Nur weil Sie ein Gerät gekauft und bezahlt haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie damit tun können, was Sie wollen. Die Besitzer eines handelsüblichen Smartphones merken das spätestens, wenn sie versuchen, Anwendungen aus einem inoffiziellen App-Store zu installieren. Die Hersteller wollen ihre Ökosysteme und Geschäftsmodelle aus Hard- und Software schützen und machen die Installation solcher Apps schwierig bis unmöglich. Mitunter ist die Weigerung von Herstellern, ihren Kunden volle Kontrolle über ihre Geräte zu geben, aber weit perfider. HP liefert gerade ein Beispiel.

In diesem Fall geht es um einen nachträglichen Kontrollentzug: Verschiedene Tintenstrahldrucker von HP akzeptieren plötzlich keine Tintenpatronen anderer Anbieter mehr. Seit dem 13. September geben sie stattdessen eine Fehlermeldung aus, laut der die Patrone fehlerhaft oder veraltet sei. Bemerkt haben das zahlreiche Kunden von 123ink, einem niederländischen Unternehmen, das eigene Tintenpatronen unter anderem für HP-Drucker verkauft, die weniger kosten als die Originalpatronen.

123ink testete seine Patronen, stellte aber schnell fest: Das Problem liegt in den Druckern. HP jedoch, so beschreiben es die Niederländer, erklärte in einer ersten Reaktion, nichts davon zu wissen. Einen Tag später habe HP dann mitgeteilt, die Blockade der alternativen Tintenpatronen sei die unbeabsichtigte Folge eines Firmware-Updates der betroffenen Drucker.

HP will sein "geistiges Eigentum" schützen

Als nun Golem.de und die britische BBC nachhakten, war von "unbeabsichtigten Folgen" keine Rede mehr. Stattdessen erklärte HP, seit Ende 2015 seien die HP-Druckermodelle Office Jet, Office Jet Pro und Office Jet Pro X so umgestellt worden, dass sie nur noch mit Patronen kommunizieren, die einen "Original-HP-Sicherheitschip" haben. Das können neue oder wiederaufgefüllte Patronen sein – wichtig ist nur der Chip.

Im Statement des Unternehmens hieß es: "Andere Tintenpatronen funktionieren möglicherweise nicht. In vielen Fällen war diese Funktion bereits auf dem Drucker installiert, in manchen Fällen wurde sie im Rahmen eines Firmware-Updates installiert."HP wolle so sein "innovatives Produktangebot sowie geistiges Eigentum schützen". Oder vielleicht auch nur sein einträgliches Geschäft mit Tintenpatronen.

Firmware, die sich wie Malware benimmt

Innovativ scheint zumindest die Firmware zu sein. Das letzte Update für die betroffenen Drucker erschien den Recherchen von 123ink zufolge im März 2016, HP hat das bisher weder bestätigt noch dementiert. Die Blockade von Drittanbieterpatronen wurde aber erst jetzt wirksam. Solche Verzögerungen kennt man bisher vor allem von Malware: Deren Entwickler wollen den Zeitpunkt der Infektion eines Systems und damit den Zusammenhang zum Beispiel mit einem Software-Update verschleiern.

Von einer "Zeitbombe" spricht deshalb der Netzaktivist Cory Doctorow. "Wenn alles, was Software beinhaltet, gegen unseren Willen und unsere Interessen ferngesteuert werden kann", schreibt er, "dann haben wir das persönliches Eigentum abgeschafft, für ein neu-feudales System, in dem alles auf ewig den Unternehmen gehört." Zu beobachten sei das schon jetzt unter anderem bei Herzschrittmachern, Insulinpumpen, Thermostaten, Alarmanlagen, Autos und Wahlcomputern.

HP hat sich auf Nachfragen von ZEIT ONLINE unter anderem zur zeitverzögerten Aktivierung der Patronen-Blockade bisher nicht geäußert. Wir werden diesen Artikel gegebenenfalls entsprechend aktualisieren.

Ein "Recht auf Tüfteln" soll Eigentümern die Kontrolle über ihre Geräte garantieren

DRM heißt die Abkürzung für derlei Beschränkungen: Digitales Rechtemanagement, auch Digitale Rechtverwaltung genannt. Oder Digitale Rechteminderung. So nennt es Matthias Kirschner von der Free Software Foundation Europe (FSFE). Die Organisation kämpft seit Jahren gegen die derzeitigen Ausprägungen von DRM und die mitunter absurden Folgen. "Mit solcher Digitaler Rechteminderung werden Menschen digital enteignet", sagt Kirschner. "Sie sind nicht mehr Eigentümer ihrer eigenen Geräte und Daten."

Ein Beispiel von trauriger Berühmtheit lieferte Amazon im Jahr 2009, als es ausgerechnet die E-Book-Ausgabe von Orwells 1984 von den Kindle-Lesegeräten Hunderter Kunden aus der Ferne löschte. Noch heute, darauf weist Kirschner hin, schränken Amazon und andere ein, "wie und ob elektronische Bücher verliehen, verkauft oder auszugsweise – zum Beispiel für Bildungszwecke – kopiert werden können".

DRM werde immer tiefer verankert, sagt er. Mittlerweile sei die Technik "unterhalb des Betriebssystems" auch auf Computern zu finden, in Form von Secure Boot und TPM 2.0, dem neuen Standard für das sogenannte Trusted Computing: "Eigentlich kann man damit eine Vertrauenskette herstellen: Die Eigentümer eines Gerätes bestimmen, welches Betriebssystem auf der Hardware starten darf. Dieses legt fest, welche Anwendungen darauf laufen und was diese tun darf. Allerdings kann die gleiche Technik auch gegen die Eigentümer verwendet werden – wenn nämlich die Hersteller alle diese Entscheidungen treffen." Aus Secure Boot werde dann "Zensur Boot".

Um das zu verhindern, fordern die FSFE, die Digitale Gesellschaft und andere Bürgerrechtler ein "Recht auf Tüfteln", "um zu gewährleisten, dass Geräteeigentümer die Kontrolle über ihre eigene Technologie haben". DRM-Techniken, "die mit diesem Recht in Konflikt stehen", müssten "gesetzlich eingeschränkt werden".