Im Silicon Valley dürften einige Risikoinvestoren gerade nervös werden. Ihr Geschäftsmodell wird gerade disrupted. Normalerweise läuft das folgendermaßen: Ein paar aufgeregte Jungunternehmer legen ihnen zitternd einen Businessplan vor, wie sie Firmen oder ganze Branchen durch eine Softwarelösung ersetzen wollen. So wie Amazon es mit Buchläden gemacht hat, Airbnb mit Hotels und Uber mit Taxidiensten.
Sind die Investoren überzeugt, sagen sie, die Branche sei reif für die Disruption und geben ihr Geld gegen Geschäftsanteile am Start-up. Läuft dann alles wie geplant, sind die Firmenanteile der Investoren irgendwann wahnsinnig viel wert – während anderswo Leute auf der Straße stehen, weil ihre Jobs durch eine App ersetzt wurden.
Daher gehören die Risikokapitalgeber des Silicon Valleys zu
den mächtigsten Unternehmern der Welt, sie bestimmen die Richtung der Automatisierung.
Ihre Macht ist zudem äußerst konzentriert. Es gibt eine Straße, in der praktisch
alle wichtigen Risikokapitalgeber in hübschen kleinen Häuschen ihre Büros
betreiben, die
Sand Hill Road. Daher pilgern so viele deutsche Jungunternehmer dorthin. Sie
ziehen zum Geld.
Kapitalisten durch Code ersetzen
Eigentlich wäre das auch der Weg gewesen für die Brüder Christoph und Simon Jentzsch, zwei Programmierer aus der kleinen Universitätsstadt Mittweida in Mittelsachsen. Zusammen mit ihrem Londoner Partner, dem Fintech-Unternehmer Stephan Tual, bauen sie derzeit die Firma Slock.it auf. Slock.it soll eine Plattform für das Internet der Dinge werden, eine Art Airbnb für alles, mit dem sich im kommenden Zeitalter der totalen Vernetzung die ungenutzten Potenziale leerstehender Parkplätze, ungefahrener Autos oder ungenutzter Rechenkapazitäten vermarkten ließen. Die Universal-Sharing-Plattform.
Doch statt sich ins Valley aufzumachen und sich von Investoren vorschreiben zu lassen, wie sie zu arbeiten haben und wer letzten Endes den Profit einfährt, hatten die Gründer eine andere Idee. Sie wollten etwas Neues versuchen und die Kapitalisten durch Code ersetzen.
"Ich finde es nicht richtig, wie stark eine Handvoll Investoren die Entwicklung der Technologie bestimmt", sagt der 31-jährige Christoph Jentzsch. Jede starke Zentralisierung von Entscheidungsprozessen widerspreche seiner politischen Haltung. Also hätten er und seine Partner einfach eine Bauanleitung für eine vollelektronische, dezentrale Investmentfirma verfasst und online gestellt, als "ein soziales Experiment". Sie heißt DAO – Decentralized Autonomous Organisation.
DAO besteht nur aus Smart Contracts und einem E-Voting-System
Dabei hatten sich die drei ein Konzept der Wirtschaftstheorie zunutze gemacht, die Vertragstheorie. Laut der ist eine Firma nichts anderes als ein Netzwerk aus Verträgen, in denen Ziele, Befugnisse und Zeiträume definiert werden. Alles innerhalb der Firma wird durch sie gelenkt, von unten nach oben, ob Maschine oder Mensch. Jeder kennt Arbeitsverträge, die das Handeln der Mitarbeiter steuern sollen. Angestellte "exekutieren" vertraglich vorgegebene Aufgaben. Daher auch der englische Titel CEO – Chief Executive Officer.
Aus der Sicht von Programmierern lässt sich das meist relativ einfach als Programm formulieren, als eine Reihe von elektronischen Wenn-dann-Beziehungen. Smart Contracts heißen solche sich automatisch ausführenden Digitalverträge. In der Theorie sind sie objektiver als Manager, die gerne mal ihre eigenen Interessen über Firmenvorgaben stellen.
Im Fall der DAO ersannen die Slock.it-Gründer ein einfaches Prinzip: Zuerst können sich Interessierte in die Firma einkaufen, indem sie elektronische Token erwerben. So kommt Geld auf das Firmenkonto, also den Fonds. Die Token wiederum repräsentieren Stimmrechte. Nach einer vierwöchigen Tokenauktion zum erstmaligen Geldsammeln kann der digitale Investmentfonds entscheiden, wohin mit dem gesammelten Geld. Das bestimmen die Besitzer der Stimmrechte – in einer elektronischen Abstimmung, ähnlich dem E-Voting. Die DAO ist also im Kern eine Geldsammelmaschine plus Entscheidungsgremium.
Der große Unterschied zu einem normalen Investmentfonds aber ist nicht nur, dass hier anstelle von CEOs und Managern eine Art elektronische Aktionärsversammlung – auch wenn sich Christoph Jentzsch gegen dieses Wort wehrt – entscheidet, sondern vor allem, dass die Firma keinen physischen Sitz hat.
