3. Inhalte öffentlich machen

Wer auf Facebook auf Menschen trifft, die regelmäßig menschenverachtende oder rassistische Kommentare posten, hat noch eine dritte Möglichkeit: die jeweiligen Kommentatoren öffentlich zur Schau zu stellen – jedenfalls wenn es sich um Extremfälle wie Gewaltaufrufe handelt. Das Tumblr-Blog Perlen aus Freital etwa sammelt die heftigsten Kommentare unter Postings zur Flüchtlingsdebatte. Dass solche Kommentare im Internet nicht im Vakuum stehen, musste im Juli ein junger Österreicher erfahren. Er hatte unter dem Bild eines Flüchtlingsmädchens gepostet, dass ein Flammenwerfer die bessere Lösung gewesen wäre. Sein Arbeitgeber Porsche kündigte ihm darauf.

Mit einem anderen Fall machten in diesen Tagen die Aktivisten der LGBT-Initiative Enough is Enough Schlagzeilen. Sie hatten eine Facebook-Nutzerin bei ihrem Arbeitgeber gemeldet, nachdem sie mehrfach mit homophoben Entgleisungen aufgefallen war. Inzwischen wurde auch sie entlassen. Nicht alle sind von der Aktion begeistert; einige kritisieren, jungen Menschen werde für möglicherweise einen einzigen unbedachten Kommentar "die Zukunft verbaut". Die Aktivisten wehren sich und sagen, es sei kein einzelner Kommentar gewesen und die Nutzerin habe ihn zudem in einer öffentlichen Facebook-Gruppe mit 26.000 Mitgliedern geteilt. Anders gesagt: Wer sich öffentlich im Netz äußert, muss damit rechnen, dass dies Konsequenzen hat.

Ähnlich sehen das die anonymen Betreiber von Perlen aus Freital. Im Gespräch mit der Welt sagten sie, sie wollten eine "Gegenöffentlichkeit" erschaffen und hofften, dass sich die Pöbler "im realen Lebensumfeld" für ihre Tiraden rechtfertigen müssen. Rechtlich gesehen spricht nichts dagegen, bereits öffentliche Kommentare in Form von Zitaten zu verbreiten oder sie an Arbeitgeber und Angehörige weiterzuleiten. Diese Art der sozialen Kontrolle, eine Art digitale Nachbarschaftswache, kann wirken. Sie kann aber auch gegenteilige Reaktionen auslösen: Nämlich, dass die Nutzer daraufhin in die Anonymität flüchten, die Szene dichter zusammenrückt und Dritte möglicherweise zum "Gegenschlag" ausholen. Zudem besteht stets die Gefahr, andere Menschen aufgrund grenzwertiger, aber von der Meinungsfreiheit geschützter Kommentare zu denunzieren.

4. Diskussion suchen

Bevor man den drastischen Weg des öffentlichen Prangers wählt, sollte man deshalb einen anderen versuchen: den der konstruktiven Diskussion. Das klingt angesichts der teils heftigen Kommentare und belehrungsresistenten Kommentatoren wie ein schlechter Witz. "Aber nicht alle Kommentare auf Facebook stammen von hartgesottenen Nazis. Denen ist eh nicht mehr zu helfen. Was wir hier vorfinden ist in erster Linie Alltagsrassismus, gegen den man sich klar positionieren muss", sagt Johannes Baldauf. Er leitet die Initiative No-Nazi.net und beobachtet seit Jahren rechte und rassistische Strömungen im Netz.

"Es ist wichtig, diese Leute aus ihrer Filterblase herauszuholen und ihnen klarzumachen, dass es auch andere Ansichten gibt, ihnen zu sagen: Hey, Du bist gerade populistisch und das ist nicht die Lösung für Dein Problem", sagt Baldauf. Seiner Meinung nach findet im Netz noch immer viel zu wenig Gegenrede statt, weshalb laute Minderheiten schnell die Deutungshoheit übernähmen.

Mithilfe von Pädagogen versucht No-Nazi.net deshalb auch, Menschen gezielt anzuschreiben, die Hetze verbreiten. Es geht ihnen um Aufklärung für junge Menschen, um sogenannte Radikalisierungsprävention. Gleichzeitig möchten sie das Gespür für Hate Speech im Netz schärfen, nicht zuletzt für alle, die diese in ihrer Timeline nicht mehr einfach hinnehmen möchten. Facebook ist ein soziales Netzwerk, und je mehr Menschen konstruktiv auf Äußerungen ihrer Bekannten und Verwandten reagieren, desto eher lässt sich etwas verändern.

Schaden kann es jedenfalls nicht. Wo die Mechanismen von Facebook versagen, die Anzeige bei der Polizei zu lange dauert und der öffentliche Pranger auch keine echte Lösung ist, bleiben immer noch gute Argumente, Sachlichkeit und ein gesunder Menschenverstand. Solange genügend Menschen im Netz eine gemeinsame Stimme finden, können menschenverachtende, hetzerische und rassistische Inhalte, wenn schon nicht ausgerottet, so zumindest marginalisiert werden.