In 20 Jahren wird etwa jeder zweite Arbeitsplatz der Digitalisierung zum Opfer gefallen sein – auf Basis dieser spektakulären These der Forscher Michael Osborne und Carl Frey von der Universität Oxford wurden auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Reihe von Diskussionen zur Zukunft der Arbeit in Europa geführt. Auch wenn der Wandel in Deutschland weniger drastisch sein wird und viele der wegfallenden Jobs durch andere, stärker von Digitalisierung geprägte ersetzt werden dürften, bleibt das Bild relativ klar: Der Arbeitsmarkt wird im Jahr 2036 grundlegend anders aussehen als heute.

Wegfallen wird, was heute die Breite der Beschäftigungsbasis darstellt, wie zum Beispiel Büro- und Assistenztätigkeiten oder die produzierenden Berufe in Fabriken und mittelständischen Betrieben. Allerdings wäre es falsch, jetzt anzunehmen, es träfe nur die durchschnittlich qualifizierten und mäßig bezahlten Berufe. Computer können zum Teil schon heute bessere Krebsbehandlungspläne und Diagnosen formulieren als hochspezialisierte Fachärzte, sie können Texte verstehen und Schlüsse ziehen und zunehmend gut in natürlicher Sprache kommunizieren. Erste Versicherungen arbeiten bereits an Modellen der algorithmischen und nahezu autonomen Rechtsberatung in einfacheren Verfahren des Verkehrsrechts. Damit werden Berufsgruppen getroffen, die über Jahrzehnte als Garanten für gute Ausbildung, Berufschancen und Verdienstmöglichkeiten galten.

Selbst die Bundeskanzlerin glaubt, dass die Digitalisierung ähnliche Effekte auf unsere Gesellschaft haben wird wie die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zu Beginn der Industrialisierung arbeiteten etwa 70 Prozent der Menschen in der Agrarwirtschaft, wenige Jahrzehnte später waren es nur noch weniger als zehn Prozent. Heute sind es in Deutschland 2,1 Prozent.

Wir müssen über Bildung reden, und zwar schnell

20 Jahre erscheinen noch relativ weit entfernt. Aber für die Bildungsfrage ist das praktisch "jetzt", denn Kinder, die heute eingeschult werden, werden in etwa 20 Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten. Wir müssen also über Bildung reden, und zwar schnell.

Diese Forderung wird umso drängender, je mehr man sich mit dem aktuellen Schulsystem in Deutschland auseinandersetzt. Zum einen ist die Vermittlung von digitalen Kenntnissen in den letzten Jahren eher noch mehr verkümmert, als dass sie strategisch ausgebaut worden wäre. Heutige Informatik-AGs (wenn sie denn angeboten werden) sind oft nur Einführungskurse in die Text- und Tabellenkalkulation mit Office-Programmen. Übrigens die Arbeitsmittel einer Berufsgruppe, die nahezu sicher wegfallen wird. Hier und dort können Schüler Medienpässe erwerben und an der einen oder anderen Schule gibt es tatsächlich ambitionierte Projekte. Von einer flächendeckenden Vermittlung von Kenntnissen für die Welt in 20 Jahren ist allerdings weit und breit nichts zu sehen.

Großbritannien hat dagegen im Eilverfahren ein verpflichtendes Informatik-Curriculum ab dem ersten Schuljahr eingeführt, und zwar landesweit. Derzeit lässt die Regierung eine Million Bastelcomputer vom Typ Micro:Bit an alle Schüler und Schülerinnen des Landes verteilen. Andere Länder bereiten ähnliche Schritte vor.

Digital souveräne Bürger heranziehen

In Deutschland werden stattdessen an vielen Schulen weitgehende Handyverbote erteilt. Und fragen Sie mal in einer Schule Ihrer Wahl, ob das WLAN gerade funktioniert.

Wenn uns an der Zukunft unserer Kinder gelegen ist, müssten wir Eltern eigentlich längst Sturm laufen – von den Vertretern der Wirtschaft mal ganz zu schweigen. Denn was heute unter de Begriff Fachkräftemangel diskutiert wird, dürfte in 20 Jahren katastrophale Ausmaße für unsere Volkswirtschaft angenommen haben, wenn nicht bald beherzt gegengesteuert wird.

