Marvin Minsky, Multigenie (Archivbild von 2008) © Amy Sussman/Getty Images for Tribeca Film Festival

Die Nachricht kam nicht wirklich überraschend, schließlich war dieser große Geist 88 Jahre alt, und auf den letzten Videos im Netz wirkte Marvin Minsky schon sehr zerbrechlich. Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass er nun aufgehört hat zu existieren. Minsky selbst war davon überzeugt, dass man den Geist eines Menschen trennen kann von seiner biologischen Hülle, er war ein Verfechter der Kryonik. Das ist eine Technik, mit der das Gehirn von Verstorbenen tiefgefroren wird in der Hoffnung, dass man es eines Tages mit fortgeschrittenen technischen Methoden wieder zum Leben erwecken kann. Nun ist er selber an einer Gehirnblutung gestorben, im Alter von 88 Jahren. Man möchte inständig hoffen, dass der Glaube dieses radikal atheistischen Menschen sich erfüllt und sein Geist irgendwann wieder aufleuchtet.

Minsky war ohne Zweifel einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit John McCarthy begründete er auf der Dartmouth-Konferenz 1956 eine neue wissenschaftliche Disziplin: die künstliche Intelligenz. Nichts von dem, was das menschliche Gehirn leistet, das war Minskys Credo, ist in irgendeiner Weise übernatürlich. Deshalb muss es möglich sein, diese Leistungen auch Maschinen beizubringen.

Nach einer kurzen Phase, in der die Forscher glaubten, das binnen weniger Jahre leisten zu können, führte das zu einer lebenslangen, tiefgründigen Entdeckungsreise in das unbekannte Reich des menschlichen Geistes. Er landete dabei schließlich bei Ideen, die denen von Sigmund Freud sehr ähnlich waren: Unser Geist ist letztlich das Zusammenspiel vieler einzelner Agenten, die im Widerstreit miteinander liegen können. The Society of Mind (auf Deutsch: Mentopolis) hieß eines seiner wichtigsten Bücher. Und Minsky war überzeugt davon, dass dies nicht nur eine abstrakte Beschreibung war, sondern dass man diese Agenten tatsächlich im Gehirn finden könnte, wenn man nur über die entsprechenden technischen Möglichkeiten verfügte.

Arpanet, Robotik, Mikroskopie – Minsky war Mehrfachpionier

In den letzten Jahren stand Minsky der aktuellen Entwicklung der KI zunehmend kritisch gegenüber. Daran änderten auch die rasanten Fortschritte der sogenannten neuronalen Netze nichts, mit denen man versucht, die Struktur der Gehirnzellen und ihrer Vernetzung im Computer nachzubauen. Unter dem Stichwort deep learning können diese Netze mittlerweile sehr gut Bilder erkennen, Sprache analysieren und Autos durch unbekanntes Terrain steuern.

Minsky hatte in den 1960er Jahren selbst mit solchen Netzen experimentiert, ihnen aber in einem Buch mit dem Titel Perceptrons abgeschworen, das er gemeinsam mit Seymour Papert geschrieben hatte. Darin zeigten die beiden gewisse Beschränkungen dieser Netze auf (die mittlerweile als überwunden gelten) und brachten die Forschung auf diesem Gebiet für Jahrzehnte zum Erliegen. Insbesondere die Vorstellung, in einem zufällig verschalteten elektronischen Gehirn könne durch stetiges Training irgendwann Intelligenz aufflackern, war ihm ein Graus. "Wenn man die Maschine nicht mit höheren Funktionen ausstattet, bekommt sie auch keine", sagte er im Interview mit der ZEIT im Jahr 2006.

Die KI-Forschung war keineswegs sein einziges Arbeitsgebiet. Sein Artificial Intelligence Laboratory am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gilt auch als Geburtsstätte für die Idee, dass digitale Informationen frei verfügbar sein sollten – woraus später die Open-Source-Bewegung entstand. Zudem war das Labor an der Entwicklung des Arpanet beteiligt, dem Vorläufer des Internets. Minsky selbst interessierte sich auch für Robotik und Mikroskopie, seine Erfindungen auf diesen Gebieten waren wegweisend. Nebenbei galt er als ausgezeichneter Pianist. Ein wahres Multigenie eben.

Der Rechner der Zukunft: ein Glas Wasser?

Viele Menschen halten die Ideen, die Minsky in seinem Leben verfolgte, für den Ausdruck eines kalten, seelenlosen Verständnisses des menschlichen Wesens. Nichts ist weiter entfernt von der Wahrheit. Zwar glaubte er nicht an die Vorstellung einer Seele – aber er war trotz seiner großen Gedanken ein bescheidener, warmherziger Mensch. Als ich ihn einmal auf einer Konferenz zur Frage der Unsterblichkeit des Geistes interviewte, spekulierte er darüber, in welcher Form wir eines Tages den Tod überleben könnten.

Wen die Vorstellung gruselte, in einem Kasten aus Drähten und Transistoren weiterzuleben, dem legte Marvin Minsky die Idee nahe, dass der Rechner der Zukunft auch ein Glas Wasser sein könnte, in dem winzige Moleküle miteinander kommunizieren. Wie viele Geister in so ein Glas Wasser passen würden, fragte ich ihn. "Schwer zu sagen", antwortete Minsky. "Aber ich glaube, Menschen können sehr klein sein."