Gern gesehen auf Instagram: Bilder von Holi-Festivals. © Petras Malukas/AFP/Getty Images)

"Turn me on" ist ein mehrdeutiger Begriff. Er kann bedeuten, jemanden anzumachen, oder einfach der Aufruf sein, etwas anzuschalten. Im Fall der Fotoplattform Instagram etwa die Mitteilungen für einzelne Nutzer. Genau das fordern in diesen Tagen zahlreiche Instagramer mal mehr, mal weniger kreativ von ihren Followern: #turnmeon heißt der Hashtag in Bildern und Beschreibungen, meist garniert mit einem Pfeil auf die entsprechende Schaltfläche in der App. Wer nämlich die Mitteilungen aktiviert, bekommt bei jedem neuen Upload des abonnierten Nutzers eine Push-Nachricht und vermeidet somit, Beiträge zu verpassen.

Die Nutzer wollen mit der Aktion einer Änderung auf Instagram vorbeugen, die bald kommen soll: Die per Algorithmus sortierte Timeline. Bislang zeigt Instagram seinen Nutzern die Bilder der Menschen, denen man folgt, rückwärts chronologisch an; die jüngsten Bilder tauchten als Erstes in der App auf. Künftig aber könnten "Signale wie Likes, Kommentare, Suchanfragen oder die Beziehung zu einzelnen Personen" diese Reihenfolge beeinflussen, zitiert das Onlinemagazin Bustle eine Sprecherin. Wer etwa besonders oft Bilder einzelner Nutzer favorisiert, bekommt dessen neue Bilder als Erstes angezeigt, auch wenn sie eigentlich älter sind als andere.

Bereits Mitte März kündigte Instagram entsprechende Änderungen an. "Durchschnittlich verpassen die Menschen 70 Prozent ihres Feeds", hieß es in einem Blogbeitrag. Deshalb wolle die Facebook-Tochter die Reihenfolge optimieren, ohne einzelne Bilder komplett auszublenden. Es wurde spekuliert, Instagram werde die neue Timeline am heutigen Dienstag einführen, was zur #turnmeon-Aktion in den vergangenen Tagen führte. 

As you may know, instagram changed, so if you still wanna see my posts, activate notifications 😁❤️#TURNMEON

Ein von D I D I E R (@dididediego) gepostetes Foto am

Goodbye, Chronologie!

Instagram hat am Dienstag auf Twitter allerdings bekannt gegeben, dass sich zunächst nichts an den persönlichen Timelines ändern werde. Man wolle das Feature erst ausführlich testen und dann genau über die Änderungen informieren. Erwartungsgemäß reagierten viele Nutzer dennoch mit der Bitte, am besten gar nichts zu ändern. Eine automatisch sortierte Timeline zerstöre das Prinzip von Instagram, lautet die Befürchtung.

Die reflexartige Ablehnung war zu erwarten. Die Nutzer sozialer Netzwerke hassen traditionell jegliche Veränderung und im Internet empört es sich bekanntlich schnell. Als Facebook im Herbst 2014 erstmals einen Newsfeed-Algorithmus einführte, waren die Reaktionen ähnlich. Oder als Twitter im Februar ein Feature einführte, das besonders beliebte Tweets bevorzugt darstellt. Oder als Tumblr sich von Antworten in Beiträgen verabschiedete (und diese gerade eben wieder zurückbringt). Dass die Nutzer in allen Fällen die Dienste trotzdem weiter nutzen würden, war ebenso zu erwarten wie der vorhergehende kollektive Aufschrei.

Natürlich gibt es legitime Kritik an einer neu sortierten Instagram-Timeline. Cara Rose DeFabio von Fusion schrieb vor zwei Wochen, Instagram trage die Unmittelbarkeit bereits im Namen: Der Dienst arbeite instant, also augenblicklich, und die Bilder sollten deshalb auch so den Followern angezeigt werden. Nur so könne man mitbekommen, was die Freunde gerade erleben. Wenn die Reihenfolge verändert wird, verschwindet diese Unmittelbarkeit, so DeFabio.

Zudem könnten ihrer Meinung nach beliebte Aktionen wie #throwbackthursday, in denen Nutzer donnerstags Bilder aus ihrer Vergangenheit posten, an Bedeutung verlieren. Vor allem würde ein Algorithmus die Gleichbehandlung auflösen und entscheiden, was wichtig ist (darunter möglicherweise auch gesponserte Beiträge). Dabei sei Instagram doch ein Ort, an dem Profis und Amateure, Kunst und alberne Schnappschüsse völlig wertungsfrei aufeinanderfolgen.

Ein Foto ohne Likes ist praktisch ein Fail

Doch egal welche Argumente man auch anführt, am Ende bleibt eines unerwähnt, nämlich die Angst des Egos vor dem Algorithmus. Mehr als jedes andere soziale Netzwerk ist Instagram ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ob es nun die Selfies von Kim Kardashian sind, ein Mops bei Outdoor-Aktivitäten oder der Autor dieser Zeilen in seinem Urlaub in Texas: Fotos bei Instagram entstehen selten wirklich spontan, sie werden in der Regel gezielt ausgewählt, zurechtgeschnitten, mit Filtern und Effekten versehen, um vor den Followern möglichst attraktiv und vor allem interessant zu wirken und möglichst viele Likes in Form von Herzchen zu bekommen. Ein Instagram-Foto ohne Likes ist praktisch ein Fail.

Dieses Prinzip ist nicht schlimm, im Gegenteil, das befriedigende Sammeln und Vergeben von Likes macht den Reiz von Instagram aus. Die Möglichkeit, gleichzeitig die alltäglichsten Dinge und die besonderen Momente mit anderen zu teilen, ohne sie persönlich kennen zu müssen, hat Instagram mit mittlerweile 400 Millionen aktiven Nutzern zum erfolgreichsten Fotonetzwerk der Welt und zu einer der beliebtesten Smartphone-Apps gemacht.

Wer sich nun die Kritik an der algorithmischen Timeline anschaut und die Aufforderung zu #turnmeon, erkennt darin vor allem die Angst, in der Timeline zu verschwinden. Besonders erfolgreiche Instagramer, deren Bilder Hunderte oder Tausende Likes bekommen, dürfte das kaum betreffen, weil der Algorithmus deren Bilder vermutlich ohnehin als "wichtig" und dementsprechend hoch einstuft. 

Die Bilder von weniger bekannten Nutzern aber könnten unten landen, also dort, wo möglicherweise selbst die besten Freunde nicht mehr zehnmal am Tag hinscrollen und ihr solidarisches Herzchen für das tägliche Latte-Macchiato-Foto vergeben. Es droht die Instagratifikationskrise, weshalb die Nutzer vorsorglich auf die Barrikaden gehen. Oder wie es auf The Verge heißt: Es möge kein Selfie ungeherzt bleiben!