Was Twitter eigentlich genau ist oder sein will, darüber scheiden sich seit Beginn die Geister – oder Gründer, wenn man dem 2013 erschienenen Buch Hatching Twitter von Nick Bilton Glauben schenkt. Ginge es nach Jack Dorsey, war Twitter eher als Kanal gedacht, um seine persönlichen Aktivitäten mit der Welt zu teilen, während Ev Williams es als Plattform verstand, auf der jeder alles mögliche dokumentieren kann. Williams lag mit seiner Vision näher an dem, was dann tatsächlich aus Twitter wurde, wohl auch deshalb änderte sich die Aufforderung an die Nutzer von What are you doing? zu What’s happening?

Doch die Nutzer haben sich von den gut gemeinten Anleitungen nie wirklich beeindrucken lassen. Sie setzen Twitter auf höchst vielfältige Weise ein, oft unterstützt von der offiziellen Datenschnittstelle (API) des Unternehmens, teils aber auch durch kreativen Umgang mit bestehenden Funktionen. ZEIT ONLINE erinnert an einige der skurrilsten Twitter-Anwendungen und -Experimente der ersten zehn Jahre:

1. Passt der gesamte Code eines Computerspiels in einen Tweet? Der australische Entwickler Ben Porter veröffentlichte im Juni 2015 eine ungewöhnliche Herausforderung an seine Kollegen. Wenige Tage später kam tatsächlich die Antwort: Alex Yoder postete den Code zu Tiny Twitch, einem extrem simplen Browsergame. Und so sieht er aus:

Code für Alex Yoders Browsergame © Screenshot ZEIT ONLINE

2. Etwas klickintensiv, aber unterhaltsam sind sogenannte Choose-your-own-Adventures auf Twitter. Mit seinen Entscheidungen hangelt sich der Nutzer von Account zu Account, während ihm in den Tweets eine Geschichte erzählt wird. Mal handelt es sich um den Trailer für ein Buch, mal um ein mit hübschen Gifs erzähltes, aber oft fatal endendes Abenteuer, wie im Fall von Leon’s Cool Game.

3. Die Tatsache, dass Twitter von seinen Nutzern keine Klarnamen fordert, führt seit Jahren dazu, dass Nutzer Konten für Haustiere, Gebäude oder Halsketten anlegen. Viele Accounts werden aber nicht manuell betrieben, sondern reagieren basierend auf einfachen Skripten (generiert zum Beispiel mit dem Dienst IFTTT) auf die Tweets anderer Nutzer. Ein populäres Beispiel ist ein Bot, der auf alle Aufrufe mit dem Inhalt "Retweet, um zu gewinnen" reagierte. Sein Entwickler, Hunter Scott, nahm so in neun Monaten an 165.000 Gewinnspielen teil und räumte dabei mehr als 1.000 Preise ab.

4. Das Zeichenlimit provoziert seit jeher immer wieder kreative Notbehelfe. So veröffentlicht selbst Gründer Jack Dorsey Text-Screenshots, wenn die Nachricht mal nicht in 140 Zeichen passt. Eine andere Taktik sind sogenannte Tweetstorms, bei denen der Nutzer einfach auf seinen vorherigen Tweet antwortet und so den Zusammenhang schafft. Investor Marc Andreessen etwa ist bekannt für seine Tweetstorms.

5. In der US-amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. twittert seit einigen Wochen ein Bot mit dem sperrigen Namen @V2FzaGluZ3Rvbg Bilder der öffentlich zugänglichen Verkehrsüberwachungskameras der Stadt und garniert diese mit zufällig ausgewählten Überschriften von Meldungen verschiedener Nachrichtenagenturen. Das passt selten zusammen und ist laut Entwickler Max Leyzerovich nicht politisch motiviert, kann zufällige Betrachter aber durchaus verwirren und dazu bringen, sich mit dem Weltgeschehen zu befassen.

Der Bot @V2FzaGluZ3Rvbg kombiniert Aufnahmen aus Überwachungskameras mit aktuellen Schlagzeilen. © Screenshot ZEIT ONLINE

6. Das Internet der Dinge kommt manchen Twitter-Liebhabern sehr entgegen. Ihre Jukeboxen, Kicker oder Kaffee- und Süßigkeitenautomaten reagieren nicht auf Münzeinwurf, sondern lassen sich nur noch per Tweet steuern.

7. Viele hielten es für einen verfrühten Aprilscherz oder Marketing-Gag, als der Windelhersteller Huggies vor drei Jahren Tweetpee ankündigte, eine twitternde Windel, die Eltern mittels vernetzter Sensoren den aktuellen Füllzustand per Kurznachricht übermitteln sollte. Tatsächlich aber hat das Unternehmen mit einer solchen Technologie auf dem brasilianischen Markt zumindest experimentiert.

8. Was kommt nach dem Selfie? Das Drohnen-Selfie. In der Kombination mit Drohnen scheint Twitter in seinem Element zu sein, denn zum Ende des vergangenen Jahres meldete das Unternehmen ein Patent an, das beschreibt, wie die Fluggeräte selbstständig Tweets absetzen könnten. Der ehemalige Twitter-Mitarbeiter Romain Huet ließ bereits Ende 2013 seine Drohne @twicopter per Tweet in die Lüfte steigen.

9. Vor wenigen Tagen startete in London mit der Pidgeon Air Patrol ein Programm zur Messung der Luftverschmutzung. Dabei werden Tauben mit Sensoren ausgestattet, deren Ergebnisse dann auf Twitter unter @pidgeonair zu finden sind. Entstanden ist die Idee im Rahmen der "Powered by Tweets Challenge" zum London Design Festival.