Es gibt viele Gründe, Genf zu besuchen. Touristen schätzen den gleichnamigen See mit dem Wahrzeichen Jet d'eau, die Altstadt, das Panorama vom Mont Salève, die Nähe zum Mont Blanc und zum Matterhorn. Andere besuchen geschäftlich eine der vielen internationalen Organisationen, die sich in Genf niedergelassen haben. Und so mancher Diktator möchte vielleicht gucken, was das eigene Schwarzgeld so macht, das in den Tiefen des Schweizer Bankwesens schlummert.

Tatsächlich ist Genf ein beliebtes Reiseziel unter Diktatoren weltweit. Das hat der Schweizer Investigativjournalist François Pilet vor einiger Zeit während einer Recherche herausgefunden. Ihm ist aufgefallen, dass etwa Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, der Staatspräsident Äquatorialguineas, auffällig oft nach Genf fliegt – und zwar mit einer Airline, die eigentlich gar nicht den europäischen Luftraum betreten dürfte. Fragwürdige diplomatische Ausnahmegenehmigungen machen es möglich.

Was genau Obiang in Genf jeweils will, weiß Pilet nicht. Möglicherweise hat der am längsten herrschende Staatspräsident der Welt einfach viele Geschäfte in der Schweiz zu erledigen. Doch seine Historie voller Korruptionsverfahren und Menschenrechtsverletzungen lässt zumindest Spielraum für Interpretationen. "Wir müssen uns jedes Mal, wenn ein Flugzeug landet, die Frage stellen: Ist er hier aus diplomatischen Gründen, oder weil er das Geld verstecken will, dass er seiner Bevölkerung gestohlen hat?", fragt Pilet im Gespräch mit dem IT-Portal The Verge.

Ein Twitterbot für Diktatorenflüge

Inspiriert von der Geschichte hat Pilet im Frühjahr den Twitter-Account GVA Dictator Alert gestartet. Dort wird automatisch gepostet, wann ein Flugzeug eines Diktators in Genf landet und wann es wieder abhebt. Vergangene Woche hat Pilet die Datenbank um 27 registrierte Flugzeuge erweitert. Sie gehören Autokraten aus unter anderem Algerien, Kuwait und Angola. Auch zwei Maschinen von Wladimir Putin sind darunter.

Das Projekt ist interessant, weil es einen Twitterbot mit Daten freiwilliger Helfer verknüpft, den Planespotters. So heißen Enthusiasten, die sowohl Flugzeuge fotografieren, als auch den Luftverkehr beobachten. Nicht nur mit dem bloßen Auge, sondern auch technisch. Viele betreiben sogenannte ADS-B-Empfänger, die aktuelle Informationen über den Flugverkehr in ihrem Empfangsgebiet aufzeichnen. Alle Flugzeuge senden ständig Daten über ihre Flugrichtung, Flughöhe, Geschwindigkeit und Flugnummer. Websites wie Flightradar24 nutzen sie, um damit den zivilen Luftverkehr fast in Echtzeit im Internet darzustellen.

Auch Pilet macht sich den ADS-B-Empfang zunutze. Gemeinsam mit seinem Bruder nutzt er Empfänger im Kreis Genf, um damit GVA Dictator Alert zu betreiben. Erkennen die Antennen ein registriertes Flugzeug, postet ein Twitterbot automatisch die entsprechenden Informationen: "A dictator's plane landed at #gva airport: Boeing 737 used by Kazakhstan government (P4-KAZ) on 2016/10/12 at 16:07:19", heißt es dann beispielsweise in einem Tweet.

Flugdaten können neue Erkenntnisse liefern

Der Journalist hofft, mit weiteren Spottern in der Nähe anderer europäischer Flughäfen zusammenarbeiten zu können und auch Informationen über Privatjets zu sammeln. So könnte nach und nach genauer nachvollzogen werden, welche Länder die Diktatoren der Welt oder ihre Abgesandten besuchen. "Sie glauben, sie sind verborgen", sagt Pilet. Sein Projekt aber zeige der Welt mit einem Tweet, wenn ihre Maschine den Boden in Genf berührt.

Es geht also in erster Linie um Transparenz, die andere Journalisten wiederum für ihre Recherchen nutzen könnten. Denn auch wenn ein Flug an sich noch nicht viel aussagt –  schon gar nicht, wer an Bord ist und ob er tatsächlich illegalen Geschäften dient –, könnte die Summe der Flüge interessante Verknüpfungen liefern.  

Dass dies funktionieren kann, hat etwa der Fall Zypern demonstriert. Vor drei Jahren zeigten unter anderem Recherchen von Spiegel Online, dass in Zypern im Jahr 2013 auffällig viele Privatjets aus Russland und der Ukraine landeten und starteten. Zypern gilt, ähnlich wie die Schweiz, als ein Steuerparadies. Vor allem russische Oligarchen pflegen eine innige Beziehung zu dem Inselstaat im Mittelmeer, sowohl was legale Holdinggeschäfte als auch Geldwäsche angeht. Die Flugverkehrsdaten illustrierten somit die Geldströme, die zwischen beiden Ländern flossen.

Wo ist Mugabe?

Im Fall von Robert Mugabe, 92 Jahre alt und Langzeitherrscher Simbabwes, können Flugdaten den Bürgern dazu dienen, die Verschwiegenheit der eigenen Regierung herauszufordern. Viele Simbabwer machen sich über ihren Präsidenten lustig: Wie er über Stufen stolpert oder sich bei einer Parade vor seinem eigenen Porträt verbeugt. Wer heute jünger als 36 ist – und das ist die Mehrheit der Bevölkerung – wurde nie von einem anderen Staatschef regiert. Der alte Mann, wie ihn Simbabwer nennen, soll seit vielen Jahren schwer krank sein und sich im Ausland behandeln lassen.

Die Regierung allerdings schweigt dazu; immer wieder gibt es Gerüchte über seinen Tod. Die Simbabwer nutzen deshalb nun Flighttracker, um nachzuverfolgen, wo sich die Präsidentenmaschine Air Zimbabwe Flight 1 gerade befindet. Zum Beispiel Anfang September vier Tage Dubai auf dem Rückflug nach Harare. Oder im März in Singapur, als Mugabe kurzfristig einen Staatsbesuch in Indien absagte. Er soll wegen Prostatakrebs behandelt worden sein, wie bei WikiLeaks nachzulesen ist. In Genf war Mugabe in letzter Zeit übrigens nicht.