Bis heute wird Twitter häufig als Kurznachrichtendienst bezeichnet. Denn bis heute wissen viele Menschen nicht so recht, was genau dieses Twitter eigentlich ist. Die unbeholfene Umschreibung ist aber möglicherweise schon bald endgültig hinfällig.

In einem Tweet hat Geschäftsführer Jack Dorsey angedeutet, dass Twitter die 140-Zeichen-Begrenzung in Zukunft aufheben könnte. Die US-Tech-Seite Recode berichtet, dass momentan eine Grenze von 10.000 Zeichen im Gespräch ist.

Twitter ist nicht attraktiv genug für Werbekunden

Das Aussehen von Twitter soll sich dabei kaum ändern. Angezeigt werden wohl weiterhin nur 140 Zeichen. Erst nach dem Klick auf eine Art Weiterlesen-Button soll der Rest des Textes sichtbar werden. Schon heute funktioniert Twitter bei Tweets mit einem Link zu einer Nachrichtenwebseite ähnlich: Nutzer können auf Kurzfassung einblenden klicken, und erhalten zusätzlich zu den 140 Zeichen eine Vorschau des Artikels. Wer sich weiter für den Artikel interessiert, kann auf den Link klicken und landet auf der Nachrichtenseite.

Das ist gut für die Nachrichtenseite, aber schlecht für Twitter. Denn wer den Link anklickt, verlässt seine Twitter-Timeline. Darunter leidet das Geschäft, weil Werbekunden weniger wahrgenommen werden. Twitter hat Probleme, seine Plattform zu vermarkten. Das Unternehmen hat seit seiner Gründung 2006 noch nie Gewinn ausgewiesen und die Investoren scheinen ungeduldig zu werden.

Ein Facebook-Abklatsch in hellblau

Nun schlägt Twitter einen ähnlichen Weg ein wie Facebook. Mark Zuckerbergs Unternehmen arbeitet schon länger daran, die Nutzer auf der eigenen Plattform zu halten. Zuletzt hat Facebook dazu das Feature Instant Articles veröffentlicht. Nachrichtenseiten können ihre Artikel direkt auf Facebook posten und erhalten die dadurch generierten Werbeeinnahmen. Im Facebook-Feed werden Instant Articles oder Facebook-Videos besser bewertet als Links zu Nachrichtenwebseiten oder YouTube. Der Nutzer bleibt auf Facebook, agiert mit den Inhalten auf Facebook und sieht die Werbung auf Facebook.

Während Facebook weiter wächst und auf über 1,5 Milliarden Nutzer blicken kann, stockt Twitter seit 2015 bei etwas über 300 Millionen Nutzern. Für Silicon-Valley-Verhältnisse ist das offenbar nicht genug. Twitter braucht mehr Nutzer, die dann länger auf der Seite bleiben, interagieren und vor allem die Werbung bemerken.

Deshalb ist Twitter nach und nach dazu übergegangen, die Inhalte der Nutzer selbst zu hosten, um externe Dienste außen vor zu lassen: Bilder, Videos und zuletzt Umfragen. Auch Webseiten möchte die Smartphone-App lieber nicht mehr dem Browser überlassen. Tippt der Nutzer in der Twitter-App auf einen Link, öffnet sich dieser im Twitter-Browser. Erst im Menü kann der Nutzer in den Lieblingsbrowser wechseln. Und wer macht es mobil genauso? Klar, Facebook. Twitter möchte so sein wie Facebook und ergreift daher Maßnahmen wie Facebook.

Heavy User lieben die Besonderheiten von Twitter

Facebook gibt es allerdings schon und Twitter erfüllt eine andere Funktion. Es ist ein Liveticker für den Tag, nach eigener Auswahl erstellt, chronologisch sortiert, ohne Algorithmus. Die Nutzer posten in Kurzform und oft in Echtzeit ihre Erlebnisse und Meinungen, folgen anderen, die ihnen aber selbst nicht folgen müssen, und verlinken interessante Inhalte. Sie nutzen Twitter, weil es nicht Facebook ist.

Außerdem zwingt die 140-Zeichen-Begrenzung die Nutzer dazu, kreativ zu werden. Twitter ist so zum Wortspielplatz geworden, zur ASCII-Art-Galerie, zum Meme-Inkubator und zu vielem mehr. Es klingt paradox, aber in einem unbegrenzten Raum wie dem Internet können willkürliche Beschränkungen Inhalte besser machen. Und das wissen auch die Nutzer. Dementsprechend harsch fällt die Kritik an der geplanten Änderung aus.

Ähnlich große Aufregung gab es schon im Dezember: Twitter hatte einigen Nutzern die Timeline nicht mehr chronologisch sortiert angezeigt, sondern ähnlich wie Facebook nach vermeintlicher Wichtigkeit geordnet. Für Twitter war es ein Experiment, für die Nutzer ein Angriff auf die Besonderheiten von Twitter.