Zur Cebit in Hannover hat die Deutsche Telekom wieder groß aufgefahren. "Der Frühling ist da", ruft der sichtlich aufgekratzte Vorstandschef Thimotheus Höttges, als er am Montag auf der Bühne des 5.000 Quadratmeter großen Standes steht, der im Wesentlichen eine Botschaft verbreitet: Der Konzern hat sich erneuert und kann nun den Rest der deutschen Wirtschaft mit ins Zeitalter der Digitalisierung bringen.

Schlicht dumb pipes – also "dumme Leitungen" – zu verlegen, über die andere ihre Umsätze machen, genügt dem ehemaligen Staatsmonopolisten nicht mehr. Mit der Open Telekom Cloud und reihenweise neuen Diensten für die Industrie will das Unternehmen neue Umsatzquellen erschließen.

Infrastruktur neu vermarkten

Das ist auch nötig. Zwar kann man mit dem Provider-Geschäft noch gutes Geld verdienen. Die notwendigen Investitionen sind aber enorm, die Refinanzierung dauert in Deutschland viel zu lange für börsennotierte Unternehmen. Auf höhere monatliche Gebühren reagieren die Kunden zudem mit Kündigungen, das Geschäft der billigeren Alternativanbieter floriert. Bei den vierteljährlichen Investorenkonferenzen muss sich Höttges gleichzeitig für jede Rabattaktion rechtfertigen.

Der Ausweg: Die Telekom muss mehr Umsatz mit ihrer bestehenden Infrastruktur machen. Versuche, den Unternehmen aus dem Silicon Valley das Geschäft zu vermiesen, gingen immer wieder schief: So scheiterte der Versuch, Datenflatrates zu Drosselflatrates zu machen, ebenso wie die Einführung eigener Konkurrenzprodukte. Lukrative Zusatzgeschäfte wie SMS und Roaming sind weggefallen, Nachfolgeprodukte wie der 2012 vorgestellte Instant-Messenger Joyn oder die E-Mail-Alternative De-Mail zogen kaum Kunden an und sind am Cebit-Stand kein Thema mehr.

Geschäftskunden sollen es richten

Das Digitalisierungsgeschäft ist für die Telekom kein Selbstläufer. "Die erste Halbzeit haben wir krachend verloren", gestand Höttges zuletzt im Gespräch mit der ZEIT ein. Während Facebook, Google und Apple Milliarden scheffelten, musste die Telekom ihre Kapazitäten immer wieder ausbauen, ohne die Preise wesentlich erhöhen zu können. Jetzt sagt der für Geschäftskunden zuständige Telekom-Vorstand Reinhard Clemens: "Wir werden die zweite Hälfte der Digitalisierung gewinnen."

Neues Hoffnungsprodukt ist die Open Telekom Cloud, eine Plattform, auf der Unternehmen ihre eigenen Anwendungen kostengünstig und sicher laufen lassen können – von der Bürokommunikation bis zur Verwaltung einer ganzen Fahrzeugflotte. Hier engagiert sich die US-Konkurrenz wie Amazon oder Google zwar schon seit Jahren, Höttges hat aber ein wesentliches Argument auf seiner Seite: Edward Snowden.

Cloud-Technik von Huawei adaptiert

"Es gibt eine große Verunsicherung", sagt Höttges in Hannover. Denn nach den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers und dem derzeitigen Streit um die Verschlüsselung des iPhones machen sich viele Unternehmen Gedanken darüber, wie sicher ihre Daten auf den Servern von US-Unternehmen sind. Ihr neues Rechenzentrum bei Magdeburg bezeichnet die Telekom deshalb als "Daten-Fort-Knox", allerdings ohne in der Präsentation auf Details einzugehen. Das Rechenzentrum mit 30.000 physischen Servern sei bereits fast ausgelastet, bis 2018 werde die Kapazität um 150 Prozent erhöht.

Mit dem alten Image der Geschäftskundensparte T-Systems, die vormals eher den Ruf eines behäbigen Sachverwalters der elektronischen Datenverarbeitung hatte, möchte die Telekom heute wenig zu tun haben. Sie präsentiert sich als Teamplayer. So kooperiert das Unternehmen mit Microsoft und SAP, um deren Dienste an ihre Kunden zu bringen. So werden Microsoft-Kunden zum Beispiel ihre Daten auf Wunsch im Magdeburger Rechenzentrum speichern können, treuhänderisch verwaltet von T-Systems und somit sicher vor etwaigen grenzüberschreitenden Durchsuchungsbeschlüssen der US-Behörden.

Die Open-Cloud-Technologie hat der Bonner Konzern vom chinesischen Anbieter Huawei adaptiert – in nur vier Monaten, wie Höttges in Hannover betont. Die Chinesen steuern unter anderem die Hardware bei.

Überall Sensoren

Die Kooperationen machen neue Anwendungen möglich. So präsentiert die Telekom in Hannover eine Technik, mit der Überseecontainer auf ihrer Tausende Kilometer langen Reise überwacht werden können. Waren können so schneller transportiert und Schäden vermieden werden. Stromsparende Sensoren sollen freie Parkplätze direkt an Navigationssysteme melden und so den Autoverkehr in Städten wesentlich verringern. Und das neue 5G-Mobilfunknetz, das in Deutschland bis 2020 stehen soll, werde Autos vernetzen und in Millisekunden vor drohenden Kollisionen warnen, ist sich die Telekom sicher. Hier muss sie sich vor allem gegen den Konkurrenten Vodafone durchsetzen, der sich schon seit Jahren erfolgreich im Bereich der Maschinenkommunikation engagiert.

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Telekom in Hannover eine andere Cloud-Anwendung präsentiert. Der intelligente Hausnotruf soll automatisch erkennen, wenn ein Patient stürzt, und Hilfe rufen. Pflegebedürftige Menschen sollen auf diese Weise länger zu Hause wohnen können. Die notwendigen Daten bezieht das System allerdings von 3-D-Kameras, die in den Wohnungen montiert werden müssen. Auch wenn die Bilder verschleiert sind und nur im Ernstfall in die Telekom-Cloud geschickt werden, muss die Telekom ihrem Ruf als "Fort Knox für Daten" mehr als gerecht werden, damit Kunden so etwas kaufen.