"Es gibt immer Dinge, an denen man arbeiten kann, aber wenn sie zu groß werden, höre ich damit auf": So beschreibt Randall Munroe im Gespräch mit golem.de seine Arbeitsweise. Der Autor des Webcomics xkcd und der daraus hervorgegangenen Bücher What if? und Thing Explainer kann das angesichts seiner kreativen Leistungen aber nicht ernst meinen.

Seit fast zehn Jahren veröffentlicht der ehemalige Nasa-Robotiker regelmäßig dreimal in der Woche einen Comic und scheint dabei kaum Pausen oder gar Urlaube zu machen. Der studierte Physiker ist trotz seines großen Erfolges zurückhaltender als viele andere Autoren und tritt nur sehr selten in der Öffentlichkeit auf, zuletzt vergangene Woche auf der re:publica in Berlin.

Wahrscheinlich würden ihn auch nur wenige seiner Fans erkennen, wenn sie ihm begegnen. Seine Comics sind dafür viel persönlicher, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Was Munroe selbst bastelt, was ihn interessiert, was er oder seine Freunde erlebt haben, verarbeitet er zu den lustigen Bildern. Und die Comics, die er selbst als Kind gelesen hat, sind immer dabei.

Über sich selbst lachen

Ein typischer Munroe-Comic ist der zur Funktionsweise des Versionskontrollsystems Git. "Wie benutzen wir das?", fragt ein Strichmännchen. Ein anderes antwortet: "Keine Ahnung. Merk dir einfach diese Kommandozeilenbefehle und tippe sie ein, um deinen Code zu synchronisieren. Wenn du Fehler angezeigt kriegst, speichere deine Arbeit woanders, lösche das Projekt und lade dir eine neue Kopie runter." Genau so nutze er selbst Git, sagt Munroe – er habe nie gelernt, richtig damit umzugehen.

Zwar hätten sich nach der Veröffentlichung einige Leser gemeldet, die verärgert gewesen seien, dass er sich über Git lustig mache, erzählt Munroe. Aber viele seiner Leser seien durch diesen Comic sehr erleichtert gewesen. Denn die beschriebenen Probleme mit Git haben wohl viele Entwickler.

Gute Geschichten für seine Comics findet Munroe auch, wenn er selbst bastelt. Dazu zählt etwa ein Programm zur Auswertung aktueller Wetterdaten, um die Wahrscheinlichkeit für Gewitter zu bestimmen, die er dann per SMS gesendet bekommt. Während andere online über seine Arbeit diskutieren, bastelt der Zeichner lieber an einem seiner Python-Projekte.

Er habe eine Vielzahl solcher Projekte, die allesamt nicht stabil genug für eine Veröffentlichung seien, sagt er. Doch während derartige Spielereien für viele nur ein lustiger Zeitvertreib und Hobby sind, schöpft Munroe aus diesen alltäglichen Situationen einen großen Teil seiner Inspiration für die Comics.

"Tolle Informationen mit anderen teilen"

Was immer Munroe selbst gerade faszinierend findet, wird zu einem Comic. In einem Buch habe er etwa gelesen, dass 98 Prozent der Landsäugetiere Menschen oder domestizierte Tiere seien. Nur ein kleiner Bruchteil seien also Wildtiere. Das sei so faszinierend gewesen, dass er eine Grafik daraus angefertigt habe. Daran sei zwar nichts witzig, wie bei vielen anderen seiner Comics. Aber die Information einfach brillant.

Er wolle "tolle Informationen mit anderen teilen", sagt der Zeichner. Warum ihm das so viel Spaß bereitet, erklärt er mit einer Analogie: "Jeder fotografiert, aber wenn man die Bilder niemandem zeigen kann, ist das nicht cool." Sogar die Krebserkrankung seiner damaligen Freundin und jetzigen Frau hat er in seinen Comics verarbeitet. Er habe zu der Zeit einfach extrem viel wissenschaftliche Literatur über Krebs gelesen, erklärt er. Also habe er etwas dazu gezeichnet.

