"Nervig und aufdringlich, aber erfolgreich", titelte die New York Times vor wenigen Tagen über Facebook Live, die Livestreaming-Funktion des sozialen Netzwerks. Seit Facebook im Dezember das Tool für US-Nutzer und ausgewählte Partner verfügbar machte, bekamen manche täglich mehrere Benachrichtigungen, dass gerade jemand eine mutmaßlich interessante Liveübertragung gestartet hat. So viel zu "nervig und aufdringlich".

Aber ist Facebook Live auch erfolgreich? Davon ist auszugehen, denn am heutigen Mittwoch wurde die Funktion noch einmal deutlich ausgebaut. Konnten bislang nur iOS-Nutzer aus der App heraus streamen, ist dies nun auch auf Android-Geräten möglich. Facebook Live bekommt künftig einen eigenen, prominenten Tab in den Apps; die Funktion soll den Nutzern nach und nach freigeschaltet werden. Dann ist es möglich, gezielt nach Übertragungen von Freunden oder von Persönlichkeiten und Medien zu suchen, denen man folgt.

Wer streamen möchte, kann dies künftig öffentlich für alle tun oder nur für einzelne Gruppen, etwa für Familienmitglieder oder einzelne Freunde. Die können auch gezielt zu aktuellen Streams von Dritten eingeladen werden. Übertragungen können live kommentiert oder mit den im vergangenen Herbst eingeführten Emojis versehen werden, die dann mit denen von anderen in Echtzeit über den Stream fliegen. Die Streamer selbst bekommen die Option, ihr Video mit Filtern zu versehen, weitere Funktionen sollen folgen.

Unternehmen, Medien und Künstler können zudem gezielte Streams für ihre Kunden, Leser oder Fans einrichten, wenn diese sich vorher angemeldet haben. So ist es etwa möglich, dass ein Musiker eine Auswahl seiner Fans vor einem Konzert mit auf eine exklusive Backstagetour nimmt. Vor dem Länderspiel gegen Italien hat der DFB Facebook Live genutzt, um einige Bilder vom Aufwärmen aus dem Stadioninnenraum ins Netz zu streamen. Neben einer klassischen Suche soll es demnächst auch eine Weltkarte geben, auf der laufende Übertragungen verortet sind – etwas, das auch für die Berichterstattung, etwa aus Krisengebieten, interessant sein dürfte.

Facebook will für Livestreams bezahlen

Da es weder Privatnutzern noch Unternehmen möglich ist, Livestreams auf Facebook mit Werbeflächen auszustatten (es gibt noch gar keine Werbung an dieser Stelle), fragten zunächst einige, weshalb sie überhaupt Zeit und Geld in dieses neue Format investieren sollten. Nun könnte es eine Antwort dafür geben. Wie Re/Code berichtet, wolle Facebook ausgewählte Partner künftig dafür bezahlen, Livestreams auf der Plattform anzubieten. Das könnte so aussehen, dass Unternehmen sich dafür verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Liveübertragungen pro Monat durchzuführen. Dafür bekommen sie eine Summe vorab überwiesen und werden später an den Werbeeinahmen beteiligt, wie es etwa auf YouTube funktioniert.

Schon vergangene Woche gab es Gerüchte, dass Facebook möglicherweise Prominente und Sportler bezahlen könnte, um die Live-Funktion zu nutzen. Es wäre eine neue Strategie für Facebook, das bislang vor allem darauf vertraute, dass die Nutzer neue Funktionen von sich aus verwenden. Nun versucht das Unternehmen angeblich, namhafte Partner mit Geld zu locken, um Facebook Live möglichst schnell möglichst populär zu machen. Was Medien angeht, stellt sich die Frage, ob Facebook nach seinen Instant Articles noch stärker ins Publishing-Geschäft einsteigen könnte und somit neue, auch finanzielle Abhängigkeiten entstehen.

Einige US-Publikationen scheinen jedenfalls schon nach der kurzen Testphase von Facebook Live überzeugt. Während des Super-Tuesday der US-Wahl experimentierte NPR mit Livevideos, die angeblich siebenmal so lange angesehen wurden wie traditionelle Videos. Interessant ist für Unternehmen vor allem die prominente Platzierung von Livestreams im Newsfeed der Nutzer sowie die Benachrichtigungsfunktion: Wer live geht, kann dies all seinen Followern per Push-Nachricht mitteilen. Es ist eine Möglichkeit, aus dem gewöhnlichen Newsfeed auszubrechen, eben weil Facebook das neue Feature so stark bewerben möchte.