Facebook wirbt mit riesigen Plakaten in Mumbai für Free Basics. © Danish Siddiqui/Reuters

Der bekannte Autor und Journalist Cory Doctorow nennt es "Indiens Sopa Moment". Wer sich nicht mehr erinnert: Der Stop Online Piracy Act, kurz Sopa, war ein umstrittener US-Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2011, der letztlich auch aufgrund weitreichender, internationaler Proteste scheiterte. Unter Bürgerrechtlern und Netzaktivisten gilt er bis heute als ein Beispiel dafür, wie ein freies und unabhängiges Internet erfolgreich geschützt werden kann.

In Indien diskutiert man seit vergangenem Frühjahr über ein freies Internet. Im Mittelpunkt stehen die Bürger, die Telekom-Aufsichtsbehörde Trai – und Facebook mit einer Initiative namens Free Basics, ehemals bekannt als Internet.org. Mit dem Programm möchte Facebook den noch nicht vernetzten Teil der indischen Bevölkerung kostenlos online bringen. Das klingt prinzipiell vernünftig, schließlich verfügen knapp zwei Drittel der 1,3 Milliarden Menschen in Indien über keinen Internetzugang.

Doch Free Basics ist nicht einfach ein Zugang im Sinne eines Hotspots, über den Menschen gratis surfen können. Es ist ein begrenztes Angebot, verfügbar über das Netz des Mobilfunkanbieters Reliance. Wer einmal die App heruntergeladen hat, bekommt darüber Zugriff auf eine Auswahl an Websites und Diensten. Auf die Wikipedia etwa, auf Wetter- und Cricket-Nachrichten, auf Jobportale, Wörterbücher und natürlich auf Facebook selbst. Diese Dienste sind "gratis", weil sie ohne Mobilfunkvertrag erreichbar sind und gleichzeitig nicht das Datenvolumen bestehender Kunden belasten. Zero-Rating heißt diese Praxis.

Die Regulierungsbehörde stoppt Free Basics

Innerhalb weniger Wochen nach dem Start von Facebooks Initiative im April 2015 stiegen jedoch bekannte Medienhäuser aus, es gab Proteste von Start-ups und Bürgerrechtlern. Kurz vor Weihnachten eskalierte der Streit: Die Regulierungsbehörde Trai ordnete dem Anbieter Reliance an, Free Basics vorübergehend nicht mehr anzubieten bis grundlegende Fragen geklärt seien.

Zum einen verstoße Free Basics gegen das Prinzip der Netzneutralität, kritisieren Gegner des Programms. Alle Daten im Internet sollten gleich behandelt und gleich schnell übertragen werden. Ein Zero-Rating-Angebot aber kann dieses Prinzip umgehen, denn es ermöglicht, einzelne Dienste bevorzugt zu behandeln und andere gleichzeitig auszubremsen. In Chile wurden solche Zero-Rating-Angebote im vergangenen Jahr deshalb verboten, in Deutschland gibt es etwa das Music-Streaming-Angebot der Telekom, bei dem die Daten von Spotify nicht auf das Datenvolumen angerechnet werden.

Zum anderen erschaffe Facebook mit Free Basics einen neuen sogenannten walled garden, ein Angebot, dessen Inhalte sie genau kontrollieren: Zwar kann prinzipiell jeder sein Angebot einreichen sofern es die Kriterien erfüllt, aber am Ende entscheidet Facebook, welche Dienste und Websites es aufnimmt und welche nicht. Das schließe vor allem kleinere und unabhängige Angebote aus, die es sich nicht leisten können oder wollen, Deals mit Facebook abzuschließen oder die technischen Voraussetzungen zu erfüllen. Die Nutzer bekommen statt dem Zugang zum offenen Internet derweil ein kontrolliertes Facebook-Netz – ein "armes Internet für arme Menschen", wie es die Kritiker nennen.