Die Guy-Fawkes-Maske ist das Symbol von Anonymous.

Eines muss man Anonymous lassen: Die gesichts- und führerlose Bewegung weiß, wie sie Aufmerksamkeit erzeugt. Einen Tag nach den Anschlägen von Paris kündigte Anonymous in einem YouTube-Video dem Islamischen Staat (IS) den Kampf an. "Anonymous auf der ganzen Welt wird euch jagen", heißt es darin, von "massiven Cyberattacken" ist die Rede. Nach vier Tagen hat das Video fast sechs Millionen Abrufe und zahlreiche Medienberichte generiert.

Wo andere noch diskutieren, ob Krieg nun der richtige Ausdruck ist, erklärt Anonymous ihn einfach. Während die Politiker noch um Fassung ringen und neue Lösungen suchen, um den Terrorismus zu bekämpfen, stürmt Anonymous an die digitale Front, getreu dem Motto: Wenn es sonst keiner macht, machen es eben die Hacker.

Ein durchaus netter Gedanke, aber er ist auch ein bisschen naiv. Zum einen weil nicht klar ist, welchen Effekt die Maßnahmen der Hacker tatsächlich haben. Zum anderen weil die Geschichte von Anonymous nur bedingt als Vorbild taugt.

Hacker-Kollektiv - Anonymous veröffentlicht Video mit Drohung gegen den IS Das Hacker-Netzwerk Anonymous erklärt der Extremisten-Miliz IS nach der Anschlagsserie in Paris mit martialischen Worten den virtuellen Krieg.

Genau genommen befindet sich Anonymous bereits seit 2014 offiziell im Krieg mit dem IS, die Ankündigung ist also nicht wirklich neu. Schon im Juni vergangenen Jahres erschien ein Video, in dem Hacker den Terroristen den Kampf ansagten. Nach den Anschlägen auf Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar reagierte Anonymous mit der Operation ISIS (#OpISIS), bei der sie gezielt die Social-Media-Konten von Dschihadisten angriffen. Inzwischen sollen rund 100.000 Twitterkonten, 150 Websites und 5.900 Propaganda-Videos entfernt worden sein, berichtet das Magazin Foreign Policy.

Nicht nur soziale Netzwerke stehen im Fokus

Ein Ziel der jüngsten Aktion ist, die Kommunikation der Terroristen zu stören. Das ist verständlich, der IS und seine Anhänger sind nicht zuletzt zur Rekrutierung neuer Mitglieder auf Dienste wie Twitter und soziale Netzwerke angewiesen. Einzelne Gruppen der Bewegung  sind darauf aus, sich Zugang zu den Konten des IS zu verschaffen und sie zu kapern. Auch Terroristen sind schließlich vor schlechten Passwörtern nicht gefeit.

Andere Angriffe sind anspruchsvoller. Die Gruppe GhostSecGroup etwa hat es nicht nur auf Twitter-Konten abgesehen, sondern auch auf Websites des IS, die sie identifizieren und teilweise versuchen, über sogenannte DDOS-Attacken lahmzulegen: Hierzu werden die Server mit so vielen gleichzeitigen Anfragen bombardiert, bis sie überlastet aufgeben. Im Gespräch mit Foreign Policy erklärte ein Sprecher der Gruppe, die Mitglieder suchten zudem rund um die Uhr nach Inhalten, sowohl im Web als auch im Deep Web, und werteten diese koordiniert nach Gefahrenpotenzial aus. Über ein Online-Formular kann jeder Internetnutzer dem Kollektiv auffällige Inhalte melden.

Hilft Anonymous wirklich gegen den Terror?

Manche halten die Aktivitäten von Anonymous durchaus für wirkungsvoll. Wenn Propaganda-Accounts und Rekrutierungswebsites möglichst schnell aus dem Netz verschwinden, stört das die virtuellen Aktivitäten des IS oder sorgt zumindest für ein ständiges Gefühl der Unsicherheit und des Beobachtetwerdens, schreibt der Journalist Evan Schuman beim Security-Portal CSO. "Wenn wir die Kommunikation unterbrechen, hat der IS weniger Kräfte im Kampfeinsatz", sagt der Sprecher von GhostSecGroup. Ob dem so ist, ist fraglich. Aber wenn einzelne IP-Adresse die Behörden zu mutmaßlichen Tätern führen, wäre das sicherlich als Erfolg zu werten.

Andere sehen die Vorstöße kritisch. Um die dezentrale Struktur des IS nachhaltig zu stören, müssten die Anonymous-Maßnahmen über das Lahmlegen und Kapern von Social Media hinausgehen. Sie müssten tatsächlich kritische Infrastruktur unterwandern, zum Beispiel die Finanzen der Terroristen bloßlegen und mögliche Helfer, etwa Waffenlieferanten, enttarnen. Das Problem: Die Geldflüsse und Strukturen sind selbst den Geheimdiensten, die komplexe Überwachungsprogramme und Budgets in Milliardenhöhe haben, bislang weitgehend unbekannt. Dass einige Hacker, so talentiert sie sein mögen, das mittelfristig ändern, ist unwahrscheinlich.