Superlative sind gefährlich. Amazon, das nach eigenen Angaben "kundenorientierteste Unternehmen der Welt", erfährt das in diesen Tagen. ProPublica hat den Shopping-Algorithmus des Unternehmens untersucht und kommt zu dem Schluss, dass Amazon seinen Nutzern nicht immer den für sie günstigsten Deal empfiehlt, sondern häufig einen, von dem es in erster Linie selbst profitiert.

Die Journalisten der Non-Profit-Organisation ProPublica haben für ihre Untersuchung eine Liste von 250 beliebten Produkten zusammengestellt, die auf Amazon.com verkauft werden – nicht nur von Amazon selbst, sondern auch von anderen Anbietern. Sie beobachteten und verglichen die verschiedenen Angebote mit einer eigens entwickelten Software über einen Zeitraum von mehreren Monaten, um herauszufinden, ob Amazon seinen Nutzern immer das aktuell beste in der Box oben rechts auf der Website anzeigt. Diese Box, das "Einkaufswagenfeld", ist abgesetzt von den Angeboten anderer Verkäufer, weshalb die meisten Amazon-Käufer laut ProPublica das darin prominent herausgestellte Produkt per Klick in ihren Einkaufswagen legen.

Das Ergebnis: In knapp drei von vier Fällen platzierte Amazon das eigene Angebot in der Box, oder das eines Anbieters, der Amazon bezahlt hat – selbst wenn andere das gleiche Produkt deutlich günstiger offerierten.

Amazons dürftige Erklärung

Zwar listet Amazon die verschiedenen Anbieter untereinander zum Vergleich. Doch auch dort verschafft sich das Unternehmen einen Vorteil, indem es die Versandkosten für seine eigenen Angebote und die seiner zahlenden Partner nicht anzeigt. Der beste Deal ist das für die Kunden oft nur dann, wenn sie Mitglieder bei Amazon Prime sind und daher generell keine Versandgebühren zahlen müssen, oder wenn der Einkaufswert so hoch ist, dass die Gebühren entfallen.

Amazon selbst erklärt, seine Sortieralgorithmen seien für genau diese Fälle entworfen. Schließlich "kann" dank Prime und dem Erlass der Versandgebühren bei Bestellungen über 49 US-Dollar "die große Mehrheit aller bestellten Produkte – nämlich neun von zehn – kostenlos verschickt werden". Warum Amazon nicht alle Versandkosten ausweist, wollte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage von ProPublica nicht sagen.

Abkehr von alten Versprechen

Die Prime-Mitgliedschaft kostet in den USA 99 Dollar im Jahr, in Deutschland 49 Euro. Wer kein Mitglied ist oder häufig Waren für weniger als 49 Dollar beziehungsweise 29 Euro bestellt, wird von Amazons Algorithmus mitunter auf Angebote zu seinem Nachteil und zu Amazons Vorteil gelockt. Laut ProPublica würde ein Nicht-Prime-Mitglied fast 20 Prozent mehr zahlen, wenn es alle 250 untersuchten Produkte wie von Amazon empfohlen kaufen würde, statt selbst Angebote zu vergleichen.

2007 hatte Amazon-CEO Jeff Bezos noch gesagt, seine "sehr objektiven, kundenorientierten Algorithmen" würden automatisch das günstigste Angebot in das Einkaufswagenfeld legen. Das ist offensichtlich nicht mehr der Fall.

Amazon-Kunden werden nun sanft zur Prime-Mitgliedschaft gedrängt. Und Drittanbieter, die ihre Waren über Amazon verkaufen wollen, werden dazu getrieben, dem kostenpflichtigen Programm "Versand durch Amazon" beizutreten, weil das die Chance steigert, im wichtigen Einkaufswagenfeld zu landen.