Das Chaos Communication Camp aus der Luft © Markus Horeld / ZEIT ONLINE

Die größten Feinde von Alexander Leefmann sind in diesen Tagen kleine Tiere mit scharfen Zähnen. Unmittelbar vor Beginn des Chaos Communication Camps in Brandenburg hatten vermutlich Marder gleich zweimal die Lebensader des Camps durchgebissen: das Glasfaserkabel, mit dem rund 5.000 Menschen für fünf Tage mit Internet versorgt werden.

Alle vier Jahre veranstaltet der Chaos Computer Club (CCC) so ein Camp, zuletzt 2011 in Finowfurt, dieses Mal auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Mildenberg bei Zehdenick. Es ist gleichermaßen Feriencamping wie Hackertreffen. Die Ziegelei, tagsüber ein Museum mit allerlei Gebäuden, verrosteten Maschinen und einer Schmalspureisenbahn, verwandelt sich nach Einbruch der Dunkelheit in einen spektakulär beleuchteten Spielplatz voller charmant-verrückter Basteleien. Aber es wird eben auch programmiert und gehackt, und es gibt Vorträge, die per Livestream übertragen werden. Dafür braucht es Internet. Leefmann muss nun dafür sorgen, dass weder Hitze noch Staub noch Regen es stören. Oder eben Marder.

Es ist ein "Internet, wie es sein sollte", wie Leefmann gerne sagt. Was er meint: Bis zu zehn Gigabit pro Sekunde, keine Filter, keine Beschränkungen. Mit ebenso viel Bandbreite für den Download wie für den Upload. Eine Verbindung, so schnell, dass man von Ladezeiten nicht mehr reden kann. So schnell, dass Anlieger in Reichweite des offenen Camp-WLANs zur Ziegelei kommen und vorsichtig fragen, ob das Internet eigentlich bleibt, wenn das Camp vorbei ist.

Vier Monate Zeit

Leefmann und die 28 Mitglieder seines Teams haben das Netz zusammen aufgebaut, und wie sie das gemacht haben, sagt einiges darüber aus, was möglich wäre in Sachen Breitbandversorgung in Deutschland, wenn man nur wollte.

Gerade mal vier Monate hat es von der ersten Begehung der Ziegelei durch die Veranstalter des Camps bis zur Fertigstellung des Netzwerks gedauert. In einer Gegend von Brandenburg, in der es viel Wald und Wiesen und Wasser gibt, aber wenig Menschen. Und wenig Breitbandinternet. Leefmann und sein Team fanden aber heraus, dass eine vergleichsweise nahe gelegene Hochspannungsleitung auch ein Glasfaserkabel trägt, das in einem Berliner Rechenzentrum endet. Das Kabel gehört einer Firma, die nicht genannt werden möchte. Aber sie erlaubte es Leefmann, sich sozusagen in die Leitung einzuklinken.

In dem Rechenzentrum wiederum sitzen mehrere Internetprovider. Sie erklärten sich bereit, Traffic-Kapazitäten für das Camp zur Verfügung zu stellen. Ob und wie viel der CCC dafür zahlt, will Leefmann nicht verraten. Nur so viel: Am Ende hatte man die Zusage für zehn Gigabit pro Sekunde. Ein superschnelles Netz also. Schneller als alles, was Privatanbieter derzeit in Deutschland kaufen können.

Damit standen der Uplink ins Internet und die Bandbreite fest. Was jetzt noch fehlte, war eine Glasfaserleitung vom Hochspannungsmast ins Camp, über eine Strecke von 2,4 Kilometern. Nur wenige Tage brauchte das Team, um die Genehmigungen der Landbesitzer einzuholen und das Kabel zu verlegen. Es liegt offen auf Wiesen und Feldern, einmal führt es sogar durch die Havel, mit Steinen beschwert. "Wir haben viele Leute mit einer Spezialausbildung im Team, Höhenkletterer und Taucher zum Beispiel", sagt Leefmann. Das Kabel endet in einem klimatisierten Container auf dem Gelände der Ziegelei, in dem der zentrale Netzwerkverteiler für das Camp untergebracht ist.

