"Hallo, mein Name ist Miley. Ich bin vier Jahre alt und ich mag Eiscreme und mit Freunden spielen. Außerdem brauche ich Eltern." Etwa so lautet die Bildunterschrift unter dem Instagram-Foto eines Mädchens mit süßem Gesicht, langen blonden Haaren und blauen Kulleraugen. Auf einem anderen Bild sitzt die Kleine strahlend vor einem Eisbecher, darunter steht: "Kann mich jemand adoptieren?" Was aussieht wie eine Onlinebörse zur Vermittlung von Waisenkindern, ist in Wahrheit ein Fake. Dahinter steckt das sogenannte Baby-Role-Play, das Rollenspiel mit Kinderfotos.

Das unter dem Namen Miley gezeigte Mädchen heißt anders. Sie kann und soll nicht adoptiert werden, denn sie wächst bei ihren Eltern auf, die einfach nur ab und zu Bilder von ihr verbreiten. Manche stolze Mütter und Väter machen sich kaum Gedanken, wenn sie niedliche Fotos ihrer Kleinen auf Facebook, Instagram oder anderswo posten und teilen.

Das machen sich andere Mitglieder dieser Netzwerke zunutze: Sie sammeln Bilder von Profilen fremder Menschen, erstellen damit neue Persönlichkeiten im Netz und spielen dann deren Rolle. Über bestimmte Hashtags finden andere solche Rollenspiel-Accounts und Bilder. In den Kommentarspalten unterhalten sie sich, als wären sie etwa Mutter und Kind. Das Baby "weint", daraufhin fragt der Nutzer, der die Mutterrolle spielt, was ihm fehlt, ob es Hunger hat, und er (oder sie) nimmt das Baby virtuell auf den Arm. Betroffene Eltern sind entsetzt. Im Gespräch mit der Washington Post sagte eine Mutter, die Bilder ihres Babys in einem solchen Account wiederentdeckt hatte: "Die größte Angst einer Mutter ist, dass ihr jemand ihr Kind wegnimmt." Das Rollenspiel mit Kinderfotos käme dem sehr nah. "Da haben Leute Fantasien, mein Baby zu besitzen." In den USA versuchten einige, mit einer Onlinepetition gegen den Bilderklau vorzugehen.

Aber ist das Phänomen wirklich mehr als harmlose Spielerei? Wer sich im Netz auf die Suche nach Rollenspiel-Profilen macht, merkt schnell: Es gibt jede Menge davon. Menschen nehmen alle möglichen Identitäten an – von Prominenten, unbekannten Fremden, Tieren und eben auch Kindern. "Menschen schlüpfen gern in andere Rollen. Das ist nicht neu", sagt der Netzsoziologe Stephan Humer. "Im Netz ist heute fast alles möglich, und das nutzen die Menschen." Hinter dem Baby-Role-Play stecken aber nicht hauptsächlich pädophile Fantasien, glaubt er.

Die wenigen Rollenspieler, die sich selbst zu erkennen geben, sind häufig Mädchen im Teenageralter. Die Washington Post hat etwa über einen Baby-Rollenspieler berichtet, dessen Profil mittlerweile stillgelegt wurde. Eingerichtet hatte es ein junges Mädchen im Teenageralter, das sich später damit verteidigte, der Account sei nur ein Spaß gewesen. Auch der Psychiater Gail Saltz glaubt, dass hinter den Profilen oft junge Menschen stecken, die vermutlich eine schwere Kindheit hatten und sich in die Rollenspiele flüchten. Anderen Berichten zufolge spielen einzelne Nutzer aber durchaus auch Fantasien durch, die Gewalt oder Sex mit Kindern beinhalten.

Die AGB der Netzwerke erlauben die Rollenspiele eigentlich nicht

Eltern sollten den Foto-Missbrauch melden – falls sie ihn denn entdecken. Für den Fall, dass Bilder vom eigenen Account gestohlen und auf einem fremden Profil online gestellt wurden, bieten die meisten Social-Media-Plattformen einen entsprechenden Service an. Dort können Eltern gefälschte Accounts anzeigen. Generell ist es etwa auf Facebook und Instagram verboten, sich unter falscher Identität anzumelden und Bilder anderer Nutzer zu verwenden. Genauso verlangen die Plattformen in ihren AGB, dass die Nutzer ihre wahren Namen und Daten angeben.

In Facebooks AGB etwa heißt es: "Du wirst keine falschen persönlichen Informationen auf Facebook bereitstellen oder ohne Erlaubnis kein Profil für jemand anderen erstellen. Du wirst nur ein einziges persönliches Konto erstellen. Wenn wir dein Konto sperren, wirst du ohne unsere Erlaubnis kein anderes erstellen." Auch duldet Facebook nicht, dass sich verurteilte Sexualstraftäter registrieren oder dass sich Kinder unter 13 Jahren anmelden.

Einstellen, wer die Fotos des eigenen Babys sehen darf

Die Betreiber löschen jedoch bei Weitem nicht alle Accounts, die sich nicht an die offiziellen Regeln halten. Auch vom Baby-Role-Play betroffene Mütter hatten mit ihren Anfragen bei Instagram kaum Erfolg. Und das, obwohl auch das zu Facebook gehörende Instagram keine Profile von unter 13-Jährigen auf seiner Plattform duldet. Genauso ist es laut AGB verboten, andere Menschen zu imitieren oder einen falschen Account zu erstellen.

Um zu verhindern, dass die Bilder des eigenen Kindes gestohlen und für Kinder-Rollenspiele benutzt werden, empfiehlt Stephan Humer, keine Fotos des Kindes online zu stellen. "Natürlich ist das für viele eine unbefriedigende Lösung. Wir sind aber nun einmal für unsere Kinder verantwortlich, auch online." Genauso, wie jeder reflektieren müsse, ob er wirklich peinliche oder anzügliche Bilder von sich selbst im Netz verbreiten will, müssten auch Eltern überlegen, wie viel sie und ob sie überhaupt etwas von ihrem Kind im Netz preisgeben – vor allem, wenn das Kind selbst noch nicht mitentscheiden kann.

Wer sein Familienleben unbedingt online teilen will, sollte seine Accounts zumindest so privat wie möglich einstellen. Zum Beispiel so, dass nur direkte Freunde (nicht Freunde von Freunden) die Bilder aufrufen können.