Lila Tretikov, hier neben dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales © Miguel Riopa/AFP/Getty Images

Lila Tretikov war bis zum Ende optimistisch. Selbst als mehrere Angestellte öffentlich ihren Rücktritt forderten und andere die Arbeit bei Wikimedia als eine Art Vorhölle beschrieben, versuchte die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, die Stimmung zu verbessern. Sie beschwor die Errungenschaften der letzten Jahre, legte ihre Vision für die Wikimedia-Bewegung dar und veröffentlichte lange geheim gehaltene Dokumente. Es nützte nichts. Nach einer Sitzung des Board of Trustees, des höchsten Entscheidungsgremiums der US-Stiftung, schickte sie am Donnerstag die E-Mail, in der sie ihren Rücktritt erklärte. Betreff: "Danke für die gemeinsame Zeit".

Zu ihrem Amtsantritt im Sommer 2014 galt die in Russland geborene Managerin als Glücksgriff. Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia hatte nach mehr als einem Jahrzehnt des Wachstums erstmals mit rückläufigen Autorenzahlen zu kämpfen. Als ein Grund war die altertümlich anmutende Software ausgemacht. Tretikov kannte sich aus mit Open-Source-Communities und sollte die Wikimedia Foundation zu einer schlagkräftigen softwarezentrierten Organisation ausbauen.

Bessere Software gegen Bedeutungsverlust

Das hieß einerseits, die Entwicklungskapazitäten zu erhöhen, andererseits mit alten Ambitionen zu brechen. Die US-Stiftung gab auf, sich direkt in Entwicklungsländern zu engagieren, um ihre Mission zu erfüllen, das Weltwissen für alle Menschen aufzubereiten. Stattdessen steuerte sie die Entwicklung von San Francisco aus, beispielsweise durch eine verbesserte Oberfläche für Mobiltelefone, die in Entwicklungsländern oft ein PC-Ersatz sind.

Noch während ihres Antrittsbesuchs auf der jährlichen internationalen Wikimedia-Konferenz in London hatte Tretikov mit der ersten Revolte zu tun. Deutsche Wikipedianer wollten nicht den neuen Media Viewer aktivieren, der das Erscheinungsbild der als Bleiwüste verrufenen Wikipedia auffrischen sollte. Die Wikimedia Foundation reagierte mit einem Software-Update: Mit einem neuen Modus namens Superprotect wurden die freiwillig arbeitenden Wikipedia-Administratoren daran gehindert, sich in die Konfiguration der Wikipedia-Software einzumischen. Fast 1.000 Wikimedianer unterschrieben daraufhin einen offenen Brief. Der Konflikt endete schließlich mit einem Kompromiss: Die US-Stiftung schaltete Superprotect wieder ab, die Freiwilligen gaben dem Media Viewer eine neue Chance.

Der geheime Google-Konkurrent

Unterdessen gelang es Tretikov nicht, die Stimmung unter den Angestellten in der Zentrale in San Francisco auf Dauer aufrechtzuerhalten. Ihre Vorgängerin Sue Gardner hatte den Sitz der Wikimedia Foundation vom verschlafenen Saint Petersburg in Florida nach San Francisco verlegt. Dort ist die Stiftung zwar in einer der Tech-Metropolen der Welt, muss aber gleichzeitig mit Unternehmen wie Apple, Google und Facebook um Arbeitskräfte konkurrieren. Auch kann die Wikimedia Foundation ihre Mitarbeiter nicht mit Aktienoptionen an sich binden. Ein positives Arbeitsklima ist deshalb umso wichtiger für eine solche Organisation und ihre Belegschaft.

Zum Sturz Tretikovs führte schließlich ein Projekt, das die Wikipedia vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahren sollte. Noch sind nicht alle Details geklärt. Nach einer mühsamen Spurensuche vieler interessierter Wikipedianer scheint es, als ob der ehemals für Entwicklung zuständige Manager Damon Sicore den Plan hatte, unter dem Dach der Stiftung eine Suchmaschine zu gründen, die Google Konkurrenz machen könnte. Das wäre eigentlich nur konsequent: Wikipedia verliert derzeit viele Leser, weil Google die wichtigsten Informationen aus der Online-Enzyklopädie auf den eigenen Suchergebnisseiten auflistet.

Für eine Organisation von der Größe der Wikimedia Foundation war das Vorhaben jedoch wahnwitzig. Zu viele bedeutend besser ausgestattete Organisationen sind daran gescheitert, einen Google-Konkurrenten zu bauen. Mit einer Community im Nacken, die fundamentale Änderungen fürchtet, und einem Vorstand mit engen Beziehungen zum Branchenführer unter den Suchmaschinen, erscheint der Plan noch fantastischer. So ist es kein Wunder, dass Sicore das Projekt nur unter äußerster Geheimhaltung diskutieren wollte, wie der Softwarearchitekt Brion Vibber kürzlich sagte.