"Oham One" – mit diesem und anderen Werken aus der Ausstellung „Tehran 94“ im Berliner Kunsthaus SomoS ist der Artikel von Hossein Derakhshan illustriert. Der Text in der Sprechblase bedeutet: "Ich habe mir geschworen, keine Zeit zu verschwenden, Deine Stadt (oder: dein zu Hause) nicht in Gefahr zu bringen." 021 ist die Vorwahl von Teheran.

Sieben Monate ist er her, da habe ich mich an den kleinen Tisch in meiner Küche gesetzt, im obersten Stock eines Sechziger-Jahre-Apartments in einem pulsierenden Teil von Teheran. Ich tat etwas, das ich schon Tausende Male zuvor getan hatte. Ich öffnete meinen Laptop und schrieb einen Beitrag für mein neues Blog. Es war allerdings das erste Mal seit sechs Jahren. Und es brach mir fast das Herz.

Wenige Wochen zuvor wurde ich plötzlich aus dem Evin-Gefängnis im Norden Teherans entlassen. Ich hatte mich darauf eingerichtet, den Großteil meines Lebens in diesen Zellen zu verbringen, nachdem ich im November 2008 zu fast 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Hauptsächlich für Dinge, die ich in meinem Blog geschrieben hatte.

Es kam völlig überraschend. Ich rauchte in der Küche eine Zigarette mit einem Mitgefangenen und lief zurück in den Raum, den ich zusammen mit einem Dutzend anderer Männer bewohnte. Wir teilten uns eine Tasse Tee, als der Traktsprecher –  ebenfalls ein Gefangener –  die Zellen und Gänge mit seiner Stimme füllte. Klanglos verkündete er auf Persisch: "Liebe Mitgefangene. Der Glücksvogel hat sich abermals auf die Schulter eines Mitgefangenen gesetzt. Herr Hossein Derakhshan, ab diesem Moment bist du frei."

Facebook interessiert nicht, was ich schreibe

An jenem Abend schritt ich zum ersten Mal als freier Mann durch die Türen des Gefängnisses. Alles fühlte sich neu an. Der kühle Herbstwind, der Verkehrslärm einer nahe gelegenen Brücke, der Geruch, die Farben der Stadt, in der ich beinahe mein ganzes Leben verbracht hatte.

Um mich herum bemerkte ich ein Teheran, das ganz anders war als jenes, das ich einst gekannt hatte: Neue, schamlos luxuriöse Eigentumswohnungen hatten die kleinen charmanten Häuser ersetzt, die mir damals so vertraut waren. Neue Straßen, neue Autobahnen, Scharen von Geländewagen. Große Reklametafeln mit Werbung für Schweizer Uhren und koreanische Flachbildschirme. Frauen in bunten Kopftüchern und Manteaus, Männer mit gefärbten Haaren und Bärten, und Hunderte von entzückenden Cafés mit hipper westlicher Musik und weiblichen Angestellten. Es waren die Art Veränderungen, die wir erst bemerken, wenn uns das normale Leben weggenommen wird.

Zwei Wochen später begann ich wieder mit dem Schreiben. Ein paar Freunde ließen mich ein Blog als Teil ihres Kunstmagazins veröffentlichen. Ich nannte ihn Ketabkhan – das heißt Buchleser auf Persisch.

Sechs Jahre sind eine lange Zeit im Gefängnis, aber online ist es eine ganze Ära. Das Schreiben im Internet hatte sich nicht verändert, aber das Lesen – oder zumindest das Gelesenwerden – umso dramatischer. Mir wurde gesagt, wie wichtig soziale Medien in meiner Abwesenheit geworden waren und somit verstand ich eines: Wenn ich die Menschen dazu bringen will, meine Texte zu lesen, dann muss ich die sozialen Medien nutzen.

Also versuchte ich, den Link zu einer meiner Geschichten auf Facebook zu teilen. Facebook hat das allerdings herzlich wenig interessiert. Irgendwie sah es so langweilig aus wie eine Werbeanzeige. Keine Beschreibung, kein Bild. Nichts. Ich bekam drei Likes. Drei! Das war alles.

