Der Chaos Computer Club hat Redebedarf. Der CCC will Ende Dezember über Gated Communites sprechen, über "schwer bewachte Inseln der Bequemlichkeit", auf die sich "ein Großteil der Bevölkerung" zurückgezogen habe.

Die Ankündigung zum diesjährigen, dem 32. Chaos Communication Congress (32C3) ist vielleicht nicht wortwörtlich, aber inhaltlich durchaus ernst gemeint: "Technische Ökosysteme einzelner Anbieter nehmen uns die harte Arbeit ab, unsere Mobiltelefone, Computer oder Fitnesstracker selbst auszuwählen oder noch deren Funktion verstehen zu müssen. Wir lassen ihre kommerziellen Interessen entscheiden, welche Medien, Nachrichten und Meinungsäußerungen wir wahrnehmen und welche den global gültigen AGBs (sic!) entsprechen. (...) Filterblasen erlösen uns von der Qual, selbst denken zu müssen. Meinungsstarke Agitatoren geben akzeptable Informationsquellen und griffige Feindbilder vor. (...) Die Bewacher unserer Netze und Browser entledigen uns der schweren Entscheidung, welche unserer Verbindungen verzichtbar sind."

Der Konflikt zwischen dem Open Web und den Gated Communities ist nicht neu, aber er ist nach wie vor relevant: Die großen Internetunternehmen – allen voran Facebook, Google, Amazon und Apple – bauen Plattformen, die zu verlassen so unnötig wie schwierig ist. Hardware, Software und Inhalte kommen oft aus einer Hand. Das Gate verhindert nicht nur, dass von außen etwas herein kommt, sondern auch, dass jemand allzu viel vom Außen mitbekommt. 

Was bleibt vom Mozilla-Manifest?

Konrad Lischka, ehemaliger Spiegel-Online-Journalist und heutiger Referent in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, schreibt in seinem Essay Das Netz verschwindet – Das offene Internet, seine Gegner und wir: "Wir stehen genau jetzt an einer Schwelle: Noch nie haben so viele Menschen wie heute so intensiv das Internet genutzt. Doch zeigen diese vielen Menschen nur noch vergleichsweise wenig Interesse an dezentralen Medien, von Blogs über selbstorganisierte Plattformen wie Wikipedia bis hin zu offenen Kommunikationsinfrastrukturen." 

Und nun stellt Klint Finley von Wired eine in diesem Zusammenhang spannende Frage: Welche Rolle spielt Mozilla eigentlich noch, wenn es darum geht, Offenheit, Dezentralität und Selbstorganisation zu erhalten?

Die Frage ist legitim, auch wenn Mozilla nie ein direkter Konkurrent von Google, Facebook, Apple oder Amazon sein wollte. Google und Facebook lassen sich sogar ganz wunderbar in Mozillas Firefox-Browser nutzen. Aber Mozilla ist mehr als der Firefox. Die Mozilla Foundation ist eine netzpolitische Organisation, das Mozilla-Manifest ist voller Sätze wie "Freie und Open-Source-Software fördert die Entwicklung des Internets als öffentliche Ressource" oder "Die Sicherheit und der Schutz der Daten einer Person im Internet sind von grundlegender Bedeutung und dürfen nicht als optional betrachtet werden".

Allerdings braucht die Mozilla Foundation die Software-Produkte der Mozilla Corporation, um wahr- und ernstgenommen zu werden. Finley argumentiert nun, dass Mozilla insbesondere auf dieser technischen Ebene an Bedeutung verliert:

  • Der Firefox-Browser verliert zunehmend an Marktanteilen. Je nach Messung liegt er irgendwo zwischen gut zehn und rund 20 Prozent. Zu seinen besten Zeiten, zwischen 2008 und 2001 waren es zwischen 40 und knapp 50 Prozent. Mittlerweile dominiert Googles Chrome die Statistiken, in manchen Erhebungen liegt der Firefox sogar hinter dem Internet Explorer und Apples Safari.
  • Der Wechsel der Standardsuchmaschine im Firefox, weg von Google, hin zu Yahoo beziehungsweise zu Yandex in Russland und Baidu in China, könne sich als problematisch erweisen. Erstens sei unklar, wie viel Geld die neuen Verträge im Vergleich zum vorherigen Google-Deal wirklich einbringen. Zweitens sei das strauchelnde Yahoo möglicherweise kein idealer Partner, immerhin spielt Yahoo mit dem Gedanken, sein Kerngeschäft aufzugeben.
  • Werbekacheln und digitales Rechte-Management im Firefox haben bei vielen Nutzern für großen Unmut gesorgt, weil sie sich auf den ersten Blick schlecht mit Mozillas Grundwerten vertragen. Immerhin: Die Kacheln, die personalisierte Werbung versprachen, ohne dass Nutzerdaten an die Werbetreibenden übertragen werden, schafft Mozilla wieder ab.
  • Im Zeitalter von Social Media und mobilen Endgeräten habe Mozilla Probleme, relevant zu bleiben, weil es beim Übergang in eine Welt versagt habe, in der Desktop-Browser unwichtiger werden. Das mobile Betriebssystem Firefox OS und die Mobilversionen des Browsers hätten bisher nicht einmal "eine Delle" im Markt hinterlassen. Firefox OS habe zudem starke Konkurrenz selbst im Bereich der Billig-Smartphones, für die es entwickelt wurde. 
  • Der E-Mail-Client Thunderbird und das Identitäts-Management-System Persona seien "entpriorisiert" worden, was noch zurückhaltend ausgedrückt ist. Persona wurde bereits der Community überlassen, die Weiterentwicklung von Thunderbird wird möglicherweise ebenfalls komplett ausgegliedert.

Wenn aber Mozillas Produkte aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, schreibt Finley, müsse man sich auch Sorgen um Mozillas Bedeutung in der Politik machen. Schon jetzt sei die Mozilla Foundation nur eine von vielen Organisationen, die gegen Überwachung und für Netzneutralität lobbyieren. Und gerade bei Letzterem sei Mozillas Position zuletzt enttäuschend schwach gewesen. Mozillas Zukunftsaussichten sind unklar, schreibt Finley, in einer Zeit, in der das Netz eine offene Alternative mehr denn je brauche.

Mitchell Baker, die Vorsitzender der Mozilla Foundation, sieht das natürlich anders. Zuletzt sagte sie auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel: "In gewisser Weise sind wir auch Giganten." Ihre Begründung: In manchen Ländern liege der Firefox-Anteil noch bei über 40 Prozent.

Von Mozilla zeitnah in Aussicht gestellte Antworten auf Fragen von ZEIT ONLINE liegen bisher nicht vor.