Jack Dorsey ist ein Genie. Der Twitter-Gründer und Prototyp des Hipster-CEO ist erst seit vier Wochen wieder an der Spitze des Unternehmens und schon fleißig dabei, den gestrandeten Wal zurück ins Meer zu schieben. Erst 336 Mitarbeitern kündigen und anschließend für gute PR einen Teil der eigenen Firmenaktien abtreten? Check. TV-Werbung? Klar, irgendwo müssen die Nochnichtnutzer ja sein. Mal wieder den Bart stutzen? Läuft. Der große Coup kommt aber erst jetzt: Ab sofort gibt es auf Twitter und in den offiziellen Apps statt Favoriten in Form von gelben Sternchen nur noch Likes in Form von rosaroten Herzchen. Das sieht so aus:

Die Nutzer von Twitter, also vor allem Journalisten, Kreativschaffende und Fans von Dagi Bee, sind empört. Das war zu erwarten; nichts legt die Empörungsgrenze niedriger als 140 Zeichen, und folglich gibt es kaum einen Tag auf Twitter, an dem nicht mindestens drei, vier, sieben *gates durchs Netz getrieben werden. Jetzt also wahlweise #heartgate, #favgate oder #stargate. Wie die TV-Serie. Twitter-Nutzer lieben obskure Popkultur-Referenzen und Wortspiele. Aber keine Herzchen. Bloß keine Herzchen!

Das hat vor allem nostalgische Gründe. Twitter-Nutzer tun zwar gerne so, als seien sie immer ganz vorne dabei, kommen aber nur schwer mit Veränderung klar. Fragen Sie mal Veteranen nach dem #replygate von 2009 oder dem #bluelinegate von 2013. Und jetzt soll ihr Lieblingsnetzwerk auch noch die Sprache der Konkurrenz übernehmen. Likes sind schließlich Facebook. Herzchen sind Instagram. Oder Pinterest. Oder Tinder. Oder ungefähr drölfhundert andere Dienste im Netz. Jedenfalls: Twitter hat seit jeher Favoriten, auch wenn bis heute niemand so genau weiß, ob man nun besser "Fav" oder "Fave" schreibt.

Jenseits der Begrifflichkeiten geht es um die Funktion der gelben Sternchen. Die New York Times schrieb in diesem Sommer blumig von Twitters "digitaler Körpersprache" und wies noch einmal darauf hin, wie vielfältig die Sternchen doch waren. Manche nutzten sie als simple Lesezeichen, andere als Nicken in einer Konversation, an der man teilnimmt ohne etwas sagen zu müssen. Andere nutzten sie, um sich höflich auszuklinken: Ein Sternchen bedeutete, dass man die Antwort zwar gesehen hat, aber zu dem Thema dann auch alles gesagt hat. Dass Favoriten als Währung der Beliebtheit ähnlich wichtig sind wie Follower, kam natürlich noch dazu. Wer nicht mindestens 10.000 Favs auf Favstar sammelt, scheitert schon am Gate zum Wortspielhimmel.

Was spricht dafür, die neuen Herzchen einfach genauso weiter zu nutzen? Sicher, es sieht vielleicht etwas komisch aus, auf einen Tweet mit der Nachricht des Flugzeugabsturzes in Ägypten mit einem Herzchen zu antworten. Tatsächlich aber übersehen die Kritiker den größeren Plan von Jack Dorsey: Ihm geht es gar nicht darum, sein strauchelndes soziales Netzwerk neuen Nutzern schmackhaft zu machen. Tatsächlich möchte er nur die <3-isierung der Welt vorantreiben. Wie sonst lässt sich das offizielle Gif erklären, mit dem Twitter die Änderung ankündigt:

Geht es nach Twitter, steht das Herz quasi für alles. Für "lol" und "wow", für Umarmungen, Glückwünsche, High Fives, Erstaunen, Lachen, Weinen – tatsächlich gibt es kaum eine denkbare menschliche Emotion, die nicht von einem Herzchen übernommen werden könnte. Gleichzeitig macht die Anzahl der Herzen unter einem Tweet selbst die profansten Aussagen in der Außendarstellung ein bisschen flauschiger. Das hätte Orwell mit seinem Konzept von Neusprech nicht besser hinbekommen: Können wir anderen überhaupt noch ernsthaft böse sein, wenn wir nur noch in Herzchen kommunizieren?

Es muss ja nicht bei Twitter enden. Statt Herzchen als die Standardreaktion im Internet einzuführen, könnte man doch einfach gleich weite Teile der täglichen Kommunikation durch Herzen ersetzen. Die sozialen Netzwerke dienen in diesem Fall lediglich als Einstiegsdroge, und tatsächlich machen Herzchen alles besser: Atomkraft, den Klimawandel, Niersbach. Glauben Sie nicht? Dann gucken wir doch auf aktuelle Überschriften auf ZEIT ONLINE und ersetzen sie mit einem Herz:

  • Das Märchen vom perfekten <3
  • <3 für den Abpfiff
  • Dieses <3 ist Millionen Wert
  • Ein kleines <3 für die Rentenkasse
  • Asiens <3 steht in Flammen
  • Ist <3 oder was?

Hand auf's Herz: Klingt das nicht alles viel schöner als im Original? Kein Krieg, keine Sicherheitslücken, kein gekauftes Sommermärchen. Und sieht die EU-Flagge mit Herzen gerade in diesen schweren Zeiten nicht gleich viel einladender aus als mit den ollen Sternen? Eben. In einem Internet, ach was, in einer Welt, in der ständig nur gemeckert wird und in der uns ständig schlechte Nachrichten erreichen, kann ein bisschen mehr Herz nicht schaden. Twitter hat erkannt, was die Menschheit wirklich braucht. Heart statt Hate. Jack, du Genie. Darauf ein <3.