Susan Prescott, Apples Vizepräsidentin für Produktmanagement und Marketing, spricht auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco über Apples News App. © Jeff Chiu / AP Photo

Wenn du nicht mehr weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis. Oder eine Redaktion. Apple, Twitter, YouTube, Facebook – die großen Unternehmen im Silicon Valley – stellen neuerdings Journalisten ein oder suchen die Kooperation mit bekannten Medienmarken.

Das erinnert an die Plattformstrategie von Yahoo und AOL, an den Versuch einer Rundumversorgung von Internetnutzern. Die Technikunternehmen versuchen so, Nutzer innerhalb ihrer jeweiligen Ökosysteme zu halten. Sie wollen die Verweildauer und Aktivität innerhalb ihrer Angebote erhöhen, und damit auch die Markenverbundenheit und Werbeeinnahmen. Das alles geschieht zu einer Zeit, in der es mehr Konkurrenz, mehr Nischenangebote und damit gewissermaßen mehr Fliehkräfte gibt als je zuvor.


Twitter Lightning

Im Fall von Twitter geht es außerdem darum, neue Nutzer zu erreichen. Lightning heißt das bis gestern streng geheime Journalismus-Projekt, mit dem das Unternehmen seinen Dienst vor allem für Nicht- und Gelegenheitsnutzer attraktiver machen will. Im Kern will Twitter relevante und interessante Tweets inklusive Fotos, Videos und Livestreams zu einzelnen Ereignissen zusammenstellen. Das können geplante Veranstaltungen wie Sportwettkämpfe oder die Oscar-Verleihung sein. Es können aber auch unvorhergesehene Ereignisse sein, in denen Twitter ohnehin der schnellste Nachrichtenkanal ist, weil seine Nutzer als Augenzeugen früher vor Ort oder näher dran sind als offizielle Berichterstatter.

Das Besondere an Lightning: Nicht nur kuratiert eine Twitter-Redaktion die ihrer Ansicht nach relevantesten Tweets zu einem Ereignis, sie macht diese Sammlungen auch für jene zugänglich, die gar kein Twitterkonto haben. Zwar wird es für bestehende Nutzer innerhalb der App einen neuen Button geben, der sie zu den Lightning-Ereignissen führt. Aber diese werden auch auf der Startseite von Twitter zu finden sein, und andere Websites können sie einfach einbetten.

Viele Nachrichtenseiten tun das im Prinzip heute schon, etwa indem sie mit Werkzeugen wie Storify die ihrer Meinung nach besten Tweets zu einem Ereignis sammeln. Mit Lightning will Twitter die Auswahl aber künftig selbst treffen und zudem speziell aufbereiten, sie also möglichst wirkungsvoll in Szene setzen. Dazu stellt Twitter nun ein Team aus Journalisten zusammen und erarbeitet Richtlinien, nach denen Inhalte ausgewählt werden sollen. Was aber auch bedeutet, dass Twitter in Lightning-Ereignissen aufhört, eine weitgehend neutrale Plattform zu sein.

Im für Twitter besten Fall bekommen möglichst viele Menschen die Lightning-Ereignisse zu sehen und halten sie für so attraktiv, dass sie anfangen Twitter (intensiver) zu nutzen. Bisher ist die chronologische Abfolge von Tweets nur für Nachrichtenprofis und Dauernutzer eine große Stärke von Twitter. Gelegenheitsnutzer dagegen, so argumentiert Vox.com, wollen nicht die aktuellsten Tweets sehen, sondern die wichtigsten. Für sie erscheine Twitter chaotisch und überwältigend. Das sei einer der Gründe, warum die Nutzerzahlen des börsennotierten Dienstes nur noch langsam wachsen. Zu langsam, um den Erwartungen der Anteilseigner gerecht zu werden.

YouTube Newswire

An Nutzern mangelt es YouTube nicht. Aber die Google-Tochter weiß auch, dass der Onlinevideo-Markt in Bewegung geraten ist. Facebook wird in diesem Bereich immer stärker, und Amazon hat mit twitch.tv jenen populären Streamingdienst gekauft, den YouTube selbst gerne gehabt hätte.

Diese Woche hat YouTube deshalb einen eigenen Streamingdienst für Games ins Leben gerufen. Und seit dem gestrigen Donnerstag hat YouTube auch ein Nachrichtenportal: Auf Newswire können Nutzer von nun an Videos von Augenzeugen betrachten. Das konnte man auf YouTube genau genommen auch schon vorher. Aber Newswire wird diese Videos bündeln. Nutzer und Medien haben es damit in Zukunft leichter, solche Augenzeugenberichte zu finden.

Dazu hat sich die YouTube mit Storyful zusammengetan, das Ende 2013 von Rupert Murdoch gekauft wurde. Storyful ist ein Unternehmen aus Dublin, das sich auf Nachrichten aus sozialen Netzwerken spezialisiert hat. Zu den Kunden zählen unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters, die New York Times und Facebook.

Storyful bietet Werkzeuge wie MultiSearch an, mit denen sich soziale Netzwerke besser durchsuchen lassen. Sein Hauptgeschäft ist allerdings die Verifikation von Videos. Wie die abläuft, beschreibt das Unternehmen in seinem Blog.

Diese Überprüfung wird auch der wesentliche Mehrwert von Newswire sein. YouTube will alle dort veröffentlichten Videos verifizieren, um Fehlinformationen zu vermeiden. In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen Journalisten Videos für authentisch hielten, die es nicht waren. So hatte ein norwegischer Filmemacher vermeintliches Material aus Syrien in Malta aufgenommen. Manche Medienhäuser hielten die Aufnahmen für echt und veröffentlichten sie.

Newswire könnte einerseits dafür sorgen, dass so etwas künftig seltener passiert. Die Qualität der Berichterstattung und damit das Vertrauen der Nutzer in Medien könnten steigen. Andererseits könnte die Kooperation zur Folge haben, dass sich Journalisten nicht mehr gefordert sehen, selbst Inhalte – auch die von Newswire – zu überprüfen. Für etablierte Medienhäuser könnte Newswire zudem selbst zu einem Konkurrenten werden.