Wie die Dinge funktionieren, die ihn selbst interessieren, weiß Munroe. Was seine Leser und Freunde interessiert, hat er in Erfahrung gebracht und erklärt es in seinem Buch Thing Explainer – aber nur mit den 1.000 häufigsten Wörtern und oft mit einem völlig abseitigen Ergebnis. Auf diese Weise hat es der Autor sogar geschafft, dass einige der Schaubilder in Schulbüchern veröffentlicht werden sollen. Munroe freut sich. Als Schüler hatte er selbst ähnliche Bilder an seiner Zimmerwand hängen.

Die Schlichtheit ist Teil des Erfolgs von "xkcd"

Munroe ist bei der Auswahl der erklärten Sachverhalte nicht besonders wählerisch, sondern im Gegenteil "sehr flexibel", wie er sagt. Das ist auch gut in der Selbstdarstellung von xkcd zusammengefasst, der als "Webcomic über Romantik, Sarkasmus, Mathe und Sprache"beschrieben wird.

Zur Darstellung von Fakten übertreibt Munroe teilweise extrem mit seinen Erklärungen und Details. Zum Beispiel bei dem Periodensystem der Elemente in Thing Explainer, in dem jedes Element einzeln mit einem Comic illustriert ist und zusätzlich dazu noch Begleitinformationen geliefert werden. Das habe durchaus etwas zwanghaftes, bestätigt er. Allerdings längst nicht so zwanghaft wie die Arbeit von Zeichnern, die zum Beispiel "Tage gebraucht haben müssen, nur um die Linien ihrer Bilder zu kolorieren".

Munroes eigene Zeichnungen sind schwarz-weiß und schlicht. Meist bestehen sie nur aus sehr wenigen Bildern, oft sogar nur aus einem einzigen Panel. Eine der wenigen Ausnahmen ist sein bisher größtes Werk: Time. Es besteht aus mehr als 3.000 Einzelbildern, wie lange er dafür gebraucht hat, kann Munroe nicht mehr sagen.

Im Vergleich zu anderen Comics sind die Schlichtheit und der vollständige Verzicht auf Farbe ein klares Alleinstellungsmerkmal. "Manchmal machen es schlichte Dinge einfacher, sich in diese hineinzuversetzen und sich mit diesen zu identifizieren", sagt Munroe. Bewusst entschieden habe er sich für diesen Stil aber nicht. Es sei eben einfach, so zu zeichnen, und er sei damit aufgewachsen. Die Schlichtheit täuscht dabei über viele Details hinweg, die Munroe teilweise im Quellcode, in Fußnoten oder im Alt-Text der Comics versteckt. In einem Wiki diskutieren und analysieren seine Fans jeden neuen Strip.

Comictiere mit Eigenleben dienen als Vorlagen

Die Comics, die Munroe selbst als Kind wieder und wieder las, sind Teil seiner eigenen Arbeit geworden. Besonders geprägt haben Munroe Bill Wattersons Geschichten über Calvin und Hobbes, einen Jungen und seinen Stofftiger. Die Bücher mit den erstmals in Zeitungen veröffentlichten Comicstrips habe er immer wieder gelesen, einige davon so oft, dass die Einbände inzwischen komplett zerstört seien, erzählt Munroe. Mehr noch als die Art zu zeichnen scheinen die kritische Sicht Calvins auf die Erwachsenenwelt und der eher entspannte philosophische Umgang mit dem Leben des Tigers Hobbes Munroe stark geprägt zu haben. Auch der teils zynische und schwarze Humor der beiden Figuren findet sich in den Comics von xkcd wieder.

Auch The Far Side von Gary Larson hat Munroe geprägt. Er enthalte "sehr viele Biologie-Witze" und sei voll von "schrägen Dingen über Insekten und Tiere allgemein". Solche Details versuche auch er selbst immer wieder in seinen Comics zu verstecken.

Und dann natürlich noch Garfield. Warum die Comics über den dicken Kater nie im "Fiction-Teil" einer Zeitung erschienen sind, also nicht explizit als künstlerisches Werk gekennzeichnet waren, kann Munroe nicht verstehen. Der Zeichner stellt deshalb auch die rhetorische und nicht ernst gemeinte Frage, "ob die Geschichten deshalb wahr sind". Eine eindeutige Antwort darauf lässt sich auch bei den Comics von Munroe allzu oft nicht finden.