Für Twitter müssen die Nutzer gegen Hatespeech kämpfen. © Kacper Pempel/Reuters

Facebook hat es vorgemacht: Das Unternehmen möchte gegen Hass vorgehen, beziehungsweise vorgehen lassen, indem es die Verantwortung auf die Nutzer überträgt. Sie sollen sich Gewaltaufrufen entgegenstellen und Hetze mit Argumenten entkräften. Counterspeech heißt das Konzept. Experten sind von dessen Wirksamkeit nicht überzeugt. Aber es kann sehr vorteilhaft sein, jedenfalls für Facebook. Schließlich muss es dann weniger häufig entscheiden, welche Posts und Profile es löscht.

Klingt gut, dachte man sich wohl bei Twitter und hat den Kampf gegen Hassbotschaften ebenfalls ausgelagert. In seinem neuen Trust & Safety Council sind mehr als 40 Organisationen und Experten vertreten, etwa Jugendschutz.net oder EU Kids Online. In einem Blogpost erklärte das Unternehmen am Dienstag, dass sie zusammen mit Twitter eine freie und sichere Meinungsäußerung gewährleisten sollen.

Mit positiven Geschichten gegen den Hass

Als amerikanisches Unternehmen verweist Twitter gerne auf die in den USA durch den ersten Zusatzartikel der Verfassung sehr weitgehende Meinungsfreiheit. Was in anderen Ländern als Volksverhetzung verboten wird, kann in den USA durchgehen. Wie auch Facebook profitiert Twitter davon, schließlich muss das Unternehmen wenige Ressourcen aufwenden, um Tweets und Konten löschen zu lassen.

IS-Miliz - Twitter geht gegen Islamisten vor Twitter hat mehr als 125.000 Benutzerkonten mit sogenanntem Terrorbezug gesperrt. Viele Extremisten weichen inzwischen auf kleinere Dienste aus.

Die Hauptverantwortung liegt bei den Nutzern. Sie sollen missbräuchliches Verhalten melden und bei Drohungen die Polizei einschalten. Denn "Websites können eine Drohung nicht untersuchen und beurteilen", heißt es in den Regeln von Twitter. Erst wenn die Behörden aktiv werden, könne man mit ihnen zusammenarbeiten. Zusätzlich schult das Unternehmen Nichtregierungsorganisationen (NGO), damit sie auf Twitter eine positive Geschichte erzählen. Als Beispiel für sogenannte Counternarratives nennt Twitter den Hashtag #NotInMyName, mit dem sich Muslime nach den Anschlägen von Paris im November gegen Gewalt im Namen des Islam bekannt hatten.

Druck der US-Regierung

Nutzer, NGOs und Experten sollen also gegen Hass im Internet vorgehen. Und Twitter? Das Unternehmen löscht nur dann, wenn es sein muss. Doch die US-Technikfirmen sollen bei der Terrorbekämpfung helfen, das wünscht sich die US-Regierung. Twitter gerät so unter Druck. Über soziale Netzwerke wird häufig Propaganda verteilt, es sei sogar die erste Wahl für die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), heißt es in einer Studie, die im Dezember erschienen ist. Twitter hatte daraufhin angekündigt zu handeln.

Ende Dezember hat das Unternehmen seine Richtlinien geändert und die Gewaltdefinition um "Drohungen oder Aufforderungen zu Terrorismus" erweitert. Außerdem hat Twitter seit Mitte 2015 über 125.000 Konten entfernt, die im Zusammenhang mit dem IS standen und mehr Mitarbeiter eingestellt, die Beschwerden der Nutzer verfolgen sollen. Genaue Zahlen nennt Twitter nicht.

Es gibt keinen "magischen Algorithmus"

Auch andere Staaten wollen ihre Ansprüche geltend machen. In halbjährlichen Transparenzberichten führt das Unternehmen auf, welche Staaten Inhalte entfernen lassen wollen. So hat Twitter im ersten Halbjahr 2015 genau 1.003 Löschanträge erhalten. Die meisten stammen aus der Türkei, nämlich 718. Twitter hat 60 Prozent der türkischen Anträge widersprochen, konnte sich aber nur in jedem 20. Fall durchsetzen. Schon mehrfach wurde der Zugang zu Twitter in der Türkei gesperrt. Aus Deutschland kamen im selben Zeitraum 14 Löschanträge, die hauptsächlich den Jugendschutz betrafen. 

Das Unternehmen selbst teilt mit, es gebe keinen "magischen Algorithmus", der terroristische Inhalte oder Hetze finden könne. Dem Unternehmen bleibt deshalb nur die Wahl, seine Angestellten entscheiden zu lassen, was stehen bleiben darf und was nicht, oder eben die Nutzer gegen den Hass arbeiten zu lassen.