Als ich am Freitagmorgen das virtuelle Hauptquartier von Bernie Sanders betrete, lande ich in einem griechisch-römischen Pavillon zwischen Birken. Folkrock ertönt aus unsichtbaren Lautsprechern und an den Wänden beschwören Wahlplakate und Memes den Erfolg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Etwas abseits steht eine kleine Nachbildung des Oval Office, in dem sich die Besucher mit einem Aufsteller von "Bernie" fotografieren lassen können. Mir fällt sofort der Vogel auf, der auf dem Schreibtisch sitzt – eine Hommage an Sanders' Auftritt mit einem gefiederten Freund vor einigen Wochen.

Es ist ein geradezu idyllischer Ort. Aber wo sind bloß die anderen Besucher? Keine Seele weit und breit. Das könnte daran liegen, dass Sanders in dieser Woche gleich mehrere Staaten an seine Konkurrentin Hillary Clinton verloren hat und deshalb Hunderte Wahlkampfhelfer entlassen musste. Wahrscheinlich kommen an diesen Ort aber ohnehin nicht viele Menschen. Denn er befindet sich in der Onlinewelt Second Life (genaue Koordinaten hier). Und die ist heutzutage eher spärlich besiedelt. Anders gesagt: Second Life hat 13 Jahre nach seiner Gründung nicht mehr allzu viele Nutzer, aber immer noch seine Fans.

Der Pavillon von Bernie Sanders in Second Life © Screenshot/ZEIT ONLINE

Umso erstaunlicher, dass in der mittlerweile arg grobschlächtigen 3D-Welt Wahlkampf betrieben wird, wenn auch nicht von offizieller Seite. Eine Nutzerin namens Macaria Wind hat das virtuelle Hauptquartier aufgebaut. Nach dem Besuch einer Wahlkampfveranstaltung begann Wind mit anderen Nutzern im Februar, es nach und nach zu einer Anlaufstelle für die Unterstützer von Sanders umzubauen, sagte sie dem Blog SL Newser. Es sei ein offener Ort für alle, die sich über Sanders und sein Programm informieren oder einfach mit Gleichgesinnten chatten möchten.

Trump-Unterstützer machen Ärger

In den vergangenen Wochen aber gab es Ärger in Caspoli, wie die entsprechende Region in Second Life heißt. Unterstützer von Donald Trump hatten sich in ein benachbartes Grundstück eingekauft und einen Turm errichtet, der seitdem über dem Hauptquartier von Sanders thront, ein Ungetüm aus mausgrauem Granit. "Make Second Life Great Again" steht auf seiner Fassade. Ebenfalls nicht zu übersehen ist ein riesiges Bild von Trump in Uniform und einem Adler auf dem Arm. Im Vergleich zur liebevoll gestalteten Sanders-Basis wirkt es geradezu vulgär. Aber genau das scheint die Absicht zu sein.

Dieses Trump-Bild prangt am Himmel über dem Sanders-Hauptquartier. © Screenshot/ZEIT ONLINE

Wie unter anderem Motherboard berichtet, haben einige Trump-Unterstützer zuletzt aktiv Treffen der Sanders-Fraktion in Second Life gestört. Screenshots zeigen Hakenkreuz-Flaggen und Beteiligte erzählen von rassistischen Äußerungen, Beleidigungen und Spam-Nachrichten im Text- und Voicechat. Die Besitzer eines Grundstücks in Second Life können ungewünschte und unflätige Besucher, sogenannte Griefer, zwar verbannen. Doch das kostet Zeit und vor allem Nerven.

Im Gespräch mit SL Newser sagt der Nutzer und Trump-Unterstützer JP Laszlo, die Errichtung des Towers sei nichts weiter als ein Scherz gewesen: "Wir sind keine Trolle und keine Griefer, sondern Aktivisten mit einem Sinn für Humor." Den hätten die Sanders-Sympathisanten um Macaria Wind übrigens nicht, weshalb sie ihn ohne Grund von ihrem Grundstück verbannt hätten. Von rassistischen und übergriffigen Äußerungen gegenüber anderen Nutzern will JP Laszlo nichts wissen.

Der etwas andere "Trump-Tower" © Screenshot/ZEIT ONLINE