Wir schreiben das Jahr 2016. Und noch immer sind Menschen überrascht, wenn das Internet nicht tut, was sie erwarten.

Der Streisand-Effekt etwa ist mittlerweile 13 Jahre alt. Trotzdem versuchen gewisse Politiker noch heute, unliebsame Bilder oder Videos aus dem Netz löschen zu lassen, nur um festzustellen, dass sie damit das Gegenteil bewirken, nämlich die Jetzt-erst-recht-Verbreitung.

Gewisse Unternehmen stellen arglos einen Chatbot online und fordern die Nutzer sozialer Netzwerke auf, diesem die Sprache der heutigen Jugend beizubringen. Und beenden das Experiment hastig, als sie merken, dass der Chatbot als erstes das Holocaustleugnen gelernt hat.

Faustregel: Rechne immer mit dem Schlimmsten

Und es gibt immer noch Organisationen, die glauben, mit Onlineabstimmungen vernünftiges Feedback von vernünftigen Menschen zu bekommen. So wie der Natural Environment Research Council (Nerc) in Großbritannien. Der hauptsächlich von der Regierung finanzierte Forschungsrat wollte einen klang- und würdevollen Namen für ein neues Vorzeigeforschungsschiff finden und bat das Internet um Hilfe.

Besucher dieser Website konnten eigene Namensvorschläge für das 200 Millionen Pfund teure Schiff machen und über die eingereichten Vorschläge abstimmen. Es dauerte nicht lange, bis Spaßvögel die Abstimmung kaperten und einen Namen an die Spitze wählten: Boaty McBoatface.

Seit dem vergangenen Wochenende ist die Abstimmung beendet. Natürlich hat Boaty McBoatface gewonnen, mit großem Abstand.

Das ist eben die Sache mit diesem Internet: Die Technik hinter so etwas wie einer Onlineabstimmung zu verstehen, ist das eine. Menschen, die das Internet nutzen, zu verstehen, eine ganz andere. Die Faustregel lautet: Rechne immer mit dem Schlimmsten. Der Nerc kannte diese Regel offenbar nicht. Bis jetzt.

Nun hat der ehrwürdige Forschungsrat ein Problem. Nerc-Vorstand Duncan Wingham hatte im Vorfeld verkündet: "Wir sind gespannt zu hören, was die Öffentlichkeit vorschlägt und sind wirklich offen für Ideen". Doch die Offenheit hat Grenzen, wie erste Reaktionen aus der Regierung und dem Rat zeigen. "Manche Vorschläge sind angemessener als andere", sagte etwa Forschungsminister Jo Johnson in einem Interview. Die Entscheidung würde nun im Nerc getroffen und zeitnah mitgeteilt. Was diplomatisch verpackt nichts anderes heißt als: Auf keinen Fall wird dieses Schiff Boaty McBoatface heißen.

Die Peinlichkeit hätte der Nerc sich ersparen können, wenn er vorab ein wenig nachgeforscht hätte, was Onlineabstimmungen mit offenen Antwortmöglichkeiten bisher so hervorgebracht haben. Dann hätte er vielleicht aus dem Fall der Chuck-Norris-Brücke gelernt, die von Bratislava nach Niederösterreich führt und entgegen der Onlinemehrheitsmeinung im Jahr 2012 nun Fahrradbrücke der Freiheit heißt. Oder aus der Kläranlage im texanischen Austin, die nach einer Onlineumfrage vor fünf Jahren eigentlich Fred Durst Society of the Humanities and Arts heißen müsste, benannt nach dem Sänger der Band Limp Bizkit.