Etwa zwölf Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Levi's Stadium in Santa Clara und den Firmensitzen von Apple und Google. Das Hauptquartier von Cisco ist zwei Kilometer die Straße runter, zu Intel ist es bloß ein kurzer Spaziergang um die Ecke. Für die 50. Ausgabe des Super Bowl am Sonntag (ab 23:15 Uhr auf Sat.1) treffen die Denver Broncos und die Carolina Panthers also im Herzen des Silicon Valley aufeinander. Mehr denn je stehen in diesem Jahr nicht bloß die NFL-Teams, sondern auch neue Technologien im Mittelpunkt. "Das wird der technisch fortschrittlichste Super Bowl aller Zeiten", sagte NFL-Sprecher Brian McCarthy.

Für die Technikbranche ist der Super Bowl ein wichtiges Ereignis. Sport gilt als Innovationstreiber. Während die NFL-Saison häufig als Versuchslabor dient, ist der Super Bowl der ultimative Härtetest: Fast 120 Millionen Menschen schalteten allein in den USA im vergangenen Jahr die TV-Übertragung ein, der Super Bowl zählt damit zu den größten globalen Sportevents. Und wenn in diesem Jahr Denvers Quarterback-Star Peyton Manning auf dem Rasen um seinen zweiten Titel kämpft, bekommen die Zuschauer vor Ort und vor den Bildschirmen einen Vorgeschmack darauf, was bei der Sportveranstaltung der Zukunft auf uns zukommen könnte.

Internet im Stadion ist ein Muss

Das fängt schon mit der Spielstätte an. Das Levi's Stadium, die Heimat der San Francisco 49ers, wurde erst im Jahr 2014 eröffnet und ist eines der modernsten Stadien der Welt. Als der Super Bowl das letzte mal im Silicon Valley gastierte, 1984 im Stanford Stadion, wurden noch schnell Morseschreiber durch Telefonanschlüsse ersetzt und eine Firma aus der Nachbarschaft namens Apple sponserte 86.000 Sitzkissen (und schaltete während der Halbzeitpause seinen ikonischen Macintosh-Werbespot).

Im Levi's Stadium liegen Glasfasern, insgesamt in einer Länge von 400 Meilen, die für ein 40-Gigabit-WLAN sorgen sollen. 1.300 Zugangspunkte sind im Stadion verteilt, zum Teil direkt unter den Sitzen der Zuschauer, um Funklöcher auszuschließen. Die Absicht ist klar: Die 70.000 Zuschauer sollen nicht nur hin und wieder während des Spiels ihre WhatsApp-Nachrichten abrufen können, sondern permanent online sein und auch Videos streamen können – allerdings ist das nur in eine Richtung erwünscht. Sie sollen Videos nur anschauen, nicht aber selbst das Spielfeld filmen. Wie SFGate schreibt, haben die Stadionbetreiber die Möglichkeit, individuelle Nutzer in den Rängen zu identifizieren, falls diese das Spielgeschehen über Dienste wie Periscope live ins Netz senden.

Überhaupt ist die Vernetzung der Zuschauer kein selbstloser Service, sondern ein Versuch, neue Zuschauerschichten ins Stadion zu locken. In den vergangenen Jahren waren es demografischen Studien zufolge in den USA vor allem die Altersgruppen zwischen 12 und 17 sowie 18 und 34, die sich weniger für Live-Sport interessieren. Angesichts teurer Tickets und hoher Preise im Stadion entscheiden sich viele Millenials dafür, die Spiele gleich von der heimischen Couch aus zu gucken. Die Interaktion mit anderen Fans erfahren sie über die sozialen Netzwerke, den sogenannten Second Screen. Verschiedene Apps und Akteure versuchen nun, für den Super Bowl und darüber hinaus das Konzept zu erweitern.

Apps für Stadiongänger und Couchsitzer

Die Besucher haben bereits jetzt bei den Spielen der San Francisco 49ers Zugriff auf eine Stadion-App, deren Funktionen die NFL für den Super Bowl übernimmt. Sie können darüber nicht nur Essen an den Sitzplatz bestellen, durch das Stadion navigieren und an 700 Terminals über Apple Pay und Android Pay bezahlen, sie haben auch Zugriff auf das sogenannte Game Center: Hier können sie sofort Wiederholungen der vorangegangenen Spielzüge sehen – und zwar aus vier verschiedenen Perspektiven. Da es im American Football traditionell viele Unterbrechungen gibt, soll die App jene Lücken füllen, in denen wenig passiert. "Eine App kann nicht das Stadiongefühl ersetzen", sagt Al Guido, COO der 49ers, "aber den Spieltag mit mehr Inhalten und Analyse bereichern." Dass die Fans nicht bloß auf den Rasen, sondern auch auf ihr Smartphone starren, ist im Stadion der Zukunft also ausdrücklich erwünscht.

Die Next Gen Stats liefern genaue Daten der Spieler. © Screenshot

Da gerade Football- oder Baseball-Fans möglichst genaue Daten lieben, bietet Microsoft für Xbox One und Windows 10 eine NFL-App an, die sogenannte Next Gen Stats enthält. Die Nutzer können verfolgen, wie sich einzelne Spieler auf dem Platz verhalten, wie sie sich bewegen und im Vergleich zu anderen abschneiden. Das Ganze verbindet Microsoft mit einem starken Aspekt der Gamification – Nutzer können bestimmte Spielzüge voraussagen und im besten Fall Preise gewinnen. Offensichtlich ist das Prinzip dem Erfolg der sogenannten Fantasy Sports geschuldet, bei dem sich Fans eigene Teams zusammenstellen, die tatsächlichen Leistungen der Spieler aber miteinfließen. Diese Verbindung aus Gaming und Livesport ist ein zweiter Weg, ein junges Publikum zu erreichen.

Und dann ist da noch Facebook, das erst vor wenigen Wochen ein neues Feature namens Sports Stadium vorstellte. Es funktioniert zunächst nur für American Football und wurde nicht zufällig rechtzeitig vor dem Super Bowl enthüllt. In einer eigenen Sektion auf Facebook können die Nutzer darin aktuelle Spiele live verfolgen. Es gibt einen Ticker, der nicht nur die Spielereignisse enthält, sondern auch Kommentare und Bemerkungen von Freunden oder Experten, die anschließend in der persönlichen Timeline verbreitet werden können. Einige Experten betrachten das als einen direkten Angriff auf Twitter – dort teilen Fans schon länger ihre Reaktionen und Emotionen, Gifs und Vines, während das Spiel noch läuft. Diese Echtzeit-Berichterstattung möchte Facebook aufgreifen, der Liveticker der Zukunft könnte kollektiv erstellt werden.