Genau an diesem Punkt, in diesem Moment wurde mir klar, dass sich die Dinge verändert hatten. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich auf diesem neuen Spielfeld zu bewegen. All meine Bemühungen, alles was ich investiert hatte, war verbraucht. Ich war am Boden zerstört.

Blogs – der beste Ort, um alternative Gedanken zu finden

Im Jahr 2008, als ich verhaftet wurde, waren Blogs pures Gold und Blogger waren Rockstars. Auch wenn der Zugang zu meinem Blog innerhalb des Irans von der Regierung blockiert wurde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt jeden Tag 20.000 Leser. Jeder, zu dem ich verlinkte, erlebte augenblicklich einen ziemlichen Anstieg an Besuchern: Ich konnte ermächtigen oder blamieren, wen immer ich wollte.

Man las meine Beträge aufmerksam und die Leser hinterließen viele relevante Kommentare. Selbst diejenigen, die überhaupt nicht meiner Meinung waren, besuchten meine Seite. Andere Blogs verlinkten auf meine Beiträge, um zu diskutieren, was ich schrieb. Ich fühlte mich wie ein König.

Damals war das iPhone ein Jahr alt, aber Smartphones wurden noch hauptsächlich zum Telefonieren, für SMS, E-Mails und zum Surfen genutzt. Es gab keine richtigen Apps, und ganz sicher keine, wie wir sie heute kennen. Es gab kein Instagram, kein SnapChat, kein Viber und kein WhatsApp.

Stattdessen gab es das Netz und im Netz, da gab es Blogs: Der beste Ort, um alternative Gedanken, Nachrichten und Analysen zu finden. Das war mein Leben.

Es zählt nur, was innerhalb des Netzwerks bleibt

"Cave2" (London), aus der Ausstellung „Tehran 94“ im Kunsthaus SomoS in Berlin.

Alles begann am 11. September. Ich war in Toronto und mein Vater war gerade für einen Besuch aus Teheran angekommen. Wir saßen gemeinsam beim Frühstück, als das zweite Flugzeug das World Trade Center traf. Ich war durcheinander und verwirrt. Und auf der Suche nach Erkenntnissen und Erklärungen stieß ich auf Blogs. Nachdem ich ein paar gelesen hatte, dachte ich: Das ist es! Ich sollte ein Blog aufsetzen und alle Iraner zum Bloggen ermutigen. Also fing ich an zu experimentieren, mit Notepad auf Windows. Bald schrieb ich auf hoder.com, mithilfe der Publishing-Plattform Blogger, bevor sie von Google gekauft wurde.

Am 5. November 2001 veröffentlichte ich eine Schritt-für-Schritt Anleitung, wie man ein Blog anfängt. Das setzte etwas in Gang, das später eine Blogger-Revolution genannt wurde. Schon bald machten Tausende von Iranern das Land zur weltweit fünftgrößten Blogger-Nation und ich war stolz, einen Teil zu dieser beispiellosen Demokratisierung des Schreibens beigetragen zu haben.

Damals führte ich eine Liste mit allen Blogs auf Persisch und wurde so zwischenzeitlich zur ersten Kontaktperson für jeden neuen Blogger im Iran, der auf meine Liste wollte. Deshalb wurde ich mit Mitte 20 der Blogfather genannt. Das war natürlich ein alberner Spitzname, drückte aber immerhin aus, wie wichtig mir all das war.

Jeden Morgen öffnete ich den Laptop in meiner kleinen Wohnung in Toronto und kümmerte mich um die neuen Blogs, half ihnen sichtbar zu werden und neue Leser zu gewinnen. Das war ein bunter Haufen von Exilautoren und Journalisten, Tagebuchschreiberinnen, Technologieexperten und Lokaljournalisten, Politikern, Geistlichen und Kriegsveteranen  – und ständig ermutigte ich noch mehr. Ich lud mehr Religiöse und männliche sowie weibliche Befürworter der iranischen Republik ein und Menschen, die im Iran wohnten, damit sie alle mitmachten und mit dem Schreiben anfingen.

