Kim Kardashians neugeborener Sohn wurde nicht gefragt. Vor zwei Wochen veröffentlichte der amerikanische Reality-TV-Star das erste Babyfoto auf Instagram. 2,8 Millionen Mal wurde das Bild bisher gelikt, mehr als 150.000 Mal kommentiert. Das Meinungsspektrum reicht dabei nur von "so hübsch" bis "oh mein Gott wie süß". Möglicherweise wird sich Mama Kardashian eines Tages trotzdem Vorwürfe von ihrem Nachwuchs anhören müssen. Denn wie eine kürzlich veröffentlichte Studie amerikanischer Wissenschaftlerinnen zeigt, wünschen sich viele 10- bis 17-Jährige, dass Eltern keine Informationen über ihre Kinder ins Netz stellen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Eigentlich wollten Alexis Hiniker, Sarita Y. Schoenebeck und Julie A. Kientz von der University of Washington und der University of Michigan in ihrer Untersuchung Not at the Dinner Table: Parents' and Children's Perspectives on Family Technology Rules herausfinden, welche häuslichen Verbote Eltern beim Umgang mit Technik aufstellen und inwiefern Kinder diese akzeptieren und befolgen. Die Wissenschaftlerinnen befragten dazu 249 US-Familien. Eher zufällig stießen sie dabei auf ein interessantes Phänomen: Auf die offen gestellte Frage an die Kinder, welche Erwartungen und Wünsche sie bezüglich der Mediennutzung der Eltern hätten, fand sich in knapp 20 Prozent der Antworten der Hinweis, dass es Kindern missfällt, wenn die Erwachsenen Bilder posten, ohne vorher das Einverständnis der abgebildeten Familienmitglieder eingeholt zu haben. Die Eltern wiederum ließen deutlich weniger Problembewusstsein erkennen, stellten die Autorinnen erstaunt fest.

Zeichnet sich hier ein neuer Generationskonflikt ab? Ist das Ergebnis der Studie sogar ein erster Hinweis dafür, dass Kinder und Jugendliche mittlerweile sensibler mit den Themen Datenschutz und Privatsphäre umgehen als ihre Eltern? Dass sie weniger zu teilen bereit sind als die Erwachsenen? Wenden sie sich auch deshalb von Plattformen wie Facebook ab – und bevorzugen Dienste wie Snapchat, die zumindest oberflächlich mehr Kontrolle und Vergänglichkeit versprechen und für Erwachsene schwerer zu durchschauen sind?

Der Mythos von der sorglosen Jugend

Lange galten – auch in der Forschung – die Jüngeren als die sorgloseren Internetnutzer. 2006 hatte die US-amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Susan B. Barnes in ihrem vielzitierten Aufsatz A privacy paradoxon Teenagern mangelndes Reflexionsvermögen bescheinigt. Oft sei den jungen Nutzern nicht bewusst, dass ihre Einträge in sozialen Netzwerken von anderen gesehen und mitgelesen werden könnten.

2011 widersprach die bekannte Medienwissenschaftlerin Danah Boyd, die seit Jahren über das Thema forscht: Dass Teenager sich nicht für Privatsphäre interessieren würden, sei "ein weitverbreiteter Mythos". Im Gegenteil: "Nur weil sie in sozialen Netzwerken aktiv sind, heißt das nicht, dass heutige Teenager Privatsphäre nicht als Wert anerkennen. Alle Teenager haben einen Sinn für Privatsphäre, wobei ihre Definitionen von Privatsphäre stark variieren." Oft gehe es den Jugendlichen vor allem um Selbstbestimmung und Rückzugsorte, erklärte Boyd.

Die simple Formal "alt gleich zurückhaltend, jung gleich unüberlegt" entspricht längst nicht mehr der Realität, das bestätigen auch deutsche Wissenschaftler. Während ältere Erwachsene sich eher vor potentiellen Eindringlingen in ihre Privatsphäre wie dem Staat oder dem Arbeitgeber fürchten, "sind das für Jugendliche in der Regel keine im Alltag relevanten Bezugsgruppen", sagt Jan-Hinrik Schmidt, Wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg.

Die Jungen sorgen sich um andere Überwacher als die Alten

Keineswegs könne man daraus aber schließen, "dass Kinder und vor allem Jugendliche kein Gespür für oder auch kein Interesse an Privatsphäre hätten". Diese Altersgruppe flieht vor anderen Überwachern: Teenager suchen nach Räumen und Plattformen, wo ihre Peergroup unterwegs ist und wo sie sich vor Eltern und Lehrern sicher fühlen. Zugleich hat der "vehemente öffentliche Diskurs" über Datenschutz und Privatsphäre der letzten Jahre bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchaus Spuren hinterlassen, sagt Schmidt. "Diese Altersgruppe geht inzwischen tendenziell reflektierter und vorsichtiger mit persönlichen Daten im Netz um als die gleiche Altersgruppe vor 5 Jahren."

