Das Musik-, Film- und Multimediafestival South by Southwest (SXSW) findet jedes Jahr in Austin, Texas, statt. © Robert MacPherson/AFP/Getty Images

Wer noch immer nicht glaubt, dass Hass, Demütigung, Mobbing und Gewalt im Internet ein reales Problem sind, wurde zum Wochenanfang in den USA mal wieder eines Besseren belehrt. Eigentlich ist das Film-, Musik- und Tech-Festival South By Southwest (SXSW) in Austin eine Woche lang eine Mischung aus endlosen Partys, Film und Musik. Zehntausende pilgern jedes Frühjahr nach Texas.

Doch jetzt hat die Realität die Wohlfühlveranstaltung eingeholt. Am Montag flogen zwei Diskussionsrunden aus dem Programm. Es sollte um Mobbing in Onlinespiele-Foren gehen. Schon während der vorangegangenen Onlineabstimmung, in der Internetnutzer über das SXSW-Programm für 2016 mitbestimmen können, hatten die Veranstalter wenig gegen den Hass getan, der den Diskussionsteilnehmern entgegenschlug. Abgesagt wurden die Panel-Diskussionen nun, weil laut Veranstalter anonym "zahlreiche Androhungen von Gewalt" eingegangen waren, wenn sie stattfinden sollten. Die Sicherheit der Besucher gehe vor, so die Veranstalter.

Dagegen ging zuerst die in den USA sehr einflussreiche Onlinemediengruppe BuzzFeed auf die Barrikaden. Sie forderte am Dienstag in einem offenen Brief die Wiedereinsetzung der Diskussionsrunden. Anderenfalls werde sie die gesamte Veranstaltung boykottieren und ihre Moderatoren und Diskutanten von allen Panels abziehen.

Mobbing wird im Silicon Valley nur zu gerne verharmlost

Die Topmanager zeigten in dem in scharfem Ton gehaltenen Brief kein Verständnis dafür, dass Diskussionen über digitales Mobbing wegen digitalen Mobbings abgesagt werden. Mobbing und Androhung von Gewalt bis zum Mord seien ein "ernstes Problem für Technologiefirmen" und auch für Journalisten. Das setzte eine Kettenreaktion in Gang.

Kurz nach der Nachricht von BuzzFeed verkündete Jim Bankoff, CEO von Vox Media, sein Unternehmen werde ebenfalls fernbleiben. Die US-Kongressabgeordnete Katherine Clark forderte die SXSW-Veranstalter ebenfalls auf, die Podiumsdiskussionen unverzüglich wieder ins Programm zu nehmen. Sonst helfe die SXSW denen, "die Frauen unter Gewaltandrohung mundtot machen wollen". Bei den Veranstaltungen sollte es schließlich unter anderem um das sogenannte Gamergate gehen, bei dem Spieleentwicklerinnen und Aktivistinnen in Chatgruppen systematisch psychologisch fertiggemacht und mit Gewalt bedroht wurden und werden.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Mobbing und Schikane werden im Silicon Valley nur zu gerne verharmlost und kleingeredet. Facebook steht etwa in internationaler Kritik, weil es nur widerwillig gegen Hasskommentare gegen Flüchtlinge vorgeht.

SXSW-Macher suchen eine Lösung

Der damalige Twitter-CEO Dick Costolo verschickte Anfang Februar eine drastische interne Notiz: "Wir versagen seit Jahren komplett in dem Bemühen, unsere Kunden vor Mobbing und Schikanen zu schützen." Der Aufsichtsratschef der anarchistischen Diskussionsplattform Reddit zeigte sich "völlig entsetzt" über den Ton, in dem die damalige Vorstandschefin Ellen Pao schikaniert und gedemütigt wurde.

Aufsehen erregte der Fall einer Frau, die auf Myspace eine 13-jährige Nachbarin so lange drangsalierte und demütigte, bis sie schließlich Selbstmord beging. Weil keine Gesetze für einen solchen Fall existieren, kam die Frau straffrei davon.

SXSW-Chef Hugh Forrest hat bislang sehr schwammig auf die aufkochende Diskussion reagiert und glaubt, dass die Aufrechterhaltung einer "zivilen und respektvollen Diskussion" wichtiger sei, als "irgendeine spezielle Veranstaltung". Viele Kommentatoren sehen das als die faktische Kapitulation der Messeveranstalter an.

Hinter den Kulissen, so das Onlineportal Re/code, werde mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet. Möglicherweise soll es nun sogar eine ganztägige Veranstaltung geben, in der es hauptsächlich um den Kampf gegen Onlinehetze und -hass geht.