Wir waren damals alle erstaunt, wie viel wir zu sehen bekamen. Das war einer der Gründe, warum ich das Bloggen so ernsthaft förderte. Ich verließ den Iran Ende des Jahres 2000, um das Leben im Westen kennenzulernen und hatte Angst, die Trends zu Hause zu verpassen. Iranische Blogs in Toronto zu lesen, das war fast, wie in einem Gemeinschaftstaxi in Teheran zu sitzen und der Unterhaltung zwischen dem redseligen Fahrer und zufällig zusammengewürfelten Passagieren zu lauschen.

Meine Währung war der Hyperlink

Es gibt eine Geschichte im Koran, über die in in den ersten acht Monaten meiner Einzelhaft viel nachgedacht habe. In dieser Geschichte findet eine Gruppe verfolgter Christen Zuflucht in einer Höhle. Die Christen und ein Hund, den sie dabei haben, fallen in einen tiefen Schlaf. Sie wachen auf in dem Glauben, nur kurz eingenickt zu sein; in Wirklichkeit aber sind 300 Jahre vergangen. In einer Version der Geschichte geht einer von ihnen hinaus, um Essen zu kaufen – wie hungrig sie wohl nach 300 Jahren gewesen sein müssen! — nur um zu erleben, dass sein Geld nutzlos geworden war. Ein Museumsstück. In diesem Moment erst begreift er, wie lange sie in Wirklichkeit fort waren.

Vor sechs Jahren war meine Währung der Hyperlink. Ursprünglich aus der Idee des Hypertextes entstanden, ermöglichte der Hyperlink eine Vielfalt und Dezentralisierung, die es so in der realen Welt nicht gab. Der Hyperlink stand für den offenen und vernetzten Geist des World Wide Webs  – eine Vision, die mit seinem Erfinder Tim Berners-Lee began. Der Hyperlink war eine Möglichkeit, jegliche Zentralisierung – die Verbindungen, Linien, und Hierarchien – hinter sich zu lassen, und sie durch etwas Dezentrales zu ersetzen:  ein System aus Knoten und Netzwerken.

Blogs gaben diesem Geist der Dezentralisierung eine Form: Sie waren Fenster zu unbekannten Leben, Brücken, die diese unterschiedlichsten Leben miteinander verbanden und sie dabei veränderten. Blogs waren Cafés, in denen Menschen verschiedenste Ideen zu irgendeinem und jedem nur erdenklichen Thema austauschten. Sie waren im weitesten Sinne Teherans Taxen.

Seit ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist mir aufgefallen, wie sehr der Hyperlink entwertet wurde, und nun nahezu überflüssig ist.

Jetzt behandelt fast jedes soziale Netzwerk einen Link so wie jedes andere Objekt  – wie ein Foto oder ein Stück Text  – und nicht als eine Bereicherung. Du wirst aufgefordert, einen einzigen Hyperlink zu teilen und ihn dem quasi-demokratischen Prozess von Likes, Plus und Herzen auszusetzen: Einem Text verschiedene Links hinzuzufügen ist in der Regel nicht erlaubt. Hyperlinks werden objektiviert, isoliert, ihrer Macht beraubt.

Gleichzeitig behandeln diese sozialen Netzwerke diejenigen Texte und Bilder, die direkt in ihnen geteilt werden, mit viel mehr Respekt, als alles, was außerhalb auf anderen Websites liegt. Ein befreundeter Fotograf erklärte mir das anhand seiner Bilder: Alles, was er direkt auf Facebook hochlädt, bekommt viele Likes und taucht somit häufiger in den Newsfeeds anderer Leute auf. Wenn er einen Link postet – zu seinem mittlerweile verstaubten Blog beispielsweise – sind diese Links viel weniger sichtbar und erhalten daher viel weniger Likes. Der Kreislauf verstärkt sich selbst.