Was man wiederum von der heutigen Elterngeneration nicht immer behaupten kann. An der Universität Erfurt erforscht Kommunikationswissenschaftler Sven Jöckel zusammen mit seinen Studenten, was Mütter und Väter in Deutschland alles so ins Netz stellen. Die Forschergruppe sucht dabei gezielt nach dem Hashtag #Mutterliebe und sammelt alles, was sie in öffentlich sichtbaren Profilen unter dem Stichwort findet. "Einiges von dem, was wir bereits gefunden haben, ist extrem grenzwertig", sagt Jöckel. Fotos von nackten Babys seien dabei noch fast das Harmloseste. Manche Eltern finden es offenbar auch in Ordnung, Fotos von Kleinkindern zu posten, die gerade schwach und fiebrig im Bett liegen.

"Das Phänomen der postenden Elterngeneration ist relativ neu", erklärt Jöckel. Noch gäbe es dazu kaum wissenschaftliche Forschung. Auffällig sei aber, dass einige Erwachsene dazu neigen, ihr offensives Kommunikationsverhalten in sozialen Netzwerken auch dann beizubehalten, wenn sie eine Familie gründen. "Man postet die Dinge, die man immer gepostet hat – nur dass jetzt auch Kinder involviert sind." In Erfurt werden diese Privatsphäreverstöße nun erstmals im Rahmen einer kleinen Studie systematisiert und dokumentiert. "Und wir kontaktieren auch manche der Eltern", sagt Jöckel.

Eltern erwarten, dass Schulen eine Fotoeinwilligung einholen

Die Erkenntnis, dass das Recht auf informationelle Selbstbestimmung grundsätzlich ab Geburt gelten sollte, ist noch nicht in allen Elternhäusern angekommen. Zwar hat sich mittlerweile der Gedanke gesellschaftlich durchgesetzt, dass auch Kinder eine zu schützende Privatsphäre besitzen. Kindergärten und Schulen holen längst standardmäßig Fotografier- und Veröffentlichungseinwilligungen ein. Eltern verlangen und erwarten das. Ausgerechnet ihr eigenes Verhalten – etwa: süße Fotos aus dem Alltag zu posten – halten viele Erziehungsberechtigte dagegen für unbedenklich. Dabei können Bilder und Videos noch Jahre später peinlich für die Kinder werden, wenn etwa ihre Klassenkameraden sie im Netz finden, was absolut möglich ist. Die Mitschüler werden das Material eher nicht niedlich finden, sondern nützlich – im schlimmsten Fall für ernsthaftes Mobbing.

Die Bloggerin und Autorin Patricia Cammarata, die selbst im Netz Anekdoten aus ihrem Familienleben nacherzählt, erklärt: "Die durchschnittliche Anzahl von Freunden auf Facebook liegt bei 342. Das bedeutet, wenn Eltern ein Foto ihres Kindes auf Facebook für ihre Freunde veröffentlichen, dann können das potentiell 342 Menschen sehen. Da die- oder derjenige, der das Foto postet, das Bild danach nicht ohne Weiteres wieder offline nehmen kann, ist völlig unklar, was mit dem besagten Foto noch passieren kann."

Eltern hatten selbst keine öffentlich dokumentierte Kindheit

Ab einem bestimmten Alter erahnen Kinder die Tragweite dieses massiven Kontrollverlusts und wehren sich. Eltern reagieren darauf teilweise mit Unverständnis. "Viele Eltern fragen tatsächlich nicht mal nach", sagt Cammarata. "Bei denen, die es tun, höre ich oft, dass die Kinder nicht einwilligen – egal wie harmlos die Eltern die Fotos finden." Woher rührt diese elterliche Naivität? Ist es der Stolz auf das fotogene Familienleben, den man ins Netz tragen und dort öffentlichkeitswirksam zeigen will? Oder die Suche nach Anerkennung, Unterstützung, Beifall? Cammarata glaubt, dass die meisten Eltern gar kein Bewusstsein dafür haben, dass auch ihre Kinder ein Recht am eigenen Bild haben: "Sie können sich nicht ausmalen, wie es sich anfühlt, eine komplett im Netz nachvollziehbare, fotodokumentierte Kindheit zu haben."

Die digitale Fotografie hat vor rund 20 Jahren den Markt erobert, Facebook gibt es seit zwölf Jahren, Twitter seit zehn, Instagram seit sechs. Eines Tages werden sich die heutigen Grundschulkinder mit den digitalen Spuren auseinandersetzen müssen, die ihre Eltern im Netz über sie hinterlassen haben. "Es ist schwer vorherzusagen, wie sich ein Kind in zehn bis 20 Jahren damit fühlt", sagt Cammarata. Sie selbst hat deshalb vor langer Zeit eine konservative Entscheidung getroffen: "Ich poste nichts, was die Persönlichkeitsrechte meiner Kinder verletzen könnte." Und Bilder, auf denen die Gesichter ihrer Kinder zu erkennen sind, sind für die Bloggerin sowieso tabu.