Ihre Adresse lautet: 0xbb9bc244d798123fde783fcc1c72d3bb8c189413.
Kommentare
Das Modell wird meiner Meinung nach scheitern, da weder Staaten noch die derzeit herrschenden Finanzeliten an einem durchsichtigen System haben.
Dann wird man schnell auf der Rechtmäßigkeit des Programms rumhacken und sich auf den Kompromiss einigen, dass das Programm mit jedem der Gesetze der Staaten übereinstimmen muss, in denen es betrieben wird.
Damit hat man deine derart unüberwindbare Hürde gelegt, dass es unmöglich wird das Projekt rechtskonform fortzuführen.
Gutmöglich, dass die Idee in kleinerem Umfang genutzt wird, im großen wird sie nie eine reale Chance auf Erfolg haben.
Nun, erstens hat diese nichtpersonale Firma bereits über 23.000 Teilhaber aus aller Welt. Und bis irgendwelche Minister sich rühren und Anwälte geklärt haben gegen wen sie den bitte klagen sollen und wollen, ist das DAO-DING, bzw. TheDAO und sein USN (Universal Sharing Network) existierende und funktionierende Realität und hat den Rest ausgehebelt. Man wird davon in Zukunft noch viel lesen, da bin ich mir sehr sicher.
Sorry, wir haben aber nicht den 1 April?
Jeder Vertriebler weiß, Geschäfte macht man nur mit Vertrauen. Wie soll das gehen?
Ich würde keine Cent geben.
Entscheiden tun Menschen, nicht Maschinen.
Wenn die Menschen kein Vertrauen in ein Investment haben,
wird auch nicht investiert.
Diesen Artikel habe ich, trotz DDR-Abitur, nicht verstanden.
Es ehrt Sie das zuzugeben. Fakt ist, dass der technologische Fortschritt so flott geworden ist, dass ein normaler Bürger ziemlich ratlos zurückbleibt, jedoch die meistens etwas betagteren Politiker überhaupt nichts mehr schnallen. Das wird noch Recht viel sozialen Zündstoff liefern in der Zukunft.
In etwas simplifizierter Form: Die Gründer haben eine virtuelle Investmentfirma geschaffen, die es nur im Netz gibt. Sie ist dezentral, d.h. nicht auf einem server lokalisiert, und daher auch nicht "abschaltbar", solange das internet online ist. Sie können in dieser Firma anonym Geld investieren und es ist extrem schwer, das nachzuverfolgen. Mit dem investieren erwerben Sie ein Stimmrecht, wo das Geld investiert werden sollte. Da es ist die Firma physisch jedoch nicht gibt und sie auch keinem gehört (es ist ja nur dezentraler code) hat sie auch keinen Sitz und ist damit momentan außerhalb jeder aktuellen Rechtsnorm. Spannend.
Ich habe jetzt nicht ganz verstanden: Sammelt DAO jetzt noch Geld für slock.it oder bereitet es sich schon darauf vor, uns alle zu töten?
Es sammelt bis morgen zum 28.5.16 noch Ether (die man mit Euro oder anderen Währungen kaufen kann) und dafür bekommt man sog. TheDAO Tokens, mit denen man 1. am Gewinn oder Verlust beteiligt ist
2. Projekte einreichen kann, die TheDao Realisieren soll
3. Token-anteilig stimmberechtigt ist, welche Projekte umgesetzt werden sollen
Und natürlich wird es manchen Leuten in den Zukunft den letzten Nerv töten, die vom alten Finanzsystem profitiert haben.
Es war für unsere Vorfahren, denen ein kurzes, arbeitsreiches Leben beschieden war, eine Utopie ohne Arbeit gut zu leben. Siehe Tischlein deck dich, Schlaraffenland,.. wir kommen diesen Utopien sukzessive näher und leben ja eigentlich jetzt schon im historisch beispiellosen Überfluss für die Masse der Menschen zumindest hierzulande.
Eine tolle Entwicklung - ja, wir müssen schauen, wie wir das gesellschaftlich organisieren. Erste Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt es dazu schon.
Aber nur weil wir vor einer Zäsur stehen und es schlicht nicht gewohnt sind, dass Menschen langfristig (fast) nicht mehr körperlich arbeiten müssen damit unser Wohlstand funktioniert, bin ich keinesfalls bereit diese Utopie aufzugeben.
Es ist auch im Sinne dieser "menschenlosen Unternehmen" dafür Lösungen zu finden, denn ein Unternehmen, das keine menschlichen Kunden mehr findet weil diese keine verfügbaren Einkommen haben, kann noch so geringe Kosten dank Automatisierung haben - es macht trotzdem keinen Umsatz. Diese Erkenntnis wird auf die eine oder andere Art selbst bei Marktradikalen durchsickern bzw. macht es ja schon teilweise, vgl. die jüngste Geldpolitik von FED und EZB und Vorschläge wie "Helikoptergeld".
Das bedingungslose Grundeinkommen hat viele Ziele. Die Abschaffung menschlicher Arbeit gehört unter Garantie nicht dazu.