Ein Brot nach afghanischem Rezept von Malin Elmlid.

Das Brot war schuld. Malin Elmlid lächelt, als sie den Zuhörern im gut gefüllten Saal auf der re:publica jene Geschichte erzählt, die sie seit 2007 so oft erzählen musste. Zu dieser Zeit kam die Schwedin nach Berlin und wurde von den Bäckern enttäuscht. Wo immer sie suchte, sie fand einfach kein gutes, helles Sauerteigbrot. Nur Brote, die immer gleich aussahen und gleich schmeckten. "Wie kann es sein, dass ich im Brotland kein gutes Brot finde?", fragte sich Elmlid. Frustriert begann sie, ihr eigenes zu backen und merkte schnell, dass sie es prima tauschen konnte.

So beginnt die Geschichte von The Bread Exchange. Seit sieben Jahren backt Malin Elmlid inzwischen Brot, andere Menschen bezahlen sie dafür – nicht mit Geld, sondern mit einer Gegenleistung ihrer Wahl. Fast 1.400 Brote hat die Schwedin inzwischen getauscht, gegen Massagen, Fahrradreparaturen oder Hotelzimmer. Mit dem Sauerteig im Schraubglas reist sie um die Welt und bloggt darüber auf The Bread Exchange. Im vergangenen Herbst ist ein Buch zu ihrer Geschichte erschienen.

Elmlid gehört zur Szene der sogenannten Foodblogger. Auf der diesjährigen re:publica geht es um die Frage, was Foodblogger eigentlich sind, sein wollen oder auch sein können: Bloß eine kulinarische Bohème mit gutbezahlten Großstadtjobs, die in ihrer Designer-Altbauwohnung ausgefallene Rezepte nachkochen, in schicken Bildern auf ihr Blog stellen und nebenbei noch die eine oder andere Marke gegen Kleingeld erwähnen? Oder vielleicht doch Aktivisten für bessere Ernährung und Quälgeister der Lebensmittelbranche?

Bloggen gegen den kulinarischen Wissensverlust

"Essen ist mehr als ein schöner Filter auf Instagram" sagt Hendrik Haase, der unter dem Namen Wurstsack nicht nur bloggt, sondern auch mehrere Veranstaltungen und Initiativen in Berlin betreibt. Der Designer mag schöne Fotos und pfiffige Rezepte. Vor allem aber mag er gutes Essen, das regional und nachhaltig erzeugt wurde, mit Leidenschaft und Sachverstand. Genau darin liegt seiner Meinung nach das Problem: "Wir sehen einen Wissensverlust im kulinarischen Bereich", sagt Haase, "wir wissen heute mehr über die Apple Watch als über Brot und Wurst."

Wer Haase zuhört, der wird an die zahlreichen Skandale erinnert, die in den vergangenen Jahren auftraten. Der Pferdefleischskandal etwa, die Diskussion um Dioxin in Futtermitteln oder gepanschtes Olivenöl. Das Aufkommen multiresistenter Erreger, verstärkt durch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Oder das Aussterben des Bäcker- und Metzgerhandwerks. Für Haase sind das alles Symptome eines verloren gegangenen Respekts für das, was wir mehrmals täglich in uns hineinstopfen.

Um daran etwas zu ändern, müssten nicht nur die Politik und Lebensmittelbranche umdenken, sondern auch die Verbraucher. Foodblogs können dabei helfen, glaubt Haase. Zwar spreche nichts gegen schöne Rezeptsammlungen, doch im besten Fall sind Foodblogs ein Wissenshort von Menschen, die für etwas stehen und ihre Kenntnis mit der Öffentlichkeit teilen. Sie schaffen Identität jenseits von Nationalismus oder Protektionismus. Und wenn sich viele Menschen für eine Sache begeistern, kann Veränderung entstehen. Ein seit den ersten Tagen immer wiederkehrendes Motiv der re:publica, das manchmal auch Realität wird.

Essen als kleinster gemeinsamer Nenner

Ein Beispiel aus dem Bereich Ernährung ist die Craft-Beer-Szene. In den Siebziger Jahren gab es in den USA nur noch 90 Brauereien. Inzwischen sind es über 2.000, in den vergangenen zehn Jahren hat eine neue Graswurzel-Braubewegung den großen Getränkekonzernen den Kampf angesagt. Den Erfolg verdankt sie auch dem Internet: Alternative Vertriebswege im Netz, ein reger Austausch untereinander in Blogs, sozialen Netzwerken und auch auf YouTube hat aus dem Phänomen Craft-Beer eine Bewegung gemacht.

Wieso sollte das nicht auch bei Wurst oder eben Brot funktionieren? Wichtig ist, dass die Szene nicht für die erwähnte Bohème schreibt, sondern für jeden: "Auch wer noch nie eine Sellerie in der Hand hatte, muss willkommen sein", sagt Haase.

Soweit die Theorie. Aber lesen Menschen, die sich keine teuren Bioprodukte leisten können und keine Zeit und Mittel haben, aufwendig zu kochen, solche Blogs überhaupt? Kann man ein Publikum außerhalb der Filterblase überhaupt erreichen?