Wann fängt Belästigung an und wo hört Free Speech auf?

So wichtig das Thema auch sein mag, ein Kassenschlager ist es unter den Besuchern des South-by-Southwest-Festivals (SXSW) in Austin nicht. Bloß ein paar Dutzend Besucher hatten sich am Samstagmorgen zur ersten Vortragsrunde zum Thema Hatespeech im Netz eingefunden. Trotzdem herrschte erhöhte Sicherheitsstufe: Wer die Konferenzsäle des Hyatt-Hotels betreten wollte, musste zunächst eine Sicherheitskontrolle passieren, Polizisten standen an den Türen und Schilder erinnerten die Besucher daran, sich höflich zu verhalten.

Online Harassment Summit heißt die Mini-Konferenz, die im Rahmen des SXSW stattfindet, und kaum eine andere Veranstaltung des Festivals hatte in den vergangenen Monaten für so viel Diskussionen gesorgt. Alles begann im vergangenen Herbst, als die Veranstalter des SXSW zwei Panels absagten, nachdem es anonyme Drohungen gegeben hatte. Ein Panel, das sich mit Hatesspeech und Cyber-Bullying beschäftigte und eines, das aus dem Umfeld des Gamergates kam – jener diffusen Bewegung, die sich nach eigenen Angaben für Ethik im Games-Journalismus einsetzt, aber vor allem durch Hetze und Drohungen gegen Frauen auffiel.

Die Entscheidung kam nicht gut an. Medien wie Buzzfeed und Vox Media kündigten an, SXSW komplett zu boykottieren. Es gab Berichte darüber, wie Gamergate-Unterstützer mutmaßlich die Veranstalter beeinflussten und was das überhaupt über das libertäre Festival aussage, wenn für solche Themen kein Platz sei. Auch dank der öffentlichen Debatte ruderten die Verantwortlichen schließlich zurück und initiierten den Online Harassment Summit

Plattformen in der Pflicht

Brianna Wu gehört zu den Personen, deren Panel ursprünglich betroffen war. Dass es nun doch geklappt hat, sei zwar erfreulich, sagt die amerikanische Games-Designerin zum Auftakt. Allerdings zeige die ganze Angelegenheit auch, wie schwer sich Technikbranche und Öffentlichkeit mit dem Thema Hetze und Belästigung im Netz täten.

Wu weiß, wie es sich anfühlt, bedroht zu werden. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder, über Jahre hinweg: Seit dem Beginn der Gamergate-Debatte bekam sie Hunderte Morddrohungen, musste Hackerangriffe und Telefonanrufe erdulden. Sie ließ sich davon nicht einschüchtern, suchte die Konfrontation mit den anonymen Angreifern im Netz. In Austin zählt sie zu der Fraktion, die mehr Engagement von Plattformbetreibern und Politikern fordert, um Menschen im Netz zu schützen.

"Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was Technikunternehmen sagen und dem, was sie tatsächlich tun", sagt Wu. Zwar haben Unternehmen wie Twitter inzwischen bessere Mechanismen und Richtlinien eingeführt, um Randgruppen wie etwa Transsexuelle zu schützen. Andere Plattformen wie Reddit aber enttäuschen Nutzer, die marginalisiert und stigmatisiert werden, weiterhin auf ganzer Linie. Wu wünscht sich mehr Initiativen vonseiten der Betreiber, schnellere Reaktionszeiten und vor allem die Zusammenarbeit mit externen Organisationen, um die Wirksamkeit der internen Richtlinien zu überprüfen. Hatespeech sei kein Randphänomen mehr.

Das bestätigt auch eine Studie des Pew Research Centers. 65 Prozent der Internetnutzer zwischen 18 und 29 Jahren haben demnach schon einmal Belästigung im Netz erlebt, die Mehrheit davon auf Facebook, heißt es in einem Vortrag.

Facebook hofft auf Gegenrede

"Passende Richtlinien ins Leben zu rufen ist schwer", sagt Monika Bickert, Facebooks Head of Product Policy und damit eine der einflussreichsten Personen auf diesem Gebiet, in einem anderen Vortrag. "Der schwierigste Teil aber ist es, sie auch durchzusetzen." Zumindest in Deutschland und Europa hat Facebook diesbezüglich Fortschritte gemacht, hier hat das Netzwerk kürzlich ein Team ins Leben gerufen, das sich verstärkt um die Moderation von Inhalten kümmert.

Bickert erwähnt diese Initiativen zwar als positives Beispiel, um gegen Hatespeech vorzugehen. Schnell aber wird klar, dass Facebook damit vor allem auf den Druck aus der Politik in Europa reagiert hat. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Juniper Downs von Google ist Bickert nämlich in erster Linie eine Befürworterin der sogenannten Counterspeech, also der aktiven Gegenrede: Anstatt immer mehr Inhalte auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken zu löschen, sollen die Nutzer ihnen persönlich entgegentreten.