Google+ war seit jeher eine Baustelle für das Unternehmen. © Sean Gallup/Getty Images

Was für eine Diskussion das damals doch war, im November 2013: Google hatte seiner Tochter YouTube ein neues Anmeldeverfahren aufgezwungen. Ein Google-Konto reichte nicht mehr, alle Nutzer sollten zusätzlich ein Profil bei Google+ erstellen, um auf YouTube kommentieren zu können. YouTube-Gründer Jawed Karim kam plötzlich aus der Versenkung und beschwerte sich, die Nutzer schimpften, sangen und ließen Pixel-Panzer durch die Kommentarspalten rollen. Gebracht hat ihr Protest damals nichts, trotzdem haben sie jetzt gewonnen.

Am Montagabend kündigte Google in einem Blogbeitrag an, Google+ künftig aus mehreren seiner Produkte zu entfernen. Den Anfang macht YouTube: In den kommenden Monaten soll es wieder möglich sein, YouTube auch ohne ein öffentliches Profil bei Google+ aktiv nutzen zu können. Es reicht ein Google-Konto. Wer über ein Profil bei Google+ verfügt, dieses aber nicht mehr nutzen möchte, bekommt zudem neue Möglichkeiten, die öffentlichen Profile wieder zu löschen. Es ist der nächste Schritt, das unter vielen Nutzern ungeliebte soziale Netzwerk langsam zu beerdigen.

Google-Manager Bradley Horowitz erklärt, dass man sich ab sofort von der Vorstellung verabschiede, ein Profil bei Google+ für etwas anderes zu benötigen als für Google+ selbst. Ursprünglich sei die Idee gewesen, das soziale Netzwerk als unterliegende Struktur für Googles Sharing-Dienste zu etablieren. YouTube-Videos, Fotos, Karten – alles sollte ursprünglich bei Google+ zusammenlaufen, das gleichzeitig auch ein eigenes Produkt mit einem eigenen Stream wie der persönlichen Timeline in Facebook sein sollte.

Ein großes Missverständnis

Aber Google+ wurde nie zu dem Erfolg, den sich Google zum Start vor vier Jahren erhofft hatte. Zwar hat das Netzwerk einigen Analysen zufolge mehr als 2,2 Milliarden Profile, doch nur ein Prozent davon sind aktive Nutzer, Tendenz sinkend, was eine verheerende Bilanz für einen Dienst wäre, der eigentlich vom gegenseitigen Austausch seiner Nutzer leben soll.

Die Gründe für das Scheitern von Google+ sind vielfältig. Vielen Menschen, die bereits mit Freunden und Verwandten bei Facebook verbunden sind, ist das Betreiben eines zweiten Netzwerks zu mühselig. Zudem bot Google+ bis auf die Hangouts wenig Innovatives, sondern orientierte sich vor allem an Facebook, dessen Vorsprung kaum aufzuholen war. Und dass Google das Netzwerk wie im Fall von YouTube mit aller Macht in den Markt drücken wollte, verbesserte seinen Ruf auch nicht. Internen Berichten zufolge war das sogar der Grund, weshalb Vic Gundotra, der Mann hinter Google+, im April vergangenen Jahres gehen musste.

Seitdem gab es noch weitere Hinweise darauf, dass Google+ langsam, aber sicher beerdigt wird und in der Gunst der Google-Manager fällt. Vergangenen September mussten neue Google-Nutzer nicht mehr automatisch auch ein Profil bei Google+ bei der Anmeldung erstellen, was einige als ersten Sargnagel interpretierten.

Google+ wird weiterleben, irgendwie

Google selbst würde natürlich nie vom Tod eines seiner größten Experimente sprechen. Stattdessen folgt jetzt, was in der Technik- und Unternehmenssprache gemeinhin Entbündelung heißt. Die begann im März, als Google bekanntgab, zwei zentrale Aspekte von Google+ aufzutrennen, nämlich Fotos und Streams. Wenig später erschien der Fotodienst Google Fotos, der sich zwar einiger Funktionen von Google+ und des älteren Fotodienstes Picasa bediente, aber keine echte Integration mit dem sozialen Netzwerk mehr enthielt.

Welche Funktion soll Google+ nach vollzogener Entbündelung eigentlich noch erfüllen, wenn es nicht mit anderen Google-Diensten interagieren soll? "Google+ kann sich endlich auf das konzentrieren, was es schon jetzt am besten tut: Millionen von Nutzern auf der Welt und ihre Interessen verknüpfen", schreibt Horowitz. Tatsächlich ist das Netzwerk in einigen Kreisen, etwa in der Technikbranche oder in speziellen Communitys wie unter Spielern des mobilen Games Ingress, durchaus akzeptiert und darf dort weiter versuchen, zu gedeihen.