Wikipedia hat, daran gibt es zunächst einmal nichts zu rütteln, innerhalb von nur 15 Jahren Kulturgeschichte geschrieben. Sie ist der ultimative Beweis für Schwarmintelligenz, für das partizipative Potenzial des Internets, für grenzüberschreitenden Idealismus und den Siegeszug der Creative-Commons-Lizenzen. Seit Jahren gehört die Onlineenzyklopädie mit ihren knapp 300 Sprachausgaben zu den zehn meistgeklickten Websites der Welt.

Knapp 1,9 Millionen Artikel umfasst allein die deutschsprachige Wikipedia, bis Ende 2016 soll die Zwei-Millionen-Marke geknackt werden. Auch der Spendenaufruf in Deutschland im Dezember 2015 verlief wieder glänzend. 8,6 Millionen Euro kamen diesmal zusammen, 330.000 Euro mehr als im Vorjahr und rund zehnmal so viel wie 2009.

Und dennoch: Es gibt ein paar Anzeichen dafür, dass Wikipedia die besten Jahre hinter sich hat.

Deutlicher Rückgang der Besucherzahlen

Hinter den Kulissen ist die Freude über das Jubiläum jedenfalls verhalten. Triumphgeschrei hört man nirgends, was nicht nur daran liegt, dass der deutsche Wikipedia-Artikel zum Stichwort "Wikipedia" noch immer nicht die strengen Exzellenzkriterien der Community erfüllt. Kein grünes Empfehlungssternchen schmückt den Text.

Aber das sind Nebensächlichkeiten, verglichen mit den großen Problemen, mit denen die Wikipedia kämpft. Das Monument droht zu bröckeln. Am deutlichsten zeigt sich das an den Benutzerzahlen. Statistiken, die Wikipedia selbst führt, zeigen seit rund einem Jahr einen spürbaren Rückgang in allen Sprachausgaben. Auch das Marktforschungsunternehmen comScore zählte acht Prozent weniger Unique User weltweit von Mai 2014 bis Mai 2015.

In Deutschland kommt ein anderer Faktor hinzu: Die ehrenamtlichen Autoren steigen aus. Zwar sind diese Klagen fast so alt wie die Wikipedia selbst, ebenso wie das Jammern über den niedrige Frauenanteil und dem rüden Umgangston. Aber der Schwund in der deutschsprachigen Community schreitet mittlerweile schneller voran. "Der harte Kern, der seit 2007 aus rund 1.000 Autoren bestand und lange stabil war, schrumpft seit knapp zwei Jahren", sagt Martin Rulsch, Intensiv-Wikipedianer seit zehn Jahren und einer von weltweit 35 sogenannten Stewards, die mit weitreichenden Administratorenrechten ausgestattet sind.

Insider halten Akquise neuer Autoren für sinnlos

Im vergangenen Jahr waren es zeitweise nur noch circa 850 engagierte Autoren, die sich täglich um Korrekturen, Aktualisierungen, Vandalismusabwehr und den Kampf gegen PR- und Lobbyeinfluss kümmerten. Außerdem hat sich die Zahl der Gelegenheitswikipedianer drastisch reduziert. Aktuell sind es nur noch rund 17.000 Menschen, die zwischen ein und fünf Mal im Monat mitschreiben, Bilder beisteuern oder editieren.

Lässt sich diese Entwicklung rückgängig machen oder ist der Niedergang unabwendbar? Es gibt Insider, die sagen, die deutsche Wikipedia-Community sei gescheitert und die Akquise neuer Autoren deshalb nicht mehr sinnvoll. Das könnte einerseits an der destruktiven Gruppendynamik liegen, andererseits aber auch formale Gründe haben. Das Wissensformat der Wikipedia – in der Regel lange Texteinträge – wirkt 15 Jahre nach der Gründung ebenso antiquiert wie der nervenaufreibende Sammel- und Korrekturprozess. Um manchen Halbsatz wird wochenlang gerungen und bei aktuellen Ereignissen wie denen am Kölner Hauptbahnhof entbrennen auf den Diskussionsseiten Debatten, die von der Community nur noch mit Mühe (und mithilfe temporärer Seitensperrungen) in Schach gehalten werden können.

