Für Gelegenheiten wie diese wurde die Feststelltaste wohl erfunden: "WE WON A NEW TRIAL FOR ADNAN SYED!!!", schrieb der Anwalt Justin Brown am Donnerstagabend auf Twitter. Ein neues Verfahren für wen? Für die unfreiwillige Hauptfigur des Podcasts Serial.

Adnan Syed wurde vor 16 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er seine Ex-Freundin, die damals 18-jährige Hae Min Lee ermordet haben soll. Doch die Journalistin Sarah Koenig entdeckte Ungereimtheiten, die sie nach und nach in ihrem Podcast aufzudecken versuchte. Serial wurde zum Hit, zum meistgehörten Podcast überhaupt. Die zwölf Episoden der ersten Staffel wurden mehr als 80 Millionen Mal heruntergeladen.

Und nun vermeldete Brown, sein Klient bekomme einen neuen Prozess, in dem jene Ungereimtheiten, über die Koenig berichtete und die in der Folge viele Menschen zu eigenen Recherchen verleitete, zur Sprache kommen würden. Möglicherweise wird Syed freigesprochen, nachdem er rund die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hat.

"Das Gericht hat den Podcast nicht gehört"

Wie groß der Einfluss von Serial auf die Entscheidung des Richters Martin Welch war, den Fall neu aufzurollen, lässt sich nur erahnen. Offiziell spielte Serial überhaupt keine Rolle. Zwar schreibt Welch in seiner Entscheidung: "Dieser Fall repräsentiert eine einmalige Verbindung von Justizsystem und einem phänomenal ausgeprägten öffentlichen Interesse, das durch moderne Medien ausgelöst wurde. Die Beteiligten haben immer wieder versucht, die Aufmerksamkeit des Gerichts auf den Podcast Serial zu lenken (...)." Doch dann fährt er fort: "Das Gericht hat den Podcast nicht gehört, weil er nicht Teil des Beweismaterials ist."

Welch begründet seine Entscheidung, den Fall neu aufrollen zu lassen, so: Erstens sei eine Zeugin, die Syed hätte entlasten können, nie vor Gericht angehört worden. Das war ein Versäumnis der 2004 verstorbenen Verteidigerin Syeds. Zweitens hatte die Anklage Funkzellendaten von Syeds Handy benutzt, um nachzuweisen, dass sich Syed dort aufgehalten haben soll, wo die Leiche des Opfers versteckt wurde. Doch in diesem Fall taugen die verwendeten Daten nicht als Beweismaterial, wie der Provider AT&T in einem Fax vermerkt hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte den Hinweis jedoch verschwiegen.

Und hier ist der Einfluss der von Welch erwähnten "modernen Medien" dann doch entscheidend: Dass dieses Fax überhaupt existiert, hatte die Anwältin Susan Simpson in ihrem Serial-Spin-off mit dem Titel Undisclosed aufgedeckt. Sie produziert den Podcast zusammen mit Rabia Chaudry, einer Freundin der Syed-Familie. Chaudry wiederum war es, die Sarah Koenig überhaupt erst auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Serial und Undisclosed sind also in mehrfacher Hinsicht miteinander verbunden. Und sie sind offenbar nicht ganz so unwichtig für die Entscheidung von Richter Welch, wie dieser es darstellt.

Die Ankläger haben nun 30 Tage Zeit, gegen die Entscheidung Einspruch zu erheben. Staatsanwalt Thiru Vignarajah hat bereits erklärt, seine Einschätzung des Falls habe sich nicht geändert, auch wenn er wisse, dass sie "nicht populär" sei.