Am 17. und 18. Juni werden Journalisten, Aktivisten, Künstler und Forscher auf der Konferenz Deep Cables in Berlin erklären, wie die physische Infrastruktur des Internets aussieht, was die Glasfaserkabel in den Ozeanen über Geopolitik aussagen und wie sich die so abstrakt wirkende Netzüberwachung physisch manifestiert.

Einer von ihnen ist der dänische Investigativjournalist Henrik Moltke. Zusammen mit der Oscar-Gewinnerin Laura Poitras (Citizenfour) und anderen hat der 40-Jährige aufgedeckt, welcher Internetprovider der NSA besonders bereitwillig bei der Überwachung half – und wo. Derzeit arbeitet Moltke mit Poitras an einem neuen Film zum Thema Überwachung.

ZEIT ONLINE: Ihr Motto lautet Follow the cables – was bedeutet das?

Henrik Moltke: Es ist eine Verballhornung des Spruchs follow the money aus dem Film Die Unbestechlichen über die Watergate-Affäre. Mein Thema ist die Massenüberwachung des Internets. Und ich hatte gewisse Erfolge beim Recherchieren, wenn ich physischen Spuren gefolgt bin. Jede Überwachung muss ja irgendwo stattfinden, jedes Datenpaket wird durch physische Schaltungen (Switches) und Orte geleitet.

ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals an einem dieser Orte einen physischen Beweis für die Internetüberwachung gefunden – irgendein Gerät zum Kabelanzapfen oder so?

Moltke: Nein, nicht persönlich, und das wird wahrscheinlich auch nie passieren. In den USA sind die entsprechenden Räume für so etwas standardisiert, sie heißen Scifs – Sensitive Compartmented Information Facility – und man bekommt niemals Zugang.

ZEIT ONLINE: Woher kommt dann Ihre Begeisterung für das Thema?

Moltke: Für mich hat alles mit Raum 641a angefangen, und mit dem Whistleblower Mark Klein ...

Room 641a bei AT&T in San Francisco, 2004

ZEIT ONLINE: … dem AT&T-Techniker, der 2006 zum Whistleblower wurde, als ihm klar wurde, dass die NSA einen geheimen Raum zur Überwachung des Internetverkehrs im Gebäude des US-Providers hatte.

Moltke: Nicht einmal er ist je in diesen Raum gelangt. Eigentlich will ich das auch selbst gar nicht. Das Mysterium der geheimen Räume ist interessanter, wenn man versucht, sie zu finden, als wenn es man es wirklich schafft. Mir hat mal jemand aus Versehen die Tür zu einem Raum aufgemacht, von dem ich glaube, dass er zur Überwachung genutzt wurde. Ich sah hinein und alles wirkte ganz gewöhnlich. Mit Kästen von Dell und IBM, ganz normale Computer, die einfach nur spezielle Dinge tun.

ZEIT ONLINE: Ist die Überwachungsinfrastruktur also einfach nur zu langweilig, als dass es sich lohnen würde, sie zu suchen? Oder ist sie wirklich so geheim und versteckt?

Moltke: Sie ist definitiv versteckt und sie sind das größte Geheimnis in den Snowden-Dokumenten. Die Namen der Unternehmen, die mit der NSA kooperieren, stehen da nicht einfach drin. Snowden hatte keinen Zugang zu Listen, in denen steht, wer wo wie mitmacht. Man muss es selbst herausfinden, indem man viele Daten vergleicht.

ZEIT ONLINE: Das haben Sie gemacht und so herausgefunden, dass AT&T ein besonders wichtiger Partner der NSA ist.

Moltke: Ja. Glenn Greenwald hatte es lange versucht, und mir ist es dann gelungen. Und zwar indem ich den physischen Spuren nachgegangen bin. Es gab einige, aber die klarste von allen war ein Erdbeben.

AT&T-Kabelstation in Manchester, Kalifornien © Henrik Moltke

ZEIT ONLINE: In den Snowden-Dokumenten findet sich ein interner NSA-Newsletter, in dem es heißt, die Datensammlung an einem transpazifischen Kabel habe fünf Monate nach dem Erdbeben in Japan am 11. März 2011 endlich wieder begonnen. Und das einzige Kabel, das nach Angaben der Japaner fünf Monate später repariert wurde, war eines, das auf US-Seite AT&T gehört.

Moltke: Da hatte ich es dann, ohne jeden Zweifel. Es war ein wirklich großartiger Moment.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn Sie einem Kabel folgen?

Moltke: Ich bin zum Beispiel vom Kabel TAT-14, das von Europa aus über den Atlantik führt, geradezu besessen. Ich durfte mal in eine der Stationen hinein, in denen es in Dänemark an Land kommt. Es war faszinierend, dieses kleine, aber insgesamt 7.000 Kilometer lange Kabel zu sehen, durch das 20 Prozent des europäischen Internetverkehrs laufen. Ich konnte hingehen und es anfassen.

Ein Taucher hilft, das WACS-Kabel an Land zu ziehen. © Andrew Blum

Als ich dann in die USA zog, bin ich mit als Erstes zu den Stellen gegangen, wo dieses Kabel ankommt. Es sind zwei Orte, Manasquan im Norden von New Jersey, Tuckerton im Süden. In Tuckerton ist es ein Haus, bei dem man als Verschwörungstheoretiker sofort denkt, man habe eine große Story entdeckt. Denn es wurde offensichtlich so gestaltet, dass es wie alle anderen Häuser dort aussieht. Wie eine Kulisse. Die Adresse ist 17 Cable Drive.

Hier in New York liegt die Internet-Infrastruktur direkt vor unseren Augen, aber manchmal verschwindet sie scheinbar. Sie ist so gebaut, dass sie unverdächtig wirkt. Aber es stecken interessante Geschichten dahinter. Zum Beispiel hat Google hier vor ein paar Jahren einen der teuersten Immobiliendeals der Stadtgeschichte abgeschlossen. Das Unternehmen hat das Gebäude der Hafenbehörde gekauft. Dort kommen die ganzen Kabel des Tier-1-Providers Level 3 an Land. Es dürfte einer der größten physischen Orte des Internets sein, aber kaum jemand weiß davon.

ZEIT ONLINE: Man kann aber wahrscheinlich auch nicht einfach hingehen und das Internet "besuchen".

Moltke: Nein, definitiv nicht. Das ist nicht nur in New York so. Auch beim Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main zum Beispiel sind die Betreiber seit den Snowden-Enthüllungen nicht mehr so offen für Besucher wie früher. Aber selbst wenn man in all diese Einrichtungen hinein dürfte, würde man die exakten Stellen, an denen Geheimdienste Daten ausleiten, nicht finden. Manchmal wissen nicht einmal die Provider, wo das passiert. In den Snowden-Dokumenten heißt es, dass Equipment oft umbenannt und verkleidet wird. Also weiß wahrscheinlich selbst AT&T als einer der bereitwilligsten NSA-Helfer nicht alles, was in seinen Räumen geschieht.