Bei Wikimedia Deutschland, dem 2004 gegründeten Förderverein, sieht dagegen auf den ersten Blick alles ziemlich rosig aus. Am Tempelhofer Ufer in Berlin-Kreuzberg unterhält Wikimedia eine große Büroetage samt Empfangsdame, Lounge und Veranstaltungsraum. Zweimal ist der Verein in den letzten Jahren in größere Räume umgezogen. Jedes Jahr wächst das Team, mittlerweile hat Wikimedia Deutschland 81 Mitarbeiter. Über 6,2 Millionen Euro kann der Verein laut Wirtschaftsplan 2016 verfügen.

Gestörtes Verhältnis zur Wikimedia Foundation in den USA

Das Geld stammt teilweise aus Mitgliederbeiträgen, größtenteils aber sind es die Spenden, die bei der jährlichen Kampagne im Dezember eingesammelt werden. Der globale Verteilprozess ist kompliziert: Die über das deutsche Banner eingeworbenen Spenden gehen zunächst an die gemeinnützige Wikimedia Fördergesellschaft mbH, eine hundertprozentige Tochter der Wikimedia Deutschland. Die reicht rund 60 Prozent an die eigentliche Seitenbetreiberin der Wikipedia weiter, die amerikanische Wikimedia Foundation. Den Rest überweist die Fördergesellschaft direkt an den deutschen Verein. Dieser schickt außerdem jährliche Anträge an die Wikimedia Foundation in San Francisco und wird dann noch mal mit einer Ausschüttung in Höhe von rund einer Million Euro berücksichtigt.

Die Autoren selbst erhalten natürlich kein Geld, die ehrenamtliche Mitarbeit ist eine der zentralen ideologischen Säulen des Projekts. Wikipedianer verschenken ihr Wissen. An diesem Grundsatz wird nicht gerüttelt. Nicht mal fürs Korrekturlesen der Artikel könnte Wikimedia jemanden einstellen. "Das ist undenkbar, das würde die Community nicht mit sich machen lassen", sagt Martin Rulsch. Der Verein kann die Wikipedia-Community nur indirekt unterstützen mit kleinen Recherchestipendien, mit dem Verleih von technischem Equipment, mit Zuschüssen für Konferenzen, Treffen, Vernetzungsangeboten aller Art.

Wikimedia als politischer Akteur

Das ist aber längst nicht alles, was Wikimedia so treibt. Die Gesellschaft zur Förderung Freiens Wissens e.V., wie der Vereinsname vollständig lautet, hat sich in den letzten Jahren breit aufgestellt. Wikimedia Deutschland organisiert Veranstaltungen, geht in Schulen, richtet Tagungen aus, kooperiert mit wissenschaftlichen Institutionen und unterhält eine große Abteilung für Software-Entwicklung. Außerdem versteht man sich als politischer Akteur: Wikimedia sorgt sich um die Reformierung des Urheberrechts und die Digitalisierung des kulturellen Erbes, mischt sich in gesellschaftlichen Debatten wie die zur Panoramafreiheit ein und treibt die Entwicklung freier Unterrichtsmaterialien voran.

Doch nicht allen gefällt diese Strategie. Der Streit, der im Frühling 2014 innerhalb des Vereinspräsidiums entbrannte und zur Absetzung des langjährigen Wikimedia-Vorstands Pavel Richter führte, war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass einige Wikipedianer sich von ihrem expansionswütigen Verein vernachlässigt fühlten. Zwar strafte die Vereinsbasis später auch das Präsidium selbst ab und installierte nach langer Suche mit Christian Rickerts im Frühling 2015 einen Nachfolger, dessen Kurs sich weiterhin an dem von Richter orientier, aber trotzdem blieb eine Menge zerschlagenes Geschirr zurück.