Es geht nicht nur um Qualifikation für den Arbeitsmarkt. Die Digitalisierung bringt nicht nur neue Maschinen und andere Prozesse in den Arbeitsalltag. Sie wird unseren gesamten Alltag betreffen. In 20 Jahren werden unsere Häuser voller Sensoren sein, ebenso die Autos und der öffentliche Raum. Algorithmen werden die so generierten Daten auswerten, weiterleiten und Schlüsse daraus ziehen – der Einkaufsagent zum Beispiel wird den Essensplan automatisch auf die Bewegungsmuster der Familienmitglieder anpassen und vielleicht hier und dort kleine gesponserte Empfehlungen bestimmter Nahrungsmittelhersteller einpflegen.

Ich wünsche mir, dass die Schule hilft, unsere Kinder zu digital souveränen Bürgern zu machen. Mit Tabellenkalkulation und aufgeklärter Medienrezeption ist es da nicht getan. Möglichst viele heutige Erstklässler sollten in der Tiefe verstehen können, was es bedeutet, von einer digitalen Sphäre umgeben zu sein, und wie man herausfinden kann, warum jetzt Frühstücksflocken der Firma A und nicht der Firma B geliefert wurden. Oder wie man einen wirksamen Streik organisieren kann in einer Zeit, in der alle mit vollautomatischer Navigation unterwegs sind, und ohne es zu merken um die Straßenblockade herumgeleitet werden. Wir werden auch Menschen brauchen, die dafür sorgen, dass automatische Übersetzungssysteme objektiv arbeiten und kontrolliert werden können.

Auf die nächste Lehrergeneration zu warten, ist nicht genug

Dafür reicht es nicht, weiter darauf zu setzen, dass die Kinder sich das "eh irgendwie draufschaffen". Wir brauchen Pädagogen, Material und Zeit, um Kinder auf diese neue Gesellschaft und die völlig neuen beruflichen Herausforderungen vorzubereiten. Vermutlich wäre es gut, ähnlich wie in Großbritannien ein neues Fach zur Vermittlung dieser Kenntnisse in den Bildungskanon aufzunehmen – ab der ersten Klasse, besser noch vom Kindergarten an. Informatik-Didaktiker haben wundervolle Möglichkeiten entwickelt, Kindern Logik und Informationsverarbeitung ganz ohne Computer und sehr spielerisch zu vermitteln.

Auch die Eltern sind gefordert. Denn von ihnen gehen oft die lautesten Rufe nach Verboten von Handys und anderen digitalen Werkzeugen aus. Wenn uns die Zukunft unserer Kinder wirklich am Herzen liegt und wir uns wünschen, dass sie später mal gut im Berufsleben zurechtkommen, dann müssen wir jetzt dafür sorgen, dass sie souverän mit digitaler Technologie umgehen können. Ein Medienführerschein wird nicht reichen.

Jahresbudget einer Schule für Technik beträgt heute 1.200 Euro

Wir können auch nicht einfach warten, bis irgendwann eine neue Lehrergeneration an den Schulen arbeitet, für die der Einsatz digitaler Lehrmittel normal ist. Die Lücke zwischen dem, was die Schule vermittelt und dem, was das Leben fordern wird, ist in Deutschland inzwischen so groß, dass Pädagogen eigentlich selbst die Notwendigkeit digitaler Lehrinhalte erkennen müssten. Sie kann vermutlich nur dann schnell geschlossen werden, wenn zügig ein neues, prüfungsrelevantes Unterrichtsfach eingerichtet wird, das sich dem Thema widmet – am besten verbindlich ab der ersten Klasse.

Schließlich sollte der Weckruf auch an die Bildungsfinanzierer gehen, den Bund, die Länder, die Kommunen und die Bildungsträger: Wenn eine Schule heute ein Jahresbudget von 1.200 Euro für Technik hat – bei 1.300 Schülern, Anschaffung von Kopierern und Verbrauchsmaterial inklusive – dann wird es nichts mit der Digitalisierung. Wir brauchen einen Pakt für digitale Bildung, der von allen Teilen der Gesellschaft getragen und von der öffentlichen Hand mit ausreichenden Mitteln finanziert wird. 

Ach, und wann verteilen wir den Micro:Bit in Deutschland?