Ob die türkischen Putschisten Coup d'État – A Practical Handbook gelesen haben, ist nicht bekannt. Aber es ist zumindest ein Standardwerk. Der Politikwissenschaftler Edward N. Luttwak hat das Handbuch für politische Umstürze schon vor Jahrzehnten geschrieben. Falls die Aufständischen es doch auf ihrer Literaturliste hatten, dann wohl die veraltete Ausgabe von 1968. Es ist die ohne Internet. Wie wichtig es ist, während eines Putschversuchs neben den traditionellen Medien auch Internetprovider und soziale Medien zu kontrollieren, steht erst in der im April 2016 veröffentlichten überarbeiteten Fassung.

Welche Rolle das Netz während des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei spielte, hat Zeynep Tufekci in der New York Times beschrieben. Die in der Türkei geborene Soziologin lehrt an der Universität von North Carolina, außerdem ist sie Fellow am Berkman Center for Internet and Society in Harvard. Am Tag des versuchten Umsturzes war sie in Antalya und in den frühen Morgenstunden fiel ihr auf, dass ihr türkischer, der Regierung nahestehender Mobilfunkanbieter ihr monatliches Datenvolumen erhöht hatte. Genauer: Das Datenvolumen aller Kunden.

Erdoğans unerwarteter Schachzug: Mehr Internet wagen

In einem Land, in dem die Regierung in Krisenzeiten Internetverbindungen oft drosseln und soziale Netzwerke blockieren lässt, war das ungewöhnlich. Die eigentlich erwartete Sperre von Facebook, Twitter und YouTube für türkische Nutzer hatte es etwa laut Antizensur-Aktivisten zwar früh gegeben, aber die TIB, die zuständige Abteilung der Kommunikationsbehörde, hatte sie schnell wieder aufheben lassen.

Sein ungewohnter – und bereits wieder zurückgenommener – Ansatz "Mehr Internet wagen" half dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf mehreren Ebenen: Er selbst konnte eine Verbindung zum iPhone einer Moderatorin im Studio von CNN-Türk aufbauen und per FaceTime-Videochat sowie später auch über Twitter die Bevölkerung zum Widerstand aufrufen. Die wiederum konnte sich über WhatsApp und Twitter binnen kürzester Zeit koordinieren und mobilisieren, nicht zuletzt mithilfe von Selfies, die sie vor den Panzern der Putschisten zeigten.

Zudem hatten auch jene Journalisten Zugang zum Netz, die als regierungskritisch gelten. Ihre unabhängigen Berichte halfen der Bevölkerung, die Lage realistisch einzuschätzen, schreibt Tufekci. Und schließlich nutzten viele Bürger die Tools von Facebook und Twitter zum Livestreaming. Einige Abgeordnete übertrugen sogar, wie sie im Parlamentsgebäude ausharrten, als dieses unter Beschuss der Putschisten geriet.

"Der FaceTime-Anruf war der Anfang vom Ende"

Es sei ein Fehler der Putschisten gewesen, nicht auch die türkischen Internetprovider unter ihre Kontrolle gebracht zu haben, schreibt ein Sicherheitsforscher, der unter dem Pseudonym The Grugq auftritt, auf Medium.com. The Grugq beschäftigt sich mit Operations Security (Opsec), Kommunikationssicherheit, Spionage sowie den Kommunikationsstrategien von Terroristen.

Es wäre wichtig gewesen, schreibt er, die türkische Führung festzusetzen und ihr die Möglichkeit zu nehmen, eine Gegenerzählung zu verbreiten und den Widerstand zu organisieren: "Ein Putsch war erfolgreich, wenn die Bevölkerung glaubt, dass er erfolgreich war. Der FaceTime-Anruf von Erdoğan mit seinem Aufruf zum aktiven Widerstand und die Videos von Bürgern, die sich erfolgreich den Panzern entgegenstellen, waren der Anfang vom Ende".

In Anlehnung an Luttwaks Umsturz-Handbuch empfiehlt The Grugq nun vier Vorgehensweisen für Putschisten im Internetzeitalter:

  • Erstens die Stromversorgung unterbrechen, zumal in einer Stadt, in der Nachrichten und Aufrufe der Regierung auch über die Lautsprecher von Moscheen verbreitet werden,
  • zweitens die Staatsführung umgehend neutralisieren,
  • drittens zumindest eine politische Partei auf seiner Seite haben,
  • viertens neben allen Fernsehsendern auch die Telefon- und Internetprovider unter Kontrolle bringen.

Allerdings benötigten die militärischen Anführer des versuchten Staatsstreichs selbst einen Internetzugang. Türkischen Medien zufolge koordinierten sie sich permanent über WhatsApp.