Websites außerhalb der sozialen Medien sterben

Einige Anbieter, wie Twitter, gehen ein wenig besser mit Hyperlinks um. Andere, unsichere soziale Netzwerke sind da wesentlich paranoider. Instagram ,  das Facebook gehört ,  erlaubt es seinen Nutzern überhaupt nicht, die Plattform zu verlassen. Du kannst zwar eine Webadresse neben deine Fotos stellen, aber sie führt nirgendwohin. Viele Menschen beginnen ihre tägliche Routine in diesen Sackgassen der sozialen Medien und häufig enden ihre Reisen auch dort. Manche bemerken gar nicht, dass sie die Infrastruktur des Internets nutzen, wenn ihnen ein Foto auf Instagram gefällt oder wenn sie einen Kommentar unter dem Facebook-Video eines Freundes hinterlassen. Für sie ist es einfach nur eine App.

Aber Hyperlinks sind nicht nur das Grundgerüst des Netzes: sie sind seine Augen, der Weg zu seiner Seele. Und eine blinde Website, eine ohne Hyperlinks, kann eine andere Website weder sehen noch betrachten. All das hat ernsthafte Konsequenzen für die Dynamik von Macht im Netz.

Fast alle Theoretiker stellen das Betrachten in ein Verhältnis zur Macht, und das meistens im negativen Sinne. Der Betrachter beraubt die Betrachtete und verwandelt sie in ein machtloses Objekt, frei von Intelligenz oder Handlungsfähigkeit. Aber in der Welt der Websites funktioniert der Blick ganz anders. Er ist ermächtigend. Wenn eine mächtige Website, zum Beispiel Google oder Facebook, eine andere Website erblickt, also auf sie verlinkt, dann stellt sie nicht nur eine Verbindung her; sie erschafft ihre Existenz, sie gibt ihr Leben. Metaphorisch gesprochen, kann deine Website ohne diesen befähigenden Blick nicht atmen. Egal wie viele Links du in deine Website einbaust, solange sie nicht betrachtet wird, ist sie taub und blind und damit gleichzeitig auch unfähig, weiteren Websites Macht zu verleihen.

Auf der anderen Seite sind natürlich diejenigen Websites am mächtigsten, die die meisten Blicke auf sich ziehen. So wie Prominente eine Form von Macht daraus ziehen, ständig von Millionen Augen gesehen zu werden, können Websites ihre Macht durch Hyperlinks erlangen und verteilen.

Aber Apps wie Instagram sind blind  oder beinahe blind. Ihr Blick richtet sich nur nach innen, unwillig, ihre unermessliche Macht an andere zu verteilen, die so einen leisen Tod sterben. Die Konsequenz ist, dass Websites außerhalb sozialer Medien sterben.

Das Beliebte und Gewohnte wird belohnt

"BamBam" (Tehran), aus der Ausstellung „Tehran 94“ im Kunsthaus SomoS in Berlin.

Schon bevor ich ins Gefängnis ging, wurde die Macht der Hyperlinks gezügelt. Ihr größter Feind war eine Philosophie, die zwei der wohl meistüberschätzten Werte unsere Zeit kombiniert: Neuheit und Popularität, die sich in der Dominanz junger Prominenter in der realen Welt widerspiegeln. Die Philosophie des Streams.

Der Stream bestimmt, wie Menschen an Informationen im Netz gelangen. Immer weniger Nutzer besuchen ausgewählte Websites direkt. Stattdessen werden sie von einem endlosen Informationsfluss gefüttert, der für sie aus komplexen  – und geheimen  – Algorithmen zusammengestellt wurde.

Dank des Datenstroms brauchst du nicht mehr so viele Websites zu öffnen. Du benötigst nicht mehr so viele Tabs im Browserfenster. Du brauchst eigentlich nicht mal einen Browser. Du öffnest Twitter oder Facebook auf deinem Smartphone und tauchst tief ein. Der sprichwörtliche Berg ist zu Dir gekommen. Algorithmen haben schon alles für dich ausgewählt. Auf Grundlage dessen, was du oder deine Freunde gelesen oder gesehen haben, können sie vorhersehen, was du eventuell sehen möchtest. Es fühlt sich doch großartig an, keine Zeit damit zu verschwenden, interessante Dinge auf anderen Websites zu finden.

