Das neue Apple TV © Beck Diefenbach / Reuters

"Dies ist das goldene Zeitalter des Fernsehens", sagte Tim Cook am Mittwoch während der Vorstellung des neuen Apple TV in San Francisco. Das war kurz nachdem sein Vize Phil Schiller betont hatte, was für ein "erstaunliches Erlebnis" es sei, Filme auf dem ebenfalls neuen iPad Pro zu schauen. Was ist denn nun der Bildschirm der Stunde: das iPad oder der Fernseher? Das mobile Gerät oder das stationäre?

Wenn es danach geht, wo für Apple mehr zu holen ist, lautet die Antwort wahrscheinlich: stationär. Das klingt überraschend, wenn man bedenkt, mit welchen Produkten Apple in den vergangenen Jahren zum wertvollsten Unternehmen der Welt geworden ist: iPod, iPhone, iPad. Aber Apple TV könnte, wenn schon keine ausgewachsene Cashcow, dann doch zumindest ein Cashkalb werden, und zwar aus einer Reihe von Gründen.

Erstens ist die tiefe Integration von Streamingdiensten wie Netflix, HBO und Hulu für viele potenzielle Kunden verlockend. Als native Apps lassen sich die Dienste bequem und übergreifend mit Siri durchsuchen, aus mehreren Inhalteanbietern wird damit scheinbar ein einziger. Soweit ist Konkurrent Amazon mit seinem Fire TV noch nicht. Apple TV ist also schon als Set-Top-Box durchaus attraktiv. Mit 149 beziehungsweise 199 Dollar (die Europreise stehen noch nicht fest) ist das Gerät zwar deutlich teurer als etwa ein Fire TV, aber nicht unbezahlbar. 

Eine Konsole für Casual-Gamer

Zweitens dürfte die Plattform sehr schnell durch Apps deutlich aufgewertet werden. Wenn Entwickler das Betriebssystem tvOS so verlockend finden wie iOS und Watch OS, wird es schon bald viele Apps geben, bei deren Verkauf Apple vermutlich, wie auf anderen Plattformen auch, 30 Prozent einbehält. Anbieter wie Netflix müssen dem Unternehmen angeblich nur 15 Prozent überlassen, wenn Kunden ihr Abo über Apple TV abschließen. Aber auch das wäre nicht zu verachten.

Drittens ist Apple TV als Spielekonsole für alle interessant, die sich nicht zu den Hardcore-Gamern zählen und keine Lust haben, 350 Euro oder mehr für eine PlayStation oder eine Xbox und 50 bis 70 Euro pro Spiel auszugeben. Dass Casual-Gamer eine riesige Zielgruppe sind, zeigen seit Jahren die Verkaufszahlen von iOS-Games. 

Viertens könnte Apple über Werbung auf dem Apple TV Geld verdienen, genauer gesagt über seine iAd-Plattform. Die zählt zwar zu den weniger wichtigen Geschäften von Apple, zumal das Unternehmen stets beteuert, möglichst wenig Daten über seine Kunden sammeln zu wollen. Zielgruppengerichtete Werbung ist mit diesem Ansatz nur beschränkt möglich. Aber irgendwie wird Apple schon von iAd profitieren, sonst gäbe es die Plattform nicht mehr.

Update: Im Software Developement Kit von tvOS ist iAd derzeit nicht enthalten. Im Moment könnte Apple also kein Geld mit Werbung in Apple TV verdienen.

Kein Wort zu Homekit

Fünftens ist Apple TV eine interessante Plattform für Medienhäuser, die Videoinhalte anbieten, wie das NiemanLab analysiert. Sie könnten versucht sein, für die Verbreitung ihrer journalistischen Inhalte über Apples Plattform zu bezahlen.

Sechstens könnte Apple TV irgendwann zur Steuerungszentrale für das vernetzte Zuhause werden. Zwar sagte Apple am Mittwoch nichts zu seinem Homekit-Framework. Und bisher unterstützt Apple TV nur den Fernzugriff auf vernetzte Haushaltsgeräte. Aber nicht zuletzt dank der Sprachsteuerung über Siri könnte das Gerät künftig zur alternativen Steuerungszentrale werden, anstelle eines deutlich teureren iPhones oder iPads.

Was Apple TV allerdings noch fehlt, ist die Fähigkeit, Inhalte in 4K-Auflösung anzeigen zu können. Die Funktion ist nicht nur relevant, weil neue Fernseher die Technologie oft schon beherrschen, sondern auch, weil das iPhone 6s eine Kamera hat, mit der Nutzer 4K-Videos erstellen können. Beim Streamen auf den Fernseher würde Apple TV diese auf Full HD herunterrechnen. Das klingt nicht gerade nach Goldstandard.