Die konservativen Medien in den USA sind sauer auf Facebook. Alexander Marlow, Chefredakteur der Nachrichtenseite Breitbart, spricht von Diskriminierung "Millionen konservativer Menschen" auf Facebook und fordert Mark Zuckerberg auf, sich in einem Live-Interview zu rechtfertigen. Lautstark äußern sich auch viele Unterstützer der Republikaner auf Twitter. Sie sehen ihre Vermutungen bestätigt: Facebook filtert Meldungen zu Ereignissen und von bestimmten Quellen bewusst aus und beeinflusst somit die Nutzer.

Die Debatte angestoßen hatte ein Artikel des US-Onlineportals Gizmodo am Montag. Darin geht es um die in den USA verfügbaren Trending Topics, eine Sammlung von Links zu aktuellen Debatten und Ereignissen, vergleichbar etwa mit Google News. Ein ehemaliger, anonymer Facebook-Mitarbeiter sagte Gizmodo, die Inhalte seien nicht neutral ausgewählt. Unter anderem sollen Mitarbeiter dafür gesorgt haben, dass Nachrichten über konservative Politiker wie Mitt Romney und Rand Paul nicht als Trend auftauchten, obwohl die Facebook-Nutzer darüber diskutierten.

Bereits vergangene Woche veröffentlichte Gizmodo einen Artikel über die Arbeit der Nachrichtenkuratoren bei Facebook. Demnach sei für die Auswahl der Trending Topics bloß ein kleines Team von Journalisten verantwortlich. Sie bekommen von Facebooks Algorithmen Themen vorgeschlagen, die Nutzer auf der Plattform gerade diskutieren. Anschließend müssen sie entscheiden, ob es wirklich ein aktuelles Thema ist. Falls ja, setzen sie einen Link auf eine ausgewählte Nachrichtenseite und schreiben einen möglichst objektiven Teaser.

"Wir bestimmen, was trendet"

Genau diese Auswahl aber sei nicht neutral abgelaufen, sagt der anonyme Ex-Mitarbeiter. Je nachdem wer gerade Dienst hatte, seien einzelne Themen komplett ausgeschlossen worden. In anderen Fällen wurden keine konservativen Websites verlinkt, sondern gewartet, bis auch mutmaßlich liberalere Medien wie die New York Times über Themen berichteten. Zudem sei es vorgekommen, dass Themen in die Trendliste "injiziert" wurden, obwohl sie auf der Plattform gar nicht groß debattiert wurden. "Wir bestimmen, was trendet", zitiert Gizmodo eine weitere Quelle.

Facebook hat am Dienstag auf die Vorwürfe reagiert. In einem Blogbeitrag schreibt der verantwortliche Manager Tom Stocky, man nehme Vorwürfe der Befangenheit sehr ernst. Manipulationen seien gemäß interner Richtlinien verboten und sämtliche politische Ausrichtungen sollten auf der Plattform ähnlich behandelt werden. Stocky bestätigt, dass die Vorauswahl ein Algorithmus trifft und die Themen anschließend von einem Team überprüft werden, etwa ob es sich um Falschmeldungen oder Doppelungen handelt.

Stocky schreibt, es gebe keine Hinweise darauf, dass bestimmte Themen, Personen oder Ereignisse systematisch diskriminiert wurden. Die Aktionen der Mitarbeiter werden zunehmend protokolliert und Verstöße seien ein Kündigungsgrund. Ein dritter früherer Facebook-Mitarbeiter sagte im Gespräch mit dem Guardian, während seiner Zeit hätte er ebenfalls keine Manipulationen mitbekommen. Gegenüber Gizmodo bestätigte zumindest eine zweite Quelle, das Team der Trending Topics hätte eine gewisse Ablehnung gegenüber rechtskonservativen Nachrichten gehabt.

Facebook ist eine Nachrichtenquelle

Dass der Fall so stark diskutiert wird, illustriert den steigenden Einfluss von Facebook auf die Medienbranche. Eine Studie des Pew Research Center kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass 63 Prozent der Facebook-Nutzer das soziale Netzwerk als Nachrichtenquelle nutzen, in der Altersgruppe der Millennials ist Facebook sogar die erste Nachrichtenquelle. Allein in den USA hat das Netzwerk inzwischen weit mehr als 200 Millionen aktive Nutzer und eine Funktion wie die Trending Topics ist einer von mehreren Wegen, sie mit aktuellen Nachrichten zu versorgen.

"Es gibt längst eine starke Abhängigkeit zwischen sozialen und klassischen Medien", sagt Cornelius Puschmann vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Einerseits werden Artikel von Nachrichtenseiten auf Facebook gepostet und dort diskutiert. Andererseits schicken vielgeteilte Beiträge aber auch wieder mehr Besucher auf die Nachrichtenseiten. Prominent platzierte Links wie in den Trending Topics sind deshalb äußerst begehrt, aber sie werden auch argwöhnisch betrachtet.