Nun gibt es in Deutschland während der Fußball-Europameisterschaft wahrlich keine Not an Männern in Stutzen und Trikots, jedenfalls nicht im Fernsehen. Alle EM-Spiele laufen im Free TV, und wer keine Lust auf den Kommentar von Steffen Simon und Packing-Analysen hat, kann im Livestream auf der Website der ARD gleich selbst die Regie übernehmen.

Mehr kostenlosen Fußball gibt es selten. Trotzdem florieren in Zeiten einer Fußball-EM auch die inoffiziellen Übertragungen im Internet. Die Anwälte der Uefa haben deshalb bereits vor dem Start des Turniers Warnungen an Blogs und Websites verschickt, die sich anschickten, die Spiele zu streamen, also das offizielle Fernsehbild im Internet weiterzuverbreiten. Viel gebracht hat es nicht; mit einer kurzen Google-Suche lassen sich zu jedem laufenden EM-Spiel zahlreiche illegale Streams finden.

Schön anzuschauen sind sie nicht. Die Qualität vieler kostenloser Streams (es gibt auch eine Szene, die hochwertigere Streams gegen Bezahlung anbietet und diese etwa über private Foren teilt) ist dürftig, sie stocken häufig und Bild und Kommentator kommen nicht selten aus Ländern, die bei der EM bereits nach der Gruppenphase ausscheiden. Trotzdem gibt es einschlägige Angebote bereits seit Jahren. Wenn kein großes Turnier ist, zeigen sie aktuelle Spiele aus der Bundesliga und anderen europäischen Ligen, US-Sport, Tennis und alles, was sonst häufig nur für Pay-TV-Abonnenten verfügbar ist. Besser pixeligen Sport als gar keinen, denken sich scheinbar viele Nutzer.

Schadsoftware auf jedem zweiten Stream

Für die Rechteinhaber, etwa den Pay-TV-Sender Sky, sind die illegalen Sportstreams schon länger ein Problem. Nicht nur gehen den Sendern wegen der unerlaubten Verbreitung der Inhalte im Netz potenzielle Kunden verloren. Es ist zudem schwierig, den Angeboten beizukommen, weil die Streams auf vielen verschiedenen Websites eingebunden sind und offizielle Beschwerden meist länger dauern als ein Spiel. "Diese Seiten sind der organisierten Kriminalität zuzurechnen und schädlich für unser Geschäftsmodell", sagt Sascha Tietz, verantwortlich für Anti-Piracy und Content Security von Sky.

Aber auch die Nutzer sind betroffen. Zwar ist es nach aktueller Rechtsauslegung nicht verboten, einen auf einer Website eingebundenen Stream anzugucken, solange die Nutzer ihn nicht selbst vervielfältigen. Unter Umständen zahlen sie aber mit ihrer Computersicherheit. Denn viele Seiten bieten ihren Besuchern nicht nur kostenloses Sportfernsehen, sondern auch kostenlose Schadsoftware. Das seit Jahren bekannte Problem bestätigt nun eine gemeinsame Studie der Katholischen Universität Löwen und der Stony Brook Universität in New York (Rafique et al, 2016).

"Bislang wurden Livestream-Angebote zumeist juristisch betrachtet", sagt der für die Studie verantwortliche Informatiker M. Zubair Rafique. Er und sein Team hätten nun die erste Studie veröffentlicht, die das Sicherheitsrisiko der Angebote quantifiziert. Insgesamt analysierten die Forscher 23.000 Websites auf mehr als 5.300 Domains, 830.000 Mal riefen sie dabei einzelne Streams ab. Ihr Ergebnis: Rund 50 Prozent aller untersuchten Seiten enthielten Schadsoftware.