Irgendwo auf dieser Strecke hatten die mutmaßlichen Marder zugeschlagen, aber bis zum heutigen Samstag, dem dritten von fünf Camptagen, gab es keinen weiteren Ausfall. Die Hitze der vergangenen Tage setzt der Technik zwar zu, einmal geriet Staub in die Kühlung, und die Geräte liefen heiß. Es sind solche Momente, die Leefmann um den Schlaf bringen, was ihm deutlich anzusehen ist. Aber er ist zum ersten Mal der Teamkoordinator und will das "Internet, wie es sein soll" unbedingt stabil halten. Dafür opfert er seinen Jahresurlaub und notfalls auch seine Nachtruhe.

Zeitweise sind mehr als 3.000 Geräte allein mit einem der offiziellen WLANs des Camps verbunden. Selbst im letzten Winkel hat Leefmann noch eine Downloadgeschwindigkeit von 52 Megabit pro Sekunde über WLAN gemessen, und 64 Megabit im Upload. Am schnellsten aber ist das kabelgebundene Netz, das über die sogenannten Datenklos verteilt wird. Das sind Dixi-Toiletten, die zu Verteilerstationen umgebaut wurden. Dort können Campbesucher von freiwilligen Helfern ihre eigenen LAN-Kabel einstöpseln lassen. Wer einen Gigabit-Port an seinem Rechner und ein leistungsfähiges Kabel hat, bekommt dann eine Verbindung, die 20-mal schneller ist als ein VDSL-Anschluss mit 50 Mbit/s.

"Wir haben 34 Datenklos, die sternförmig vom zentralen Verteiler abgehen", sagt Leefmann. Wenn man sich die Karte des Geländes als Weltkarte vorstellt, sind sie nach der geografischen Lage benannt: "Unten links befindet sich zum Beispiel das Datenklo Mexiko, oben im Norden haben wir den skandinavischen Bereich."

Deutschland hinkt bei der Glasfaserversorgung hinterher

Das Datenklo Mexiko und die anderen stehen aber in einem "Internetentwicklungsland", sagt Leefmann. In einer Region von Brandenburg, in der schon ein datenintensiver Dienst wie YouTube unbenutzbar sein kann, in der kein Provider Glasfaser verlegen und die nötige Infrastruktur betreiben will.

Das Campnetzwerk ist deshalb auch ein Signal an Politik und Provider: So sieht ein Internet aus, das leistungsfähig genug ist für die Anwendungen und Dienste der Zukunft und die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. Während beispielsweise die CDU als Ziel ausgibt, bis 2018 flächendeckend 50 Mbit/s anbieten zu können, hat Leefmanns Grüppchen so ein Netz mal eben in die brandenburgische Provinz gebaut.

Deutschland hinkt bei der Glasfaserversorgung im europäischen Vergleich hinterher, selbst in den Städten will die Telekom lieber erst die Möglichkeiten ihrer bestehenden Kupferleitungen ausreizen, mit Techniken wie Vectoring, die aber irgendwann an physikalische Grenzen stoßen. Auf dem Land soll vor allem LTE das sicherstellen, was heute Breitbandversorgung genannt wird und in Zukunft eher als Minimalversorgung gelten dürfte.

Zum Problem wird das spätestens dann, wenn künftige wichtige oder beliebte Dienste und Inhalte eine Bandbreite erfordern, die Kupfer und LTE nicht mehr liefern können. Dann müssen Unternehmen dorthin ziehen, wo es Glasfaser gibt, und Privatnutzer damit rechnen, dass sie auf dem Land nicht im selben Umfang an der Digitalisierung teilhaben können wie Stadtbewohner.

Leefmann sagt: "Wir könnten mit dem, was wir hier in wenigen Monaten gebaut haben, 200 Haushalte mit 50 Mbit/s versorgen. Ein beliebiger Provider könnte das erst recht." Aber es gebe keinen Wettbewerb und keinen Anreiz, einen zu schaffen.

Der Netzwerkingenieur schwärmt von Ländern wie Schweden und den Niederlanden, wo der Glasfaserausbau seit Jahren von der Regierung gefördert wird, sodass selbst abgelegene Dörfer in den Genuss eines wirklich schnellen, zukunftstauglichen Internets kommen können. Wo das, was er und sein Team aufgebaut haben, normal ist, und keine exotische, aufregende Ausnahme vom Alltag.