Zehn Jahre ist es her, als Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), und der niederländische Hacker Rop Gronggrip auf dem 22. Chaos Communication Congress eine düstere Zukunft der Gesellschaft entwarfen. In nur 73 Minuten zeichneten die beiden in ihrem Vortrag We lost the war ein dystopisches Bild der Zukunft: Überwachungsstaat, Roboterkriege, Klimawandel, Millionen Flüchtlinge.

Den Vortrag hielten Rieger und Gronggrip zu einer Zeit, als in den USA die Sicherheitsgesetze massiv verschärft wurden. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erließ die Regierung Bush Jr. den Patriot Act, der umfangreiche Anti-Terror-Maßnahmen genehmigte. Damit sei die Entwicklung eines Deep States, also eines Staates im Staate, gefördert worden, sagt Rieger. Er spielt damit auf die mächtigen US-Geheimdienste an.

Auf dem 32. CCC-Kongress in Hamburg haben beide Sprecher die Teilnehmer zum Talk Ten Years after 'We lost the war' geladen – einer Art öffentlichen Therapiesitzung und Evaluation ihrer Vision von damals. Welche der Thesen hat sich als richtig, welche als falsch herausgestellt? Wie sieht eine neue Vision aus? Werden die Teilnehmer diesmal weniger depressiv den Saal verlassen, als es Gronggrip vor zehn Jahren in Berlin beobachtet hat?

Klimaflüchtlinge und Roboterkriege sind Realität

Gleich zu Beginn machen Rieger und Gronggrip klar, dass auch bei dieser Veranstaltung nicht die Sektkorken knallen werden. "Die Zukunft ist nicht so strahlend, aber wir müssen darüber nicht depressiv werden", sagt Gronggrip. Ihre zehn Jahre alten Thesen sehen sie größtenteils bestätigt. Roboterkriege seien längst Realität – in Afghanistan, Irak und Pakistan, überall dort, wo Drohnen kämpfen. Auch die Folgen des Klimawandels würden immer stärker sichtbar. "Es fliehen Menschen aus Regionen, in denen es zu viel oder zu wenig Wasser gibt, einige sind auch bei uns", sagt Rieger. Der Krieg in Syrien sei auch ein Verteilungskampf um Wasser. Laut einer Greenpeace-Studie wird sich das Problem in den nächsten Jahren noch verstärken.

Deutschland ist eine Insel der Ausnahme

Leider gerät der Vortrag, wie auch schon das Original We lost the war, an vielen Stellen unscharf. So sind die Feinde schlicht die anderen. Konkrete Institutionen werden ebenso wie Länder- und Regionalbezüge selten genannt. Rieger sagt gleich zu Beginn, das sei gewollt und auf Nachfrage: "Wir leben in Deutschland auf einer Ausnahme-Insel, wir haben deshalb bewusst eine globale Perspektive eingenommen."

Vor diesem Hintergund ist so gesehen auch der prophezeite Überwachungsstaat in Teilen der Welt eingetreten. Mit dem Patriot Act folgten in den USA umfangreiche Vollmachten für die US-Geheimdienste. Im Jahr 2005 war Rieger und Gronggrip das Ausmaß der Massenüberwachung noch nicht klar. Damals forderten sie, man müsse auch die Wissenden auf der anderen Seite, also aufseiten der Geheimdienste, mit ins Boot holen und befragen. Spätestens mit den Enthüllungen von Edward Snowden im Sommer 2013 ist das geschehen. Und die unzähligen Programme der NSA zeigen ein engmaschiges Netz an Überwachung, das über die USA weit hinaus geht.

Von den Prophezeiungen ist also das Meiste eingetreten – zumindest teilweise. Nur der Ölpreis hat sich der Dystopie verweigert. Nach zehn Jahren ist er nicht, wie prophezeit, auf einem Rekordhoch. Das Fass Öl ist so billig wie seit Langem nicht mehr.