Hinter Werbeanzeigen stecken getarnte Trojaner

Ein beliebtes Werkzeug der Anbieter sind dabei die sogenannten Overlays – Werbeanzeigen, die sich über den Stream legen. 93 Prozent aller untersuchten Streams nutzten diese Technik. Um das Bild zu sehen, müssen die Nutzer die Overlays zunächst wegklicken, was leichter gesagt ist als getan. In vielen Fällen suggeriert ein "X" die Schaltfläche zum Schließen. Tatsächlich aber führt ein Klick darauf zu neuen Pop-ups, auf Pornoseiten oder zum Download einer bestimmten Software oder einer Browser-Erweiterung, zum Beispiel eines gefälschten Flash-Players. Wer diese installiert, kann sich Viren oder Trojaner einfangen.

"Unerfahrenen Nutzern wird so der Glauben vermittelt, sie müssten eine neue Software installieren, um den Stream zu sehen", sagt Zubair Rafique. Das gelte nicht nur für Desktop-PCs, sondern zunehmend auch für mobile Browser: Einige Angebote leiten die Nutzer auf eine App weiter, mit der sie angeblich die Streams besser gucken können. Tatsächlich steckt dahinter aber bloß eine Software, um ihnen Werbeanzeigen auf dem Smartphone auszuspielen.

Selbst Besucher, die Adblocker nutzen, sind nicht völlig sicher. 16 Prozent der 1.000 beliebtesten Streamingseiten verwenden den Forschern zufolge Skripte, die zumindest einen Teil der Adblocker umgehen. Und in Einzelfällen konnten die Forscher Schadsoftware entdecken, die nicht von gängigen Virenscannern erkannt wurde. Besonders gefährdet seien vor allem die Browser Safari und Chrome, hier wurden die meisten Links auf Schadsoftware erkannt.

Die Streams kommen von organisierten Netzwerken

Zubair Rafique und seine Kollegen konnten nicht nur bestätigen, dass die meisten Streamingseiten regelrechte Malware-Schleudern sind. Ihre Untersuchung gibt auch einen tieferen Einblick in das organisierte System der Streamer.

Dies funktioniert folgendermaßen: Einzelne Streamer senden das TV-Bild von einem PC an einen Channel Provider. Dieser leitet das Bild über seine Medienserver und erstellt einen Embed-Code, damit der Stream auf einschlägigen Websites eingebunden werden kann. Bei diesen Websites handelt es sich um die sogenannten Aggregatoren: Sie sammeln die Streams verschiedener Provider und reichern diese mit den erwähnten Werbebannern und Overlays an. Die über die Klicks generierten Einnahmen werden letztlich zwischen Channel Provider und Aggregator geteilt.

Hinter diesem System stecken in den meisten Fällen keine Einzelpersonen, die mal eben ein Fußballspiel mit anderen Menschen teilen möchten, sondern wie im Fall von Film- und Serienstreamern organisierte Netzwerke. Sie mieten Channel Provider, arbeiten mit dubiosen Werbenetzwerken zusammen und beschäftigen Streamer in verschiedenen Ländern mit Zugriff auf möglichst viele verschiedene Fernsehsender und Sportveranstaltungen.

Fünf Unternehmen bestimmen die Szene

Wie die Forscher herausfanden, nutzen 60 Prozent aller untersuchten Streams die Medienserver von bloß fünf Unternehmen, die in Belize, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz registriert sind – allesamt Länder, die eine möglichst anonyme Internetnutzung erlauben. Mit zusätzlichen Proxy-, Bouncer- und Cloud-Diensten verschleiern sie ihren Standort und ihre Identität weiter. Eine Rückverfolgung ist für Behörden und Rechteinhaber somit äußerst schwierig. In der Vergangenheit gab es bloß einzelne Erfolge.

Um illegale Livestreams effektiver zu bekämpfen, müssen die Ermittler sie künftig schneller und einfacher identifizieren, sagt Zubair Rafique. Seine Studie soll einen Grundstein liefern. Die jetzigen, meist händisch gemeldeten Urheberrechtsverstöße reichten nicht aus, um dem organisierten Streamingmarkt ernsthaft zu schaden. Das sehen die Autoren des Filesharing-Blogs Torrentfreak ähnlich. Die jüngsten Bemühungen der Uefa, Streams von EM-Spielen zu bekämpfen, kommentierten sie wie folgt: "Es ist ein Spiel, das die Uefa nicht gewinnen kann."