Russisches U-Boot Jekaterinburg (Archivbild von 2011) © Andrei Pronin / Reuters

Russische U-Boote operieren in letzter Zeit vermehrt dort, wo die transatlantischen Glasfaserkabel verlaufen, über die große Teile des Internetverkehrs zwischen Europa und den USA verlaufen. Das jedenfalls berichtet die New York Times unter Berufung auf anonyme, vorgeblich nervöse US-Militärs und -Geheimdienstler. Deren Befürchtung: Russland plane möglicherweise, diese Kabel  und damit wichtige Kommunikationskanäle "in Zeiten von Spannungen und Konflikten" zu zerstören – und zwar dort, wo sie besonders schwer zu reparieren sind.

Aber was würde das bringen? Der Journalist Andrew Blum sollte es wissen. Er hat für die Recherche zu seinem Buch Kabelsalat jene Orte aufgesucht, an denen die Kabel an Land kommen, und er hat mit vielen Netzwerktechnikern gesprochen, die ihm den Aufbau des Internets erklärt haben.

ZEIT ONLINE: Mister Blum, als Sie das Internet besucht haben – also jene Orte, an denen seine Infrastruktur sichtbar wird – hatten sie da das Gefühl, etwas Fragiles zu sehen?

Andrew Blum: Einzelne Teile vielleicht. Aber das Internet als Ganzes ist nicht zerbrechlich. Ein Kabel ist sicherlich verwundbar, aber die Netzwerke, die zusammen das Internet ergeben, sind redundant konzipiert. Je nachdem wie man zählt, verlaufen allein unter dem Atlantik zwölf bis 20 Glasfaserkabel, und jedes kann als Back-up für ein anderes herhalten.

ZEIT ONLINE: Weil durchtrennte Kabel keine Seltenheit sind.

Blum: Ja, so ein Kabel geht alle sechs Monate oder alle zwei Jahre mal kaputt, abhängig davon, wie stark der Schiffsverkehr da ist, wo es verläuft.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn jemand mehrere transatlantische Kabel gleichzeitig sabotieren würde, könnten Daten auch über den längeren Weg durch den Pazifik geroutet werden, richtig?

Blum: Bis zu einem gewissen Datenvolumen jedenfalls ginge das. Jenseits davon würde es nicht mehr effektiv funktionieren. Aber wir reden auch hier davon, dass jemand mindestens die Hälfte aller Kabelsysteme im Atlantik – das Apollo-Kabel zum Beispiel hat zwei einzelne Stränge, die aber als ein System bezeichnet werden – komplett vom Netz nimmt. Dazu bräuchte es sehr große, koordinierte Anstrengungen. Ein massiver Hack wäre wahrscheinlich effektiver, wenn man Kommunikationswege sabotieren wollte. Aber zumindest hat das Durchtrennen solcher Kabel eine gewisse Tradition. Im August 1914, einen Tag nach der Kriegserklärung der Deutschen, zerstörten die Briten fünf deutsche Untersee-Telegraphenkabel. 

ZEIT ONLINE: Das Internet ist insofern einzigartig, als es darauf ausgelegt ist, Daten um Hindernisse herumzuleiten.

Blum: Ja, aber man muss auch sehen, dass es komplett in privater Hand ist. Inwieweit es redundant ist, hängt vollständig von den kommerziellen Interessen der Telekommunikationsunternehmen ab.

ZEIT ONLINE: In der New York Times ist aber nicht nur von den bekannten kommerziell genutzten Kabeln die Rede, sondern auch von ausschließlich militärisch genutzten, deren Verlauf geheim ist. Was wissen Sie über diese Kabel?

Blum: Nichts. Was ich weiß: In den Verträgen der Unternehmen, denen die kommerziell genutzten Kabel gehören, wird das US-Verteidigungsministerium häufig als ein großer Kunde genannt. Gibt es darüber hinaus separate Kabel? Keine Ahnung.

ZEIT ONLINE: Könnten Satelliten ein ausgefallenes Kabel ersetzen? Immerhin kreisen mehr als 2.000 Kommunikationssatelliten über der Erde, die zum Teil für Internetverbindungen genutzt werden.

Blum: Für das Militär sind Satelliten in dieser Hinsicht sehr wichtig. Nicht zuletzt, weil sie schwieriger zu stören sind als Kabel. Aber im zivilen Bereich werden sie nicht zum Datentransport zwischen zwei Städten genutzt. Wenn also jemand alle zehn Glasfaserkabel zwischen Frankfurt und New York kappen würde, gäbe es meines Wissens keine Satellitenverbindung, die das auffangen könnte. Kommunikation läuft zu 90 bis 95 Prozent über Kabel.