Eine große Facebook-App für viele kleine Dienste © Dado Ruvic/Reuters

In der Welt der Instant-Messenger ist Facebook König. Es mag sicherere Wege geben, miteinander zu kommunizieren, aber rund 1,7 Milliarden Menschen nutzen vor allem zwei Dienste aus dem Haus Facebook: WhatsApp ist mit 900 Millionen aktiven Nutzern der beliebteste Chatdienst der Welt, und auch der Facebook-Messenger holt auf. Wie das Unternehmen nun bekannt gab, sollen mittlerweile 800 Millionen Menschen mindestens einmal im Monat den Service nutzen. Den Marktforschern von Nielsen zufolge war der Facebook-Messenger damit die am schnellsten wachsende App des vergangenen Jahres.

Dass Facebook große Pläne für seinen Messenger hat, ist bekannt. Im vergangenen Frühjahr gab man auf der eigenen Entwicklerkonferenz F8 bereits einige Einblicke: Zum einen integrierte Facebook wie zuvor Snapchat ein Bezahlsystem in seinen Messenger und nahm externe Dienste wie Giphy auf. Zum anderen gab man ausgewählten Einzelhändlern die Möglichkeit, über private Chats direkt mit ihren Kunden in Kontakt zu treten, Supportanfragen zu beantworten und den Versandstatus mitzuteilen. Nutzer können sich direkt über den Messenger ein Taxi von Uber rufen oder sich vom virtuellen Assistenten M ein Restaurant in der Nähe suchen lassen.

Diese Art der direkten Kommunikation zwischen Drittunternehmen und Messenger-Nutzern soll in Zukunft deutlich ausgebaut werden. In einem Blogeintrag schreibt der für den Messenger verantwortliche Manager David Marcus, wie das aussehen könnte. Seiner Meinung nach sind Threads, also einzelne Diskussionsstränge oder Konversationen im Chat, die neuen Apps. "Es gibt keinen Grund mehr, Apps herunterzuladen, die man anschließend nie mehr nutzt", schreibt Marcus. Stattdessen sollen sämtliche Interaktionen direkt im Chatfenster des Messengers stattfinden. Der chinesische Anbieter WeChat gilt als Vorreiter dieses Modells.

Der Messenger als Plattform

Ein Beispiel: Wer eine Karte für ein Konzert online reservieren möchte, kann entweder direkt auf die Website eines Anbieters wie Ticketmaster gehen oder die entsprechende App herunterladen. Man muss ein Konto erstellen, seine Kreditkarte hinterlegen und wird den Service möglicherweise niemals wieder nutzen. Wäre der Dienst aber mit dem Facebook-Messenger verknüpft, könnten die Nutzer direkt an den Anbieter schreiben, die entsprechende Auswahl der Plätze erhalten, direkt bezahlen und anschließend das elektronische Ticket mit QR-Code im Chatfenster angezeigt bekommen. Keine App-Installation, keine Kontoerstellung, kein E-Mail-Verkehr – denn alle erforderlichen Daten wären bereits bei Facebook hinterlegt.

Um den Messenger zur Plattform zu machen, bedarf es also neuer Kooperationen. TechCrunch hat in dieser Woche berichtet, Facebook habe zuletzt mehr Entwicklern Zugang zu einer neuen Chat-Software (SDK) ermöglicht. Mithilfe dieser sei es ihnen möglich, "interaktive Erfahrungen" und Bots für den Messenger zu erstellen, die auf die Nachrichten von Nutzern reagieren. Wie TechCrunch schreibt, nutzt etwa der Dienst assi.st die Software bereits, um Drittanbieter mit dem Messenger zu verbinden. Statt bloß vorgefertigte Abläufe zu liefern, reagieren die Bots auf individuelle Anfragen – und lernen mit jeder Interaktion hinzu. Nicht zuletzt investiert Facebook wie alle großen Unternehmen aus dem Silicon Valley viel in künstliche Intelligenz.

In einem langen Essay hat der amerikanische Technikjournalist Casey Newton vor wenigen Tagen die Entwicklung neuer, intelligenter Bots als Zukunft des Internets bezeichnet. Deren Aufstieg sei dabei an zwei Entwicklungen geknüpft: Zum einen an verfügbare Programmierschnittstellen (APIs), über die sich verschiedene Dienste verbinden und Daten austauschen können. Zum anderen an Nutzeroberflächen, die nicht etwa aus interaktiven Schaltflächen und Symbolen bestehen, sondern aus gutem alten Text.  Trotz der Entwicklung von Sprachassistenten und grafischen Benutzeroberflächen seien Umfragen zufolge nämlich Textnachrichten das Feature, das Smartphone-Besitzer am meisten nutzen. Oder anders gesagt: Auch im Jahr 2016 werden Texteingaben weiterhin der wichtigste Weg sein, zu kommunizieren.

Die Silos werden weniger, aber größer

David Marcus und Casey Newton sind sich jedenfalls in einer Sache einig: Das Zeitalter der Apps neigt sich schon wieder dem Ende zu, oder besser gesagt: Die Welt der Apps wird deutlich kleiner. Facebook kann das nur recht sein, schließlich nutzen immer mehr Menschen das soziale Netzwerk über mobile Endgeräte, und im Gegensatz zu Websites im Browser lässt sich Werbung über verschiedene Apps hinweg deutlich schwieriger ausspielen. Dass die Nutzer statt vieler einzelner Apps also eine zentrale App wie Facebook oder eben den Facebook-Messenger nutzen, passt in die Strategie des Unternehmens, möglichst viele unterschiedliche Inhalte, von Nachrichten bis Videos, über die eigenen Server zu schleusen.

Für die Nutzer kann das komfortabel sein, aber es hat seinen Preis: Jede App ist ein eigenes Silo, abgegrenzt von anderen Angeboten. Wenn eine App wie Facebooks Messenger, genutzt von 800 Millionen Menschen weltweit, künftig zur zentralen Plattform für unterschiedliche Angebote wird, werden aus vielen kleinen Silos wenige große Silos, kontrolliert von den größten Technikunternehmern. Aktivisten wie Hossein Derakhshan warnen deshalb: Das Internet außerhalb dieser Silos, außerhalb der sozialen Netzwerke, könnte verschwinden.