Ursprünglich war das mit dem Nicht-Böse-Sein nur als Witz gemeint. Wie der Journalist Steven Levy in seinem Buch In The Plex schreibt, trafen sich 2001 leitende Google-Mitarbeiter, um das Unternehmensethos und neue Richtlinien festzulegen. Mit dabei war Paul Buchheit, der spätere Erfinder von Gmail, der die Diskussion über postkartentaugliche Werte und Pflichten ebenso ermüdend wie absurd fand. Stattdessen warf er das Motto Don't Be Evil – sei nicht böse – in den Raum. Seine Kollegen fanden es witzig, es entwickelte eine eigene Dynamik unter den Mitarbeitern und drei Jahre später tauchte der Spruch vor Googles Börsengang prominent in einem Brief an die Investoren auf. Aus einem Witz wurde somit der inoffizielle und durchaus ernstgemeinte Slogan von Google.

Bis jetzt jedenfalls. Am vergangenen Freitag vollzog Google die angekündigte Aufspaltung des Unternehmens. Ab sofort ist Google, gemeinsam mit seinen bekanntesten Produkten wie der Suchmaschine, Gmail und Android, ein Teil der neuen Holding Alphabet. Und in deren neuem Verhaltenskodex taucht das Motto nicht mehr auf. Stattdessen heißt es, dass alle Mitarbeiter von Alphabet und seiner Tochterfirmen "das Richtige tun" sollten (Do the Right Thing): Sich an die Gesetze halten, ehrenwert verhalten und andere mit Respekt behandeln. So weit, so spießig – und genau deshalb so passend.

So bekannt Don't Be Evil in der Öffentlichkeit ist, so kritisch wurde es seit jeher intern gesehen. Der frühere CEO Eric Schmidt teilte mehrfach mit, dass der Slogan schon immer missverstanden wurde. Er sollte nie eine absolute Position darstellen, sondern vor allem interne Debatten über die Unternehmensethik hervorrufen. An anderer Stelle sagte Schmidt, er habe es nach seinem Einstieg bei Google als "die dümmste Regel überhaupt" empfunden, ganz einfach weil es keine allgemein gültige Definition von gut und böse gebe und die Auslegung immer im Auge des Betrachters liege. Google-Gründer Larry Page selbst sagte im vergangenen Jahr, das Unternehmen brauche vielleicht langsam mal ein neues Motto. Natürlich fühlten sich Google-Kritiker durch solche Aussagen nur bestätigt, weil sie sich auch so (miss)verstehen ließen: Wird Zeit, dass wir bei Google auch offiziell böse sein dürfen.

Google-Dialektik

Aber Don't Be Evil als Motto zeigte schon immer die Dialektik von Google als Unternehmen. Für viele Nutzer, die um die Jahrtausendwende das erste Mal online gingen, war Google das Tor ins Netz. Ein Dienst zweier Nerds aus dem Silicon Valley mit bunten, unschuldigen Buchstaben, das nichts anderes wollte, als die Informationen der Welt zu organisieren und den Menschen zugänglich zu machen. Gmail, YouTube, Maps – alles schien gemäß der Unternehmensphilosophie diesem Ziel untergeordnet.

Datenschützer, Journalisten und ganze Studien dagegen versuchten in den vergangenen Jahren regelmäßig, diesen vermeintlichen Idealismus Googles mit aktuellen Entwicklungen zu widerlegen: Die immer weiter reichende Sammlung von Nutzerdaten über sämtliche Dienste hinweg, der zwischenzeitliche Zwang zu Google+ bei YouTube, der Einstieg in verschieden Sparten von Medizintechnik bis hin zu Robotern und die enge Zusammenarbeit mit Rüstungskonzernen und US-Behörden wurden dabei als Zeichen angeführt, dass Google sein eigenes Motto längst nicht mehr beachtet. Immer wenn es Kritik an Google gab, wurde in irgendeinem Text auf Don't Be Evil verwiesen.

In einem Essay für The Atlantic widerspricht der Autor Ian Bogost allerdings der oft geäußerten Meinung, dass sich Google vom ehemaligen sympathischen Start-up zum fiesen globalen Megakonzern gewandelt hat. Seiner Ansicht nach hat Google nie einen Hehl daraus gemacht, ein profitorientiertes Unternehmen zu sein. Was Außenstehende gemeinhin als böse sehen, lässt sich problemlos aus Googles Binnensicht rechtfertigen. Eric Schmidt sagte dazu in einem Interview aus dem Jahr 2003: "Böse ist, wenn Sergey sagt, dass es böse ist". Oder anders gesagt: Der einzigen Logik, der Google stets folgte, war die eigene.

Tu das Richtige – für Google

Gerade deshalb taugte Don't Be Evil nie als moralischer Kompass, sondern war die Rechtfertigung der eigenen Taten und Entwicklungen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wurde es zum bis heute gültigen Mantra von Technik- und Internetunternehmen, die in ihrem unbändigen Fortschrittsglauben davon überzeugt sind, dass ihre Produkte und Erfindungen immer dem Wohle der Gesellschaft dienen. Laut Bogost ist für Google die "Googleisierung" der Welt die Basis, auf der die eigene Definition von böse gründet: Solange Entscheidungen Googles Wachstum und damit im Umkehrschluss der Gesellschaft helfen, können sie nicht böse sein. "Don't Be Evil ist quasi das 'Sei Dir selbst treu' des Silicon Valley. Es ist gleichermaßen Tautologie und Narzissmus", schreibt Bogost. 

Mit der mutmaßlichen Abkehr von Don't Be Evil ändert sich daran übrigens genau: nichts. Vielmehr reagiert Alphabet bloß auf die jahrelange Falsch- und Überinterpretation des alten Slogans. Kurioserweise wurde auch der designierte Nachfolger Do the Right Thing bereits in dem erwähnten Treffen aus dem Jahr 2001 erwähnt. Die Personalchefin Stacey Sullivan reagierte der Anekdote nach auf den Vorschlag Don't Be Evil mit den Worten "Können wir das nicht als 'Tu das Richtige' oder etwas Positiveres formulieren?" 14 Jahre später wird Sullivans Wunsch nun erfüllt: Tu das Richtige – das Richtige für Google.