Die vielleicht größtmögliche Umwälzung des deutschen Schulsystems passt in eine Hand. Sie heißt Calliope mini. Es handelt sich um einen Kleinstcomputer auf einer Platine, mit dem alle, wirklich alle Kinder in Deutschland schon in der Grundschule lernen sollen, wie IT funktioniert. Das ist der ambitionierte Plan des Kölner Unternehmers Stephan Noller, und er ist damit schon erstaunlich weit.

Auf dem nationalen IT-Gipfel am 16. November werden Noller, der auch im Beirat Junge Digitale Wirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums sitzt, und seine Mitstreiter der gemeinnützigen Calliope gGmbH das Projekt der Öffentlichkeit vorstellen. Und das Saarland als Gastgeber des diesjährigen IT-Gipfels wird bekannt geben, dass es schon im kommenden Jahr für jeden Drittklässler einen Calliope mini bereitstellen wird. Weitere Bundesländer, darunter Bremen, sind in Gesprächen mit den Projektleitern oder haben zumindest Interesse bekundet.

Digitalkunde als Pflichtfach ab der ersten, spätestens ab der dritten Klasse – für Noller ist das zwingend nötig, um die kommenden Generationen auf die digitale Gesellschaft vorzubereiten. Die Idee, Schülern einen Minicomputer zu geben, damit sie damit lernen, wie Schaltungen, Software und Sensoren funktionieren, ist nicht neu. In Großbritannien etwa wird es schon so gemacht. Seit dem Frühjahr bekommen alle Siebtklässler dort den micro:bit ausgehändigt, eine von der BBC entwickelte Platine, die dem Calliope mini sehr ähnlich sieht. "Davon haben wir uns inspiriert gefühlt", sagt Noller. Die Idee zum deutschen "Bildungsboard" sei aber bereits Ende 2014 entstanden. 

Computer verstehen, nicht nur bedienen können

Neben Noller, der mehrere Internetunternehmen gegründet hat, gehören die Design-Professorin und ehrenamtliche Internetbotschafterin der Bundesregierung Gesche Joost, der Bonner Netzpolitiker Maxim Loick sowie die Gründer des Lern-App-Anbieters Urbn Pockets zur Calliope gGmbH. "Unser Anspruch ist, dass jeder Schüler und jede Schülerin in der dritten Klasse in Deutschland so ein Ding in die Hände bekommt", sagt Noller. "Es soll nicht irgendein Leuchtturmprojekt in Berlin-Wedding werden, sondern wir wollen in die Fläche – und zwar jedes Jahr von Neuem."

Bis aus einer solchen Idee etwas Greifbares, geschweige denn ein Standard in deutschen Lehrplänen wird, müssen viele Widerstände überwunden werden, handfeste wie mentale. Die Platinen müssen entwickelt, finanziert, produziert, konfiguriert und an den Schulen verteilt werden. Die Lehrer brauchen gutes Schulungsmaterial und vor allem die nötige Zeit, Bereitschaft und Offenheit, um sich selbst einarbeiten und ihr Wissen dann weitergeben zu können. Dafür wiederum braucht es Platz im Lehrplan.

Grundsätzlich dürften viele Lehrer dazu bereit sein. Laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom vom Januar würde fast jeder zweite Lehrer gerne öfter digitale Medien im Unterricht einsetzen (befragt wurden 505 Lehrer der Sekundarstufe, aber keine Grundschullehrer). Häufig scheitert das aber an fehlenden Geräten. Vier von fünf Lehrern wünschen sich zudem eine entsprechende Weiterbildung.

Heutige Grundschüler werden auf einen völlig neuen Arbeitsmarkt treffen

Für Noller ist das alles alternativlos. Die deutsche Wirtschaft hat schon jetzt Mühe, genug IT-Experten zu finden. Konsumenten werden zunehmend mit Algorithmen, Automaten und vernetzten Alltagsgegenständen konfrontiert, von denen jeder einzelne eine black box ist. Etwas, das sie bestenfalls bedienen und benutzen können, aber nicht mal mehr ansatzweise verstehen. Und die absehbaren, teils schon jetzt stattfindenden Umwälzungen in der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz werden die Gesellschaft noch vor ganz andere Herausforderungen stellen. Diese neue Arbeitswelt mag noch ein paar Jahre entfernt sein, aber sie wird spätestens jene Kinder betreffen, die jetzt eingeschult werden.

"Die Auswirkungen sind dramatisch, und wir unterrichten das noch nicht einmal", sagt Noller. Ein Medienführerschein, eine Office-Einführung oder eine freiwillige Informatik-AG am Nachmittag reiche da nicht aus. Jedes Kind solle zumindest die Grundzüge der Technik verstehen, von der es zunehmend umgeben ist. Sie nicht nur anwenden, sondern durchdringen können – damit es sie auch verändern kann. "Digitale Souveränität" ist das Ziel.