Das hat auch das Verhältnis zum amerikanischen Förderverein beschädigt. Die Wikimedia Foundation wird bei der Vergabe der Spendengelder von einem ehrenamtlichen Gremium beraten. Diesem Komitee missfiel einiges von dem, was Wikimedia Deutschland so veranstaltet. Zuviel Personal, zu hohe Verwaltungskosten, kein erkennbarer inhaltlicher Fokus, zu wenig messbarer Erfolg, so lauteten die Vorwürfe in der letzten öffentlichen Stellungnahme. Die Empfehlung des Gremiums: Den Deutschen das Geld kürzen. Mit einer Ausnahme allerdings: Wikidata soll weiterhin großzügig gefördert werden.

Wikidata macht die Wikipedia maschinenlesbar

Das Datenbankprojekt, an dem rund 30 Wikimedia-Mitarbeiter in Berlin tüfteln, wurde von den Amerikanern in höchsten Tönen gelobt. Wikidata erhält deshalb mittlerweile einen separaten Förderetat von der Foundation. Die Idee hinter dem Projekt, das Wikimedia Deutschland seit drei Jahren vorantreibt, ist simpel: Wikidata strukturiert und erfasst die Zahlen und Fakten innerhalb der Wikipedia an einem zentralem Ort und verknüpft sie über die einzelnen Sprachversionen hinaus.

Das erleichtert einerseits die Datenpflege. Zum Beispiel müssen neue Bürgermeister oder aktuelle Bevölkerungszahlen nicht mehr in jeder Sprachversion einzeln aktualisiert werden. Andererseits wird die Wikipedia dadurch maschinenlesbar. Die Auswertungs- und Kombinierungsmöglichkeiten des verfügbaren Wissens steigen: Mit wenigen Klicks sollen sich künftig Daten vergleichen, Statistiken erstellen, Rankings und Listen generieren lassen.

Wikidata – Lichtblick oder Gefahr für die klassische Wikipedia?

Auch bei Wikidata stehen die Inhalte, die ebenfalls von Ehrenamtlichen zusammengetragen werden, unter freier Lizenz: Sie dürfen ausgelesen, kopiert, verbreitet und weiterverarbeitet werden. "Wikidata hat ein riesiges Potenzial und könnte grundsätzlich verändern, wie wir freies Wissen im Netz wahrnehmen", sagt Wikimedia-Mitarbeiter Jens Ohlig, der an der Entwicklung der Datenbank beteiligt ist.

Doch mit dem Potenzial geht möglicherweise auch eine neue Gefahr für die klassische Wikipedia einher. Je öfter Suchmaschinen und Sprachassistenzprogramme wie Siri oder Google auf die Wikidata-Datenbank zurückgreifen, desto mehr rückt der ausformulierte Lexikoneintrag in den Hintergrund.

Der Einbruch der Nutzerzahlen in den letzten Jahren könnte bereits diesem Trend geschuldet sein. Und er wird sich vermutlich fortsetzen. Denn wer wird noch selbst lange Texte lesen wollen, wenn das Smartphone die entscheidenden Zahlen und Fakten automatisch extrahieren kann? Oder wenn Suchmaschinen übersichtliche Mini-Exzerpte zusammenstellen, ohne dass der Nutzer überhaupt durchschaut, was die ursprüngliche Quelle ist?

Durch Wikidata könnten daher auf der einen Seite die Attraktivität und Sichtbarkeit der alten Wikipedia weiter nachlassen. Das wird es nicht einfacher machen, Autoren zu halten oder neue zu motivieren. Auf der anderen Seite, sagen viele in der Szene, hat das Projekt das Zeug dazu, das nächste große Ding der Wikipedia-Bewegung zu werden.