Aber übersehen wir hier etwas? Was tauschen wir eigentlich ein für diese Effizienz?

Die Stimmen, die wir täglich in vielen Apps abgeben  – die Likes, die Plus, die Sternchen, und die Herzen  – haben mehr mit der Süße des Profilbilds zu tun oder dem Grad der Prominenz des Autors, als mit dem eigentlichen Inhalt. Ein brillanter Absatz einer gewöhnlich aussehenden Person schafft es nicht in den Stream, während das dumme Gelaber eines Promis sofortige Internetpräsenz erhält.

Verrat an der Vielfalt, für die das World Wide Web einst stand

Die Algorithmen hinter dem Stream verwechseln nicht nur Neuheit und Popularität mit Relevanz. Sie zeigen uns auch immer mehr dessen, was uns jetzt schon gefällt. Diese Dienste erfassen unser Verhalten und passen unsere Newsfeeds, die Meldungen, Bilder und Videos ganz präzise an das an, was wir ihrer Ansicht nach mit größter Wahrscheinlichkeit sehen wollen.

Natürlich ist Popularität nicht per se falsch, aber sie birgt ihre ganz eigenen Gefahren. In einer freien Marktwirtschaft scheitern qualitativ minderwertige Produkte, wenn der Preis zu hoch ist. Niemand regt sich auf, wenn ein ruhiges Café in Brooklyn mit schlechtem Latte und unhöflichen Kellnern pleitegeht. Aber Meinungen sind nicht dasselbe wie Güter und Dienstleistungen. Sie verschwinden nicht, bloß weil sie unbeliebt sind, oder auch einfach nur schlecht. Die Geschichte lehrt uns, dass die meisten großen (und auch viele schlechte) Ideen für lange Zeit ziemlich unbeliebt waren, und dass es sogar ihr niedriger Status war, der sie gestärkt hat. Minderheitenmeinungen werden radikalisiert, wenn sie nicht ausgedrückt und anerkannt werden können.

Der Stream ist die dominante Art der Informationsorganisation in den digitalen Medien. Er steckt in jedem sozialen Netzwerk, in jeder App. Seit ich meine Freiheit zurückgewonnen habe, sehe ich den Stream, wohin ich auch schaue. Ich schätze, es wird nicht mehr lange dauern, bis Nachrichtenseiten ihren kompletten Inhalt nach demselben Prinzip organisieren. Die Vorherrschaft des Streams heute führt dazu, dass weite Teile des Netzes voreingenommen gegen Qualität sind. Gleichzeitig ist sie ein tiefer Verrat an der Vielfalt, für die das World Wide Web einmal stand.

Ohne Zweifel gibt es heute weit weniger Vielfalt an Themen und Meinungen im Netz als früher. Neue, andersartige und streitbare Ideen werden in den heutigen sozialen Netzwerken unterdrückt, weil deren Platzierungslogik das Beliebte und Gewohnte belohnt (Kein Wunder, dass Apple menschliche Redakteure für seine Nachrichten-App einstellt). Aber Vielfalt wird auch auf anderen Wegen und für ganz andere Zwecke reduziert.

Manche davon sind visueller Art. Es stimmt schon, dass alle meine Statusmeldungen auf Facebook und Twitter beinahe wie ein Blog aussehen: sie werden in umgekehrt chronologischer Reihenfolge sortiert, auf einer spezifischen Website mit einer direkten Webadresse für jede Meldung. Aber ich habe sehr wenig Kontrolle darüber, wie es aussieht; ich kann fast nichts personalisieren. Meine Seite entspricht einem einheitlichen Stil, den die Designer des sozialen Netzwerks für mich festgelegt haben.

