Der Elternabend im Klassenraum hat gerade angefangen, da springt auf dem Smartboard der Bildschirmschoner an. Ein schaukelnder Windows-Schriftzug. Irritierte Blicke einiger Eltern: Müssen die Kinder da etwa jeden Tag draufgucken? Sie wisse leider nicht, wie sich das abstellen lässt, erwidert die Lehrerin entschuldigend. 30 Sekunden später ist das Problem gelöst, ein Papa kennt sich mit der Windows-Systemsteuerung aus.

Deutschland, das Land von Schwamm und Kreide. Immer noch. Wer die Schullandschaft betrachtet, dem bietet sich ein äußerst heterogenes Bild. Einerseits gibt es ambitionierte Projekte wie den Calliope mini, eine Platine, mit der schon Drittklässler die Grundzüge von Computertechnik erlenen sollen, und es gibt Schulen, die über moderne Räume mit Laptops, Beamern und WLAN verfügen. Andererseits, manchmal nur ein paar Straßenzüge weiter, können manche weiterführende Schulen ihren Schülern nur in wenigen Fachräumen digitale Geräte und einen Internetzugang zur Verfügung stellen. Und es gibt Schulen auf dem Land, die von 50 MBit/s nur träumen können. Selbst folgende Anekdote wird kolportiert: Dass in manchen Bundesländern die Smartboards, die im Zuge irgendwelcher Konjunkturpakete mal angeschafft wurden, immer noch unausgepackt im Keller stehen. Weil niemand weiß, wie man sie installiert.

Dabei sind Leitbild und Maßnahmenkatalog theoretisch seit Langem bekannt. Schon 1994 forderte ein Expertenbündnis in einem damals breitrezipierten Berliner Memorandum, dass deutsche Schulen endlich (!) im Computerzeitalter ankommen müssten. 21 Jahre später, im Juli 2015, stimmte der Bundestag dem Antrag "Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden" zu. Kein Gesetz zwar, aber immerhin ein Impuls, der dem Thema neuen Schwung verleihen soll. Von verstärkter Bund-Länder-Zusammenarbeit ist darin die Rede, von der Bereitstellung dringend benötigter Infrastruktur, von der Reformierung der pädagogischen Ausbildung und der Schaffung neuer Fortbildungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer.

Der Haken an Wankas Plan

Seit dieser Woche liegt nun auch ein Plan der Bundesregierung auf dem Tisch. Am Mittwoch stellte Bundesbildungsministerien Johanna Wanka in Berlin ihre Bildungsinitiative für die digitale Wissensgesellschaft vor. Über einen Zeitraum von fünf Jahren will der Bund rund fünf Milliarden Euro ausgeben, um 40.000 Grundschulen, weiterführende Schulen und Berufsschulen im Land mit "Breitbandanbindung, WLAN und Geräten" zu versorgen. Allerdings nur, wenn die Länder mitziehen. Sie sollen sich verpflichten, "digitale Bildung zu realisieren – durch die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte, die Umgestaltung der Lehreraus- und -fortbildung und die Unterstützung der notwendigen Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern. Sie verpflichten sich ferner auf […] die Sicherstellung von Wartung und Betrieb der digitalen Infrastruktur", heißt es in Wankas Strategiepapier.

Wir kaufen ein, ihr kümmert euch um den Rest, bedeutet das im Klartext. Doch genau hinter diesem vermeintlichen Rest verbirgt sich die eigentliche Großbaustelle. Seit Jahren ringen Länder, Kommunen und Schulträger um die Frage, wie digitale Bildung nachhaltig in die Schulen implementiert werden soll. Erst Technik anschaffen, dann Lehrer fortbilden, dann Unterrichtsmethoden und -inhalte entwickeln, dann pädagogische Studiengänge reformieren? Oder umgekehrt? Und wer bezahlt das alles?

Gefährliche WLAN-Strahlung!

Dass Deutschland schleppend vorankommt, liegt aber nicht nur an der leidigen Finanzierungsfrage und den klammen Kassen der Kommunen. Im Bildungssektor toben hitzige Grundsatzdebatten, oft sind die Fronten verhärtet. Die einen wollen OER durchsetzen, also freie Unterrichtsmaterialien, die von Lehrern entwickelt werden; andere wollen Eltern bei der Geräteanschaffung stärker in die Pflicht nehmen. Es gibt Fortbildungsbefürworter und -gegner, Cloud-Fans und -Skeptiker, sogar beim Thema WLAN im Klassenzimmer (harmlos versus gefährliche Strahlung) scheiden sich die Geister. Auch die Rolle, die die Wirtschaft spielen sollte – die Stichworte heißen hier Public-Private-Partnerschaften, Drittmittel, Sponsoring – ist alles andere als klar.

Das Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI), das mit der Technischen Universität (TU) Berlin kooperiert, hat nun erstmals versucht, den Stand der Diskussion in aller Breite abzubilden. Dazu wurden 54 Fachleute befragt, Stakeholder aus dem Bereich Politik, Wirtschaft und Bildung. Die Studie richtet sich hauptsächlich an ein Fachpublikum, versteht sich aber auch als lange fällige Übersicht. Worum geht’s überhaupt, was sind die größten Streitpunkte und Schwierigkeiten? Die Interviewten, die anonym Auskunft gaben, arbeiten an entscheidenden Stellen in Landesbildungsministerien, für Verbände oder Stiftungen, sie lehren an Universitäten oder führen Unternehmen. Die Anonymität sollte ihnen ermöglichen, offen zu sprechen statt weichgespülte, ausgewogenen Statements abzuliefern.

Und so finden sich in der Studie, die am heutigen Donnerstag veröffentlicht wurde, ziemlich unverblümte Einschätzungen. Einen "Pakt" zwischen Bund und Ländern, wie ihn Ministerin Wanka anregt, lehnt die Mehrheit ab: "Solche Allianzen sind immer Alibiveranstaltungen", sagt ein Befragter. Ein anderer ergänzt: "Man kann sich als negatives Beispiel die Initiative D21 oder das Bündnis für Bildung ansehen, da passiert auch nichts." Der Pakt sei bestenfalls eine Notlösung, um das sogenannte Kooperationsverbot, das es dem Bund verbietet, sich überhaupt in Schulbelange einzumischen, zu umgehen. Viele Befragte halten auch das föderale System für extrem kontraproduktiv. "Wir haben so viele Angebote separat in jedem Bundesland. Wir könnten viele Ressourcen sparen, wenn wir Dinge gemeinsam voranbringen," sagt ein Teilnehmer. So aber muss das Rad nicht einmal, sondern 16-mal neu erfunden werden.