstler wissen. "Wenn Du nicht handelst, wächst die Gefahr", lautet die Antwort. Auch, fügt Ai hinzu, wenn es in seinem Fall wohl genau andersherum sei.