Informationszentralisierung nimmt uns die Macht

Diese Informationszentralisierung ist auch deshalb beunruhigend, weil Dinge leichter verschwinden. Nach meiner Verhaftung hat mein Hosting-Dienstleister mein Konto geschlossen, weil ich die monatliche Gebühr nicht mehr zahlen konnte. Aber zumindest hatte ich ein Backup meiner Artikel in einer Datenbank auf meinem eigenen Server (Die meisten Blog-Anbieter ließen Nutzer früher Artikel und Archive ganz einfach auf den eigenen Webspace übertragen, während das heute so meist nicht mehr möglich ist). Selbst wenn ich das nicht getan hätte, gäbe es wahrscheinlich eine Kopie im Internet Archive. Was aber passiert, wenn mein Konto auf Facebook oder Twitter aus irgendeinem Grund geschlossen wird? Auch wenn diese Anbieter wahrscheinlich nicht in naher Zukunft eingehen, ist es nicht undenkbar, dass amerikanische Anbieter eines Tages die Konten aller Iraner schließen, um den derzeitigen Sanktionen gerecht zu werden. Sollte das passieren, könnte ich meine Beiträge vielleicht von einigen Seiten herunterladen. Vielleicht wären sie sogar auf andere Plattformen übertragbar. Aber was passiert mit der Webadresse meines Profils in sozialen Netzwerken? Wäre ich in der Lage, diese später wieder zu beanspruchen, auch nachdem andere sie sich womöglich angeeignet hätten? Auch Domains wie die einer persönlichen Website können natürlich den Eigentümer wechseln. Aber solch ein Prozess ist einfacher und klarer, auch weil es ein finanzielles Verhältnis zwischen dir und dem Verkäufer gibt. Das macht ihn weniger anfällig für plötzliche und unklare Entscheidungen.

Doch die unheimlichste Folge dieser Informationszentralisierung in Zeiten sozialer Netzwerke ist eine andere: Sie macht uns alle machtloser im Verhältnis zu Regierungen und Unternehmen.

Überwachung wird uns zunehmend aufgezwungen, und mit der Zeit wird es immer schlimmer. Entkommen könnte man diesem gewaltigen Überwachungsapparat allenfalls, wenn man in eine Höhle geht und schläft, auch wenn es vielleicht keine 300 Jahre werden.

Wir müssen uns alle irgendwann daran gewöhnen, beobachtet zu werden, und das hat leider nichts mit unserem Wohnort zu tun. Ironischerweise wissen Staaten, die mit Facebook und Twitter kooperieren, weit mehr über ihre Bürger als Länder wie der Iran, die das Internet zwar viel strenger kontrollieren, aber keinen rechtlichen Zugang zu den Firmen hinter den sozialen Netzwerken haben.

Schlimmer noch als beobachtet zu werden, ist es, kontrolliert zu werden. Wenn Facebook dich anhand von 150 Likes besser kennt als deine Eltern, und mit nur 300 Likes mehr weiß als dein Ehepartner, dann wird die Welt vorhersagbar, für Regierungen gleichermaßen wie für Unternehmen. Und Vorhersagbarkeit heißt Kontrolle.

Das Internet ähnelt immer mehr dem Fernsehen

"Rend One" (New York), aus der Ausstellung „Tehran 94“ im Kunsthaus SomoS in Berlin.

Die Menschen der iranischen Mittelschicht sind, wie die meisten Menschen auf der Welt, besessen von neuen Trends. Nutzen oder Qualität sind sekundär im Vergleich zum Coolness-Faktor. Zu Beginn des Jahrtausends warst du cool und angesagt, wenn du gebloggt hast. Um 2008 herum kam erst Facebook, dann Twitter. Seit 2014 ist Instagram der neue Hype und niemand weiß, was als nächstes kommt. Doch je mehr ich über diese Veränderungen nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob meine Bedenken nicht fehlgeleitet waren. Vielleicht sorge ich mich um das Falsche. Möglicherweise geht es gar nicht um den Tod des Hyperlinks oder die zunehmende Zentralisierung.

Vielleicht ist es der Text an sich, der verschwindet. Immerhin haben die ersten Nutzer des Internets einen Großteil ihrer Zeit mit dem Lesen von Webmagazinen verbracht. Dann kamen Blogs, dann Facebook, dann Twitter. Jetzt sind es Facebook-Videos, Instagram und SnapChat, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. In sozialen Netzwerken findet sich immer weniger Text zum Lesen, dafür umso mehr Videos und Bilder. Beobachten wir den Niedergang des Lesens zugunsten des Sehens und Hörens im Netz?

Sind es veränderte kulturelle Gewohnheiten, die diesen Trend antreiben? Oder passen wir uns einfach den Gesetzen der sozialen Netzwerke an? Ich weiß es nicht, das muss die Wissenschaft herausfinden. Es fühlt sich jedoch an, als würden alte kulturelle Grabenkämpfe wiederbelebt. Schließlich hat das Netz seinen Anfang in der Imitation des Buches und war über Jahre geprägt von Text und Hypertext. Auf diese Dinge legten Suchmaschinen viel Wert. Firmen, ganze Monopole, wurden auf dem Rückgrat dieser Logik gebaut. Aber mit der exponentiell wachsenden Anzahl an Scannern, digitalen Fotos und Videokameras scheint sich das zu verändern. Suchmaschinen arbeiten nun mit hochentwickelten Bilderkennungsalgorithmen, hierhin fließt das Werbegeld.

Dies ist nicht die Zukunft des Netzes

Der Stream, mobile Apps und Bewegtbild, all das zeigt, dass wir uns von einem Bücherinternet hin zu einem Fernsehinternet bewegen. Wir scheinen uns von einer nicht-linearen Art der Kommunikation – Knoten, Netzwerke und Links – hin zu einer linearen mit Zentralisierung und Hierarchien bewegt zu haben.

Das Netz wurde nicht als Form des Fernsehens konzipiert. Aber ob wir es mögen oder nicht, es ähnelt ihm immer mehr: linear, passiv, programmatisch durchgeplant und selbstbezogen.

Mein persönliches Fernsehen beginnt, wenn ich mich bei Facebook einlogge. Jetzt muss ich nur noch scrollen: Ein neues Profilbild von Freunden, hier und da eine Meinung über das Zeitgeschehen, Links zu neuen Geschichten mit kurzen Überschriften, Werbung und natürlich automatisch startende Videos. Gelegentlich klicke ich "Gefällt mir", oder "Teilen", lese Kommentare oder schreibe selbst einen, oder ich öffne einen Artikel. Aber ich verbleibe auf Facebook, und Facebook sendet weiter, was mir gefallen könnte. Dies ist nicht das Netz, das ich kannte, als ich ins Gefängnis ging. Dies ist nicht die Zukunft des Netzes. Diese Zukunft ist Fernsehen.

Manchmal frage ich mich, ob ich im Alter zu streng werde. Ob all das womöglich die ganz normale Entwicklung einer Technologie ist. Aber ich kann auch nicht die Augen verschließen vor dem, was gerade mit dem Netz passiert: dieser Verlust an intellektueller Macht und Vielfalt, und das Potenzial, das es für unsere geplagte Zeit haben könnte. Früher war das Internet mächtig und ernsthaft genug, um mich ins Gefängnis zu bringen. Heute ist es nur wenig mehr als Unterhaltung. So sehr, dass nicht mal der Iran es ernst genug nimmt, um Seiten wie Instagram überhaupt zu blockieren.

Ich vermisse die Zeit, als Leute sich die Zeit nahmen, um mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden, und bereit waren, mehr als 140 Zeichen zu lesen. Und ich vermisse es, auf meinem eigenen Blog zu schreiben, unter meiner eigenen Domain zu veröffentlichen. Und all das, ohne danach gleich noch einmal so viel Zeit darauf zu verwenden, meinen Text in zahlreichen sozialen Medien zu bewerben.

Das ist das Netz, an das ich mich erinnere, bevor ich ins Gefängnis kam. Das ist das Netz, das wir bewahren müssen.

Dieser Text ist zuerst in englischer Sprache auf medium.com erschienen. Übersetzung: Frederike Kaltheuner