Schlechtes Fernsehen kann aus vielen Gründen wütend machen. Gutes Fernsehen auch. Etwa dann, wenn eine Dokumentation versucht offenzulegen, wie korrumpiert Polizei, Justiz und Rechtssystem sind. Genau das will die Netflix-Serie Making a Murderer: In zehn Teilen begleitet sie einen Mordprozess aus dem US-Bundesstaat Wisconsin und lässt die Zuschauer am Ende nicht nur mit einer Mischung aus Wut, Unglauben und Hilflosigkeit zurück, sondern auch mit dem Bedürfnis, sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, wie vor allem im Netz deutlich wird.

Um das zu verstehen, muss man die Handlung von Making a Murderer kennen, hier ohne große Details und Spoiler zusammengefasst: Im Jahr 2005 verschwindet die junge Fotografin Teresa Halbach in der kleinen Gemeinde Manitowoc in Wisconsin. Knapp zwei Wochen später wird der damals 44-jährige Steven Avery festgenommen und des Mordes an Halbach angeklagt. Nach einem mehrmonatigen Prozess wird Avery schließlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

So weit, so normal – jedenfalls für Mordfälle. Doch es gibt eine Tangente, die ins Jahr 1985 datiert. Damals wurde Steven Avery nämlich schon einmal verhaftet und verurteilt, nachdem er eine Frau vergewaltigt haben soll. Avery plädierte auf unschuldig, die Beweise der Staatsanwaltschaft waren dürftig. Dennoch verbrachte Avery die nächsten 18 Jahre seines Lebens im Gefängnis, bis ihn 2003 schließlich eine neu durchgeführte DNA-Analyse entlastete.

Avery machte als Opfer des Justizsystems landesweit Schlagzeilen, wurde bekannt als der Mann, der 18 Jahre lang fälschlicherweise im Gefängnis saß. Er verklagte die Polizei von Manitowoc, nachdem eklatante Fehler und Lücken in der Ermittlung und Beweisführung bekannt wurden. Er bekam Unterstützung aus der lokalen Politik und eine Gesetzesinitiative mit seinem Namen sollte garantieren, das solche Justizirrtümer künftig vermieden werden. Doch es kam anders. Noch am selben Tag, an dem das Parlament von Wisconsin den "Avery Bill" verabschiedet, wird Teresa Halbach  als vermisst gemeldet. Zwei Wochen später steckt Avery wieder hinter Gittern – wieder zu Unrecht, wie er beteuert.

700 Stunden Filmmaterial

Kann ein Mensch in einem Rechtsstaat tatsächlich zwei Mal für schwere Straftaten verurteilt werden, die er nicht begangenen hat? Schon diese Ausgangsfrage macht Making a Murderer zu einer packenden TV-Serie, die im Verlauf ihrer zehn Stunden immer tiefer in den Fall eintaucht und immer mehr Fragen aufwirft. Es geht in der Folge um Polizisten, die einen Groll gegenüber Avery hegen und fürchten, er könne mit seiner Klage ihre Existenz gefährden. Es geht um Anwälte, die Zeugen beeinflussen, um mutmaßlich manipuliertes Beweismaterial und um das Zusammenleben in einer amerikanischen Kleinstadt, in der scheinbar jeder mehr weiß, als er öffentlich zugibt.

Making a Murderer ist keine auf Hochglanz polierte Serie, schon das unterscheidet sie von den anderen Netflix-Eigenproduktionen. 2005, kurz nach der Festnahme von Avery, begannen die damaligen Filmstudentinnen Laura Ricciardi und Moira Demos aus New York, sich mit dem Fall zu befassen. Sie reisten nach Manitowoc und begleiteten nicht nur den Prozess, sondern als einzige auch die Avery-Familie aus der ersten Reihe. Am Ende kamen sie auf fast 700 Stunden Filmmaterial, zusätzlich zu den Aufnahmen der Polizeiverhöre und Telefongespräche mit Steven Avery selbst.

In zehn einstündigen Episoden wird dieses Material nun aufbereitet, wie bei allen Netflix-Serien wurden auch diesmal alle Folgen auf einen Schlag veröffentlicht. Jede Folge besteht aus einer Mischung aus Interviews mit den Angehörigen von Steven Avery und seinen beiden Anwälten sowie aus Archivaufnahmen aus dem Gerichtssaal. Je weiter die Serie voranschreitet und je mehr Details ans Licht kommen – oder je nach Sichtweise eben gerade nicht – desto tiefer brennen sich die häufig wiederholenden Einstellungen ein, desto unwirklicher wirkt die gesamte Geschichte.

Die Faszination am echten Mord

"Crime is hot right now", Kriminalität ist schwer angesagt, zitiert Making a Murderer an einer Stelle eine US-Fernsehreporterin vor Ort in Manitowoc. Die alte Zeitungs- und Fernsehweisheit, dass ein spektakulärer Mordfall die Leute immer packt, bewährt sich auch im Internetzeitalter. Das True-Crime-Genre, in dem nicht fiktive, sondern echte Fälle aufbereitet werden, ist spätestens seit Herbst 2014 wieder angesagt, als der Podcast Serial den mysteriösen Mord an einer Schülerin im Netz aufrollte. Anfang vergangenen Jahres legte der Bezahlsender HBO mit der Serie The Jinx über den Fall des Geschäftsmanns Robert Durst nach.

Netflix veröffentlicht traditionell keine Zuschauerzahlen einzelner Inhalte, doch gemessen an den Reaktionen in den Sozialen Netzwerken und US-Medien ist Making a Murderer ein voller Erfolg für den Streamingdienst. In unzähligen Nachrichten auf Twitter erzählen Menschen, wie sie nach der ersten Folge sprichwörtlich "am Haken" hingen und die Serie in kürzester